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Wie viele "Carbs" sind gesund? © APA (AFP)
Wie viele "Carbs" sind gesund? © APA (AFP)

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Erste europäische Low-Carb-Gesellschaft in Salzburg gegründet

08.10.2018

Zum ersten Mal haben sich Low-Carb-Experten zusammengetan und eine Fachgesellschaft gegründet. Die Mitglieder aus Österreich, Deutschland, der Schweiz, Italien, Irland und Schweden haben sich vor kurzem in Eugendorf in Salzburg getroffen und ESSKLA (The European Scientific Society of Ketogenic and Low Carb Alimentation, Anm.) aus der Taufe gehoben. Ein Fachkongress ist bereits für 2019 geplant.

Ziel ist es, wissenschaftliche Erkenntnisse rund um das Thema Low Carb (Kohlenhydratzufuhr von weniger als 45 Prozent täglich, Anm.) verstärkt ins Zentrum zu rücken und einen Informationsaustausch zwischen Ärzten, Ernährungswissenschaftern, Diätologen, Sportwissenschaftern, Biologen und anderen verwandten Wissenschaftern zu fördern, sagte die designierte ESSKLA-Präsidentin Ulrike Kämmerer im APA-Gespräch. "Multizentrisch, normalerweise sind auf dem Gebiet alle nur Einzelkämpfer".

Erstes Ziel Fachkongress 2019

In Zukunft soll die Wissenschaft auf dem Gebiet gefördert werden. "Wir wollen Plattform für Wissenschafter, Ärzte und Anwender sein", fügte ESSKLA-Pressesprecherin Ulrike Gonder hinzu. Sitz von ESSKLA ist in Wien. Erstes Ziel ist der Fachkongress im kommenden Jahr.

Positive Effekte durch die Reduktion von Kohlenhydrate sind bereits bei Epilepsie, in der Onkologie, bei neurodegenerativen Erkrankungen wie Alzheimer sowie bei Adipositas dokumentiert, berichtete die ESSKLA-Präsidentin. Derzeit laufen laut Kämmerer weltweit an die 30 Studien zu diesem Thema.

Erst kürzlich wurde eine Untersuchung auf der Universitätsklinik Würzburg, an der Kämmerer als Biologin tätig ist, abgeschlossen. Bei der Untersuchung wurden Krebspatienten drei Ernährungsformen verordnet: Die eine Gruppe ernährte sich ketogen (unter zehn Prozent Anteil Kohlenhydrate), die zweite erhielt moderate kohlenhydratreduzierte Kost und die dritte Gruppe orientierte sich an den Ernährungsempfehlungen der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) mit einem Kohlenhydrat-Anteil von mehr als 50 Prozent.

Stärkste Steigerung bei ketogener Gruppe

Bei der Sport-Leistungs-Messung konnten sich bei Ausdauer und Kraft alle Probanden steigern, am meisten jedoch die ketogene Gruppe und die DGE-Gruppe. Das Muskel-Fett-Verhältnis war zudem mit ketogenem Essen am besten, was bei Krebspatienten besonders wichtig ist, wie Kämmerer betonte.

Ein großes Anliegen der Gesellschaft ist es, unreflektierten Ernährungsmythen wissenschaftliche Fachmeinungen gegenüber zu stellen. Zuletzt hat die Universitätsprofessorin Karin Michels mit der Aussage bei einem Vortrag "Kokosöl ist reines Gift" für Aufregung gesorgt. "Dabei enthält das Öl viel MCT (mittelkettige Triglyceride, Anm.), was wiederum gut gegen Alzheimer ist. Jetzt essen alle kein Kokosöl mehr, weil sie Angst vor dem Herzinfarkt haben. Der Schaden ist da und ganz schwer wieder zu beheben", kritisierte Kämmerer die Aussage Michels. Die Professorin hat sich in der Zwischenzeit für den Kommentar entschuldigt, das Video ihres Vortrags wurde vom Netz genommen.

Unter den Mitbegründern von ESSKLA befand sich auch der Münchner Ernährungswissenschafter Nicolai Worm, der mit der "LOGI-Methode" und dem "Flexi-Carb-Prinzip" seit 15 Jahren Low-Carb-Ernährung vor allem im deutschsprachigen Raum bekannt macht und über die Volkskrankheit der Fettleber geschrieben hat. Er hat vor 20 Jahren nach einem Gewichtshöchststand mit kohlenhydratreduzierter Kost erfolgreich abgenommen.

Kritik an "völlig veralteter Empfehlung"

Worm kritisierte die "völlig veraltete Empfehlung" der DGE, aber auch jene der Österreichischen Gesellschaft für Ernährung (ÖGE), wonach die Ernährung mehr als 50 Prozent Kohlenhydrate enthalten muss. "Diese Empfehlung ist mehr als 100 Jahre alt und stammt aus einer Zeit der Industrialisierung, wo die Leute hart gearbeitet haben, lange Wege in die Arbeit zu Fuß oder mit dem Fahrrad zurückgelegt haben", sagte Worm. Die Menschen damals hatten einen höheren Energiebedarf als heute. "Das war damals sinnvoll unter diesen Umständen. Vielleicht schafft man jetzt mit anderen Voraussetzungen eine neue Empfehlung im Jahr 2018." Denn die Menschen werden immer dicker, es gibt mehr Fälle von Diabetes und Fettleber. "Da hätte man schon einmal drauf kommen können", sagte Worm.

"Es tut sich was, aber langsam", meinte auch der deutsche Kardiologe Volker Dahmen. Der Mediziner hat in seiner 15-jährigen Praxis bemerkt, dass seine Patienten immer jünger werden, es sind auch bereits Kinder darunter. Schuld daran sei die Ernährung, die vor allem von Zucker bestimmt ist. Er selbst hatte früher täglich eine Tafel Schokolade gegessen und zwei Liter gespritzten Apfelsaft getrunken, bis seine Darmflora beschädigt und er letztlich schwer krank wurde. "Mein Arzt bezeichnete mein Mikrobiom damals als Kloake", sagte Dahmen.

Als ehemaliger Leistungssportler war für ihn eine kohlenhydratreiche Ernährung "völlig normal". Nun musste er aufgrund seines schlechten Gesundheitszustandes umstellen, er entschied sich für eine kohlenhydratreduzierte Ernährung. "Ich hätte es nicht geändert, wenn ich diese Erfahrung nicht gemacht habe", gab Dahmen zu. Für ihn ist es nun vor allem wichtig, unverarbeitete Lebensmittel zu sich zu nehmen, was er auch seinen Patienten empfiehlt. "Man ist, was man isst, hat schon meine Großmutter gesagt", meinte der Kardiologe.

Service: Informationen zur Gesellschaft unter der Homepage https://www.esskla.com/ oder unter presse@esskla.com

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