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Fast ein Viertel aller Jugendlichen in Österreich leidet aktuell an einer psychischen Erkrankung

01.06.2017

23,93 Prozent aller Jugendlichen in Österreich leiden aktuell an einer psychischen Erkrankung, über ein Drittel aller Jugendlichen hat irgendwann in ihrem Leben eine seelische Erkrankung - das sind die zentralen Ergebnisse der ersten österreichweiten, epidemiologischen Studie zur Prävalenz von psychischen Erkrankungen in Österreich, die unter der Leitung von Andreas Karwautz und Gudrun Wagner an der Universitätsklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie der MedUni Wien in Kooperation mit dem Ludwig Boltzmann Institut Health Promotion Research durchgeführt und in einem Topjournal der Kinder- und Jugendpsychiatrie veröffentlicht wurde.

Die vorliegende Studie ist nicht nur die erste für ganz Österreich, auch ihr Spektrum ist bisher einzigartig: Es wurden 27 Krankheitsbilder - erstmals weltweit - laut DSM-5-Katalog (Diagnostic and Statistic Manual of Mental Disorders - dem Klassifikationssystem der USA) erfasst, dazu wurden rund 4.000 Jugendliche zwischen 10 und 18 Jahren in ganz Österreich befragt, davon fast 500 mit persönlichen Interviews. Insgesamt nahmen 340 österreichische Schulen teil.

"Die häufigsten Störungsbilder betreffen Angststörungen, gefolgt von Störungen der psychischen und neuronalen Entwicklung und depressiven Störungen", fasst Kinder- und Jugendpsychiater Karwautz zusammen. Im Detail zeigen Mädchen und Burschen unterschiedliche Störungsbilder. Während die männlichen Jugendlichen fast drei Mal so häufig an Störungen der psychischen und neuronalen Entwicklung (z.B. ADHS-Syndrom / Aufmerksamkeitsdefizits-und-Hyperaktivitätssyndrom) leiden als Mädchen und sechsmal so häufig an Verhaltensstörungen (z.B. Impulskontrolle), leiden doppelt so viele weibliche Jugendlichen an Angststörungen und sogar zehn Mal so häufig an Essstörungen als Burschen.

Nur jede/r Zweite nimmt Hilfe in Anspruch

Ein weiteres Ergebnis der Studie: Nicht einmal die Hälfte jener Jugendlichen, die mindestens einmal im bisherigen Leben an einer psychischen Störung erkrankt ist, hat bisher fachgerechte Hilfe bei einem Kinder- und Jugendpsychiater in Anspruch genommen. Der Besuch beim zuständigen Facharzt hängt stark vom einzelnen Krankheitsbild ab: Rund 63 Prozent der befragten Jugendlichen mit ADHS waren beim Facharzt, bei Essstörungen waren es nur knapp 20 Prozent, noch weniger bei suizidalen Verhaltensstörungen (16,7 %) und nicht-suizidalem, selbstverletzenden Verhalten (10,0 %).

Die Gründe dafür liegen laut Karwautz einerseits in der - immer noch bestehenden - Stigmatisierung der Erkrankungen und einer damit sehr hohen Hemmschwelle, sich einem Arzt anzuvertrauen, das unzureichende Verständnis der Bezugspersonen für psychische Erkrankungen, sodass das manifeste Problem oft gar nicht erkannt wird, aber auch die noch zu niedrige Anzahl an Kinder- und Jugendpsychiatern und der dementsprechenden Einrichtungen in Österreich, da das Sonderfach erst seit 10 Jahren existiert.

Karwautz: "Derzeit gibt es in ganz Österreich 26 niedergelassene Kinder- und Jugendpsychiater mit Kassenvertrag, und 0,04 Betten pro 1000 Einwohner. Da das Fach rezent als Mangelfach definiert wurde, besteht Hoffnung auf eine Vermehrung der Ausbildungsstellen, was eine Voraussetzung einer zukünftigen Vollversorgung ist. Diese zu erreichen, ist nur durch eine gemeinsame Anstrengung der Träger, politischer Strukturen und der Fachgesellschaften möglich".

Karwautz appelliert besonders an die Eltern, bei deutlichen Verhaltensänderungen des Kindes unbedingt die Hilfe eines/r Kinder- und Jugendpsychiaters/psychiaterin in Anspruch zu nehmen: "Sollte man eine Verhaltensänderung wahrnehmen, auch, wenn sich das Kind extrem zurückzieht oder Tics entwickelt, sollte man das vom Facharzt anschauen lassen. Und ganz wichtig: Je früher die Behandlung beginnt, desto besser die Prognose für die Zukunft." Fachgerechte Hilfe ist möglich!

Service: European Child & Adolescent Psychiatry

"Mental health problems in Austrian adolescents: a nationwide, two-stage epidemiological study applying DSM-5 criteria." G. Wagner, M. Zeiler, K. Waldherr, J. Philipp, S. Truttmann, W. Dür, J. Treasure, A. Karwautz. May 8, 2017, DOI: 10.1007/s00787-017-0999-6.

Die Studie entstand in Kooperation von MedUni Wien und dem Ludwig Boltzmann Institut Health Promotion Research, das inzwischen seine Tätigkeit beendet hat; gefördert wurde sie von "Gemeinsame Gesundheitsziele" aus dem Rahmen-Pharmavertrag, eine Kooperation von österreichischer Pharmawirtschaft und Sozialversicherung.

Rückfragehinweis:
   Medizinische Universität Wien
   Mag. Johannes Angerer
   Leiter Kommunikation und Öffentlichkeitsarbeit
   +431 40160 - 11 501
   Mobil: +43 664 800 16 11 501
   mailto:johannes.angerer@meduniwien.ac.at
   http://www.meduniwien.ac.at

Digitale Pressemappe: http://www.ots.at/pressemappe/1238/aom

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