Kultur & Gesellschaft

Umfangreiche Darstellung der Jahre Schreckens © Verlagsgruppe Styria
Umfangreiche Darstellung der Jahre Schreckens © Verlagsgruppe Styria

APA

Terrormetropole Wien: Neues Buch beleuchtet NS-Geschichte der Stadt

12.04.2017

1938 wurde auch Wien heim ins "Reich" geholt. Nach der Machtübernahme bemächtigten sich die Nazis mit ihrem Partei- und Verwaltungsapparat rasch der Stadt - die für nicht wenige zur Hölle mutierte. Die Autoren Robert Bouchal und Johannes Sachslehner haben sich auf Spurensuche begeben und machen in ihrem Buch "Das Nationalsozialistische Wien" die Topografie des Terrors sichtbar.

Das Wien der Nazis gab es schon, bevor der "Anschluss" vollzogen wurde, wenn auch vorerst nur im Verborgenen. In dem Band werden die umfangreichen Vorbereitungen für das Verteilen der Beute geschildert. In vielen Haushalten gibt es schon vor der Machtergreifung Hakenkreuzfahnen. Posten werden schon vor dem Einmarsch Hitlers vergeben.

Der bringt für viele Wienerinnen und Wiener jedoch das nackte Grauen. Beschrieben wird eine der ersten "Reibpartien", mit denen jüdische Mitbürger gequält werden. Ein betagtes Ehepaar muss am Praterstern ein Bild des Austrofaschisten Kurt Schuschnigg entfernen. Die Frau weint, der Mann versucht, ihre Hand zu streicheln, die Menge johlt. Und das ist erst der Beginn. Später, als der Blutrausch am Höhepunkt war, werden die Opfer in Güterwaggons gepfercht und an Zielorten wie Treblinka, Auschwitz oder Maly Trostinez oft sofort ermordet.

Rascher Wandel zu Bestien

Nach den Anschlägen der vergangenen Jahre, den Massenmorden in Nizza, Paris, Brüssel oder Utoya konnte man zumindest versuchen, sich dass Unfassbare begreifbar zu machen - in dem man es eingrenzt: Einzeltäter oder relativ kleine Terrorzellen waren dafür verantwortlich. Die NS-Diktatur führte jedoch vor Augen, wie erstaunlich rasch und ansatzlos und vor allem organisiert Menschen zu Bestien werden, die vor kurzem noch Nachbarn oder Kollegen waren.

Das bekamen die Betroffenen etwa in der "Reichskristallnacht" zu spüren. Nicht nur Bethäuser und Geschäfte werden zerstört, im Zuge der Novemberprogrome werden auch Menschen verhaftet, zusammengetrieben und brutal misshandelt. Zu den ersten derartigen Leidensstationen für Wiener Juden gehört die ehemalige Kloster-Lehranstalt in der Kenyongasse oder der Lohner-Hof in der Pramergasse. Von der Todesangst der dort einst traktierten Opfer ist nichts mehr zu spüren - die Orte selbst gibt es aber noch. Sie werden von den Autoren aufgesucht, wobei sie auf eine belebte Schule und ein modernes Wohnhaus stoßen. An die Tage des Schreckens erinnert nichts mehr.

Das gilt auch für andere steinerne Zeugen. Sie werden meist nicht mehr - oder nur in Ausnahmefällen - mit ihrer Rolle in den Jahren des Nationalsozialismus in Zusammenhang gebracht. Die Villa des Gauleiters Baldur von Schirach auf der Hohen Warte ist heute eine Botschaft. Dass Adressen wie Theobaldgasse 19 (Deutsche Arbeitsfront), Reisnerstraße 40 (Reichspropagandaamt) oder Albertgasse 35 (Hauptquartier der Hitlerjugend) bedeutend waren, ist ebenfalls weitgehend vergessen.

Auch verschwundenen Schauplätzen gedacht

Die Autoren besuchen auch jene Orte, die per se im Verborgenen liegen - also einige der noch existierenden Schutzbunker und -keller. Gedacht wird auch der verschwundenen Schauplätze wie dem Hotel Metropole am Morzinplatz, in dem die Gestapozentrale eingerichtet war, oder dem Aspangbahnhof, von dem die meisten Todeszüge in die Lager abfuhren. Anhand zahlreicher Einzelschicksale wird auch jenen Wienern gedacht, die ihren Widerstand - darunter konnte schon das Verfassen eines kritischen Gedichts fallen - mit dem Leben bezahlen mussten.

Geschont werden auch die Leser nicht: Das Hinrichtungsprozedere im Landesgericht wird genauso beschrieben wie das Ermorden von Menschen, denen aufgrund ihrer Krankheit das Recht auf Leben abgesprochen wurde. Auch aus Zeitzeugengesprächen bzw. Berichten von Tätern, Mitläufern und Opfern wird zitiert. "Monatlich töteten wir zwischen sechs und zehn Kinder", gesteht etwa der frühere Leiter der Euthanasieanstalt "Am Spiegelgrund" später vor Gericht. Apropos Gericht: Erstaunlich sind auch zahlreiche Schicksale der braunen Wiener Richter und Staatsanwälte. Viele von ihnen waren nach der NS-Zeit weiter für die Justiz tätig.

Das im Molden Verlag erschienene Buch bietet eine umfangreiche Darstellung der Jahre des Schreckens - die auch mittels Abbildungen dokumentiert werden. Historische Fotos, darunter auch bisher noch nicht veröffentlichtes Material, werden dabei durch aktuelle Aufnahmen ergänzt. Dass auch Plätze geschildert werden, die - heute - in Niederösterreich liegen, steht nicht im Widerspruch zum Titel der Publikation. Denn der "Reichsgau Wien" war flächenmäßig knapp dreimal so groß wie die heutigen Bundeshauptstadt. Es reichte im Süden fast bis Baden, im Westen bis Tullnerbach.

Service: "Das Nationalsozialistische Wien. Orte - Täter - Opfer" von Robert Bouchal und Johannes Sachslehner. Erschienen im Molden Verlag. 240 Seiten. Preis: 26,90 Euro. ISBN: 978-3-222-15002-9

Von Gerald Mackinger/APA

Weitere Meldungen Kultur & Gesellschaft
APA
Partnermeldung