Medizin & Biotech

Infizierte Tiere werden zum Schutz der Kolonie getötet © APA (dpa)
Infizierte Tiere werden zum Schutz der Kolonie getötet © APA (dpa)

APA

Ameisen verhalten sich bei Infektion wie Immunsystem

09.01.2018

Kommt eine Ameise mit einem Krankheitserreger in Berührung, wird sie von Artgenossen intensiv gereinigt und gepflegt, damit sie nicht die Kolonie gefährdet. Erfolgt dennoch eine Ansteckung, greifen die Ameisen zu drastischen Mitteln: Sie töten infizierte Koloniemitglieder - und gehen dabei ähnlich vor wie das Immunsystem von Wirbeltieren, berichten Forscher des IST Austria im Fachjournal "eLife".

Sylvia Cremer vom Institute of Science and Technology (IST) Austria in Klosterneuburg (NÖ) hat bereits vor einigen Jahren festgestellt, dass Kolonien der Ameisenart "Lasius neglectus" ein "soziales Immunsystem" aufbauen, indem mit Pilzsporen (Metarhizium) befallene Tiere von den anderen intensiv geputzt werden. Die pilzbefallenen Tiere zogen sich zurück, reduzierten die Pflege von gesunden Artgenossen drastisch und putzten sich selbst häufiger. Dadurch wird das Risiko gesenkt, dass der Pilz in den Körper eindringt, das Tier infiziert und tötet.

Schutz der Gruppe geht vor

Die Wissenschafterin ist nun gemeinsam mit Christopher Pull sowie mit britischen und deutschen Kollegen der Frage nachgegangen, was passiert, wenn die pflegenden Ameisen den Pilz nicht erfolgreich entfernen konnten. Dazu infizierten sie die Brut mit dem Pilz. Es zeigte sich, dass die Tiere dann radikal vorgehen.

"Die Ameisen sind in der Lage, kranke Koloniemitglieder schon in einer frühen Phase des Infektionsverlaufs zu riechen und zu isolieren. Danach führen sie das durch, was wir als 'destruktive Desinfektion' bezeichnen: das Töten von Pilz und erkranktem Tier, um den Erreger daran zu hindern, ansteckend zu werden und sich auf Nestgenossen auszubreiten", so Cremer in einer Aussendung.

Die Wissenschafter sehen in dieser Vorgangsweise erstaunliche Parallelen zum Immunsystem von Wirbeltieren. Bei der destruktiven Desinfektion entfernen die Ameisen den Seidenkokon der Puppen und beißen Löcher in den Körper. Durch diese injizieren sie Ameisensäure, die den Pilz gemeinsam mit der Puppe tötet. Ganz ähnlich, allerdings mit anderen Substanzen, gehen Immunzellen von Wirbeltieren gegen mit einem Krankheitserreger infizierte Zellen vor.

"Arbeiten wie Zellen eines Körpers zusammen"

Cremer hat eine evolutionäre Erklärung für die Ähnlichkeit: "Ameisen in einer Kolonie arbeiten zusammen wie Zellen eines Körpers, daher werden Ameisenkolonien auch manchmal als Superorganismus bezeichnet." Die Fähigkeit, schädliche Elemente zu entdecken und zu zerstören, sei wahrscheinlich sowohl für die Entwicklung von ein- zu mehrzelligen Organismen als auch für die Evolution von Superorganismen aus zahlreichen einzelnen Tieren nötig.

Service: http://dx.doi.org/10.7554/eLife.32073

Weitere Meldungen aus Medizin & Biotech
APA
Partnermeldung