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Neue Ansätze versprechen Hoffnung © APA (Fohringer)
Neue Ansätze versprechen Hoffnung © APA (Fohringer)

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Doch wieder Chancen auf individuelle Krebsvakzine

05.07.2017

Nach vielen Jahren zumeist völliger Fehlschläge könnte sich wieder eine Chance auf individualisierte Krebsimpfstoffe ergeben. Zwei kleine Studien in "Nature" an Melanompatienten könnten jetzt erste Anhaltspunkte liefern. Möglicherweise wären solche Vakzine in der Lage, andere Immuntherapien gegen Krebs zu verstärken. An einer der Studien hat auch ein Immundermatologe aus Wien mitgewirkt.

Bei den Arbeiten geht es um die Entwicklung neuer, für den einzelnen Patienten mit weit fortgeschrittener Melanomerkrankung "personalisierter" Immuntherapien. Bereits 1994 haben Immundermatologen der Wiener Universitätsklinik unter Georg Stingl in Zusammenarbeit mit dem deutschen Pharmakonzern Boehringer Ingelheim und dem Institut für Molekulare Pathologie (IMP/Wien) versucht, Melanomkranke mit eigens aus ihren Tumoren erzeugten Vakzinen zu impfen. Die körpereigene Abwehr sollte damit so gestärkt werden, dass das Immunsystem die bösartigen Zellen besser bekämpft.

Diese Entwicklung wurde schließlich abgebrochen. In den Jahren darauf versuchten Wissenschafter weltweit, für Tumorerkrankungen jeweils spezifische Proteine zu entdecken, um über ausreichend immunogene Impfstoffe eine Abwehrreaktion gegen die bösartigen Zellen hervorzurufen. Die Erfolge blieben bisher recht bescheiden. Tumoren, die ja vor allem die Charakteristika des "eigenen" Gewebes der Betroffenen tragen, sind ziemlich perfekt im Tarnen gegenüber dem Immunsystem, hieß es vor kurzem bei einem zweitägigen Symposiums über Immuntherapien bei Krebs des zentraleuropäischen Onkologie-Netzwerks CECOG in Wien. Trotzdem ist längst klar belegt, dass bösartige Tumore auch "Neo-Antigene" aufweisen, die auf gesunden Zellen des Patienten nicht vorkommen und somit für das Immunsystem bei entsprechender Unterstützung durch eine Impfung erkennbar sein müssten.

"Obwohl man diese Neo-Antigene seit langem als optimale Ziele für eine Abwehrreaktion angesehen hat, wurde ihre systematische Identifizierung erst durch das Vorhandensein der Möglichkeit zum Sequenzieren aller Mutationen in Tumoren möglich", schrieb jetzt Catherine Wu von der Abteilung für Onkologie am Dana-Farber Krebsinstitut in Boston (Massachusetts/USA) in "Nature". In ihrer Studie wurde für jeden von sechs Melanompatienten ein individueller Krebsimpfstoff mit jeweils bis zu 20 nur bei dem einzelnen Kranken vorliegenden Neo-Antigenen in den Tumoren produziert. Bei vier der sechs Probanden kam es im Zeitraum von 25 Monaten nach den Impfungen zu keinem Wiederaufflackern der Melanomerkrankung. Bei den zwei anderen Patienten erfolgte ein Fortschreiten der Erkrankung, allerdings brachte bei ihnen eine zusätzliche Immuntherapie mit einem monoklonalen Antikörper zur Beseitigung der "Immunbremse", mit der Tumoren an sich aggressive T-Lymphozyten von sich fernhalten, ein Verschwinden des Melanoms.

Solche Therapeutika sind monoklonale Antikörper, welche die T-Lymphozyten durch Hemmung der sie bremsenden Interaktion der Oberflächenfaktoren PD-1 und PD-L1 und oder CTLA-4 wieder "scharf" machen. Bei der fortgeschrittenen Melanomerkrankung haben monoklonale Antikörper gegen CTLA-4, PD-1 oder PD-L1 in den vergangenen Jahren völlig neue Behandlungsmöglichkeit geschaffen. Manche der Behandelten, die sonst nur noch eine kurze Lebenserwartung hätten, zeigen sogar langfristig ein Verschwinden oder eine Stabilisierung der Erkrankung. Die Onkologen hoffen, eventuell durch eine zusätzliche Impfung gegen die bösartigen Zellen den Effekt der monoklonalen Antikörper deutlich zu erhöhen.

Zweite Studie auf Basis von RNA

Die zweite Studie erfolgte mit einer vom Biotech-Unternehmen "BioNTech" aus Mainz in Deutschland entwickelten personalisierten Melanom-Vakzine auf Basis von Ribonukleinsäure (RNA), welche nach der Impfung die Produktion von Tumor-Neo-Antigenen im Körper fördern und damit die Immunantwort verstärken soll. An der Arbeit nahm auch der Wiener Immundermatologie-Spezialist Christoph Höller teil.

Ugur Sahin und die Co-Autoren, unter ihnen Höller von der Wiener Universitäts-Hautklinik (MedUni Wien/AKH), immunisierten 13 Probanden mit fortgeschrittenem bzw. sehr weit fortgeschrittenem Melanom bis zu 20 Mal mit einer individuelle für jeden einzelnen Patienten hergestellten Vakzine zur Verstärkung der Immunabwehr gegen die Neo-Antigene der Tumorerkrankung.

"Alle Patienten zeigten eine T-Zell-Immunantwort gegen jeweils mehrere der Neo-Antigene (...)", schrieben die Autoren, unter ihnen auch Höller. Bei zwei der Probanden ließ sich im Labor ein Eindringen der "scharf" gemachten Immunzellen in den Tumor nachweisen. Acht der 13 Behandelten blieben bis 23 Monate nach dieser Therapie tumorfrei. Das bedeutet, dass man in CT-Untersuchungen keinen Tumor mehr entdecken konnte. Das heißt aber noch lange nicht, dass der Krebs völlig verschwunden ist.

Vier Patienten hatten einen Rückfall. Bei zwei von ihnen kam es zu einem teilweisen Rückgang der Erkrankung und bei einem von ihnen sogar zum kompletten Verschwinden des Tumors, nachdem sie nach der Impfung noch zusätzlich mit eine Anti-PD-1-Therapie (monoklonale Antikörper gegen PD-1 oder PD-L1) behandelt wurden. Bei einem der Probanden stellte sich eine komplette Rückbildung der Tumorerkrankung ein. Auch in solchen Fällen ist entscheidend, wie lange das anhält.

Die Überlegung hinter allen diesen Entwicklungen liegt nicht darin, durch eine Vakzine eine völlige Heilung bei Krebserkrankungen zu erzielen. Vielmehr sollen die Immuntherapien - zum Beispiel Anti-PD-1-, Anti-PD-L1- oder Anti-CTLA4-Antikörper - per zusätzlicher Impfung noch effektiver gemacht werden. Auch eine Strahlentherapie mit nachfolgender Immuntherapie wäre denkbar.

Den Beleg einer Wirksamkeit dieser Strategie stellen die beiden Studien nicht dar. Sie kann erst durch größere Vergleichsunteruntersuchungen bewiesen werden.

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