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Österreich, um 1940 aufgenommene Fotografie © Anonym
Österreich, um 1940 aufgenommene Fotografie © Anonym

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Wiener Volkskundemuseum baut Sammlung privater Fotografie auf

09.10.2018

Im Wiener Volkskundemuseum ist am Dienstag die Ausstellung "'Alle antreten! Es wird geknipst!' Private Fotografie in Österreich 1930-1950" eröffnet worden. Sie ist Teil eines längerfristigen Forschungsprojekts, in dessen Rahmen eine große Sammlung privater Fotografie aufgebaut werden soll.

Die Ausstellung, die sich über zwei Räume im ersten Stock des Museums erstreckt und bis 17. Februar zu sehen ist, wird sich während der Laufzeit weiterentwickeln und verändern, erläuterten die Kuratoren Herbert Justnik und Friedrich Tietjen bei einer Pressekonferenz am Dienstag. Besucher sind nicht nur eingeladen, die Schau als klassische Ausstellung zu betrachten, sondern selbst tätig zu werden: entweder indem man das eigene Fotoalbum mitbringt und im Gespräch mit den Forschern erklärt oder sogar der Sammlung zur Verfügung stellt oder indem man sich an der Sichtung der Bestände beteiligt.

Die Wände des ersten Raums sind mit einer Masse an Reproduktionen von Fotos bedeckt. Sie stammen teils aus Schenkungen und Leihgaben, teils aus anonymen Fotoalben vom Flohmarkt. Viele von ihnen sind undatiert. Wer Fotografien erkennt oder Hinweise zu ihrer Entstehungszeit geben kann, solle sich melden, werden die Besucher auf einem Hinweisschild aufgerufen.

Der große zweite Raum dient nicht nur als Schau-, sondern auch als Forschungsraum. Neben einigen Schaukästen, in denen beispielsweise der Fokus auf die Rückseite von Fotografien mit ihren Datierungen, Beschreibungen und Nachrichten gelenkt wird, finden sich hier mehrere Arbeitsplätze, an denen sich die Besucher durch die Bestände arbeiten können.

Zäsur von 1938 kommt in den Fotos nicht vor

Eine der Ausstellungswände, die immer wieder neuen Themen gewidmet werden sollen, beschäftigt sich derzeit damit, welchen Niederschlag das Jahr 1938 in der privaten Fotografie fand. "Uns interessiert die Diskrepanz zwischen dem, was die Fotografien zeigen, und dem, was wir an Bildern aus den Geschichtsbüchern kennen", sagte Tietjen. "Rückblickend stellt der 'Anschluss' für uns eine riesengroße Zäsur dar. Diese Zäsur kommt in der privaten Fotografie nicht vor", erklärte Justnik.

Zwar gibt es einige Bilder, die den Einzug deutscher Truppen zeigen, insgesamt sind politische Ereignisse aber selten abgebildet. Stattdessen finden sich etwa Aufnahmen von Spaziergängen im Prater, datiert mit Frühjahr 1945. "Private Fotografie ist so etwas wie eine Wunschmaschine, die nicht abbildet, wie es passiert ist, sondern eher zeigt, wie man es gerne hätte und wie man es erinnern möchte", sagte Tietjen. Aufbewahrt werde das gute, schöne Leben.

Ziel der beiden Forscher ist es, eine Sammlung privater Fotografie, die ihren Sitz im Volkskundemuseum hat, aufzubauen. Derzeit besteht sie aus bis zu 20.000 Fotografien, schätzt Tietjen. Viele alte Alben würden im Müll landen. "Es geht darum, sie vor dem Verschwinden zu bewahren", sagte Justnik. "Wir werden sie brauchen, um zu sehen, wie hat das Leben im 19., 20. und 21. Jahrhundert funktioniert." Für das Projekt ruft das Volkskundemuseum nach wie vor Menschen dazu auf, ihre privaten Fotoalben ins Museum zu bringen und darüber zu erzählen.

Service: Infos unter fotosammlung@volkskundemuseum.at oder unter der Tel. 0677 625 354 00. Ausstellung "'Alle antreten! Es wird geknipst!' Private Fotografie in Österreich 1930-1950" von 10. Oktober 2018 bis 17. Februar 2019. https://www.volkskundemuseum.at/

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