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In Krebsmedizin müssen Therapie und Wissenschaft gleichzeitig erfolgen © APA (Hochmuth)
In Krebsmedizin müssen Therapie und Wissenschaft gleichzeitig erfolgen © APA (Hochmuth)

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Gesundheitsforum - Ohne Forschung keine Spitzenmedizin

11.05.2017

Eine am internationalen Spitzenstandard orientierte Krebstherapie ist ohne gleichzeitige Forschung an den dabei engagierten Zentren nicht mehr möglich. Das sagten Experten beim Gesundheitsforum Seitenstetten "Prävenire". Österreich gebe viel zu wenig für klinische Forschung aus, es fehle ein Darmkrebs-Früherkennungsprogramm,

"Innovation ist unverzichtbar, um den Standard aufrechtzuerhalten", sagte Michael Gnant, Chef der Chirurgischen Universitätsklinik in Wien (MedUni Wien/AKH). "Forschung und Innovation sind gut, nicht teuer und gefährlich."

Gnant ist auch Leiter des größten österreichischen Forschungsnetzwerkes in Sachen Krebs. Im Rahmen der Studiengruppe zu Brust- und Dickdarmkrebs (ABCSG) führen mehr als 100 beteiligte Zentren mit mehr als 900 Prüfärzten ständig international beachtete wissenschaftliche Studien zu neuen Krebstherapien durch. "30 Prozent aller Brustkrebspatientinnen werden in Österreich derzeit in solche Studien aufgenommen. Zu uns kommen Patientinnen mit der Frage, ob wir eine Studie für sie hätten", berichtete Gnant. Könnte man 30 Prozent aller Krebspatienten in Europa in wissenschaftliche Studien aufnehmen, wäre jede zu untersuchende wissenschaftliche Frage binnen drei Monaten geklärt.

In Österreich wird laut den Daten des Chirurgen die Forschung an Patienten viel zu wenig von der öffentlichen Hand, zum Beispiel im Rahmen der Forschungsförderung unterstützt. Man nehme dabei im internationalen Vergleich den letzten Platz ein, betonte der Experte. So zum Beispiel geben die USA pro Einwohner und Jahr 18 Euro für klinische Forschung aus. Das läuft vor allem über die Nationalen Gesundheitsinstitute (NIH). In Großbritannien sind es sechs Euro pro Einwohner und Jahr, ähnlich sei die Situation in Skandinavien. In einer Balkengrafik Gnants war Österreich da nur noch als "Strich" am untersten Ende erkennbar.

Mortalität um ein Drittel reduziert

Dabei hat die Wissenschaft gerade beim Mammakarzinom in den vergangenen 20 Jahren enorme Erfolge für die Patientinnen gebracht. "Wir haben in Österreich pro Jahr rund 5.300 Neuerkrankungen. Es kam innerhalb von 20 Jahren zu einer Reduktion der Mortalität um ein Drittel. Das sind pro Jahr rund 2.000 Särge weniger." Die Rate der brusterhaltenden Eingriff wegen eines Mammakarzinoms stieg an der Wiener Universitätsklinik seit 2007 von 75 auf 92 Prozent.

Ein Vorteil dieser Aktivitäten in Kombination mit dem österreichischen Sozialversicherungssystem: Diese Spitzenmedizin ist für alle Patientinnen zugänglich und verfügbar. Die klinischen Studien führen nämlich dazu, dass sich die Behandlungsmodalitäten an allen beteiligten Zentren am höchsten Standard orientieren müssen und bei den Beteiligten die entsprechende Expertise entsteht. In den USA hingegen ist der Zugang zur Spitzenversorgung auf die international bekannten Top-Kliniken beschränkt, die Inanspruchnahme hängt von der finanziellen Situation des Einzelnen ab.

Darmkrebs-Screeningprogramm fehlt

Bei allen aktuellen Diskussionen über das Mammografie-Screening in Österreich fehlt es weiterhin an dem wahrscheinlich bei Krebs effizientesten Präventions- und Früherkennungsprogramm: ein Programm zur Propagierung der Koloskopie (Darmspiegelung) zur Entdeckung von Vor- und Frühstadien für Dickdarmkarzinome.

"Wir haben pro Jahr rund 5.000 Neuerkrankungen an Dickdarmkrebs und zirka 2.500 Sterbefälle", sagte Thomas Bachleitner-Hofmann von der Chirurgischen Universitätsklinik in Wien (MedUni/AKH) beim Gesundheitsforum Seitenstetten. Die Fünf-Jahres-Überlebensrate werde einfach durch das Stadium bestimmt, in dem ein solches Karzinom entdeckt werde.

Während bei Entfernung von bei der Koloskopie entdeckten verdächtigen Darmpolypen und Vorstadien für Karzinome faktisch mit der dieser Früherkennungsuntersuchung sofort jede Gefahr beseitigt werden könnte, sei im Stadium III mit Lymphknotenbefall die Problematik schon größer: 55 Prozent der Heilungsrate gehen dann auf die Chirurgie zurück, weitere 25 Prozent bringe eine Chemotherapie. Die Sterblichkeit liegt aber bereits bei 20 Prozent. Im Stadium IV mit Fernmetastasen lag im Jahr 2001 die Fünf-Jahres-Überlebensrate nur noch bei drei Prozent, aktuell sind es laut dem Experten immerhin schon 30 Prozent. Doch Heilung kann nicht mehr erzielt werden. Der therapeutische Aufwand ist groß.

In Vorarlberg und im Burgenland schon umgesetzt

In Vorarlberg wurde beispielsweise ein landesweites Dickdarm-Screeningprogramm auf die Beine gestellt. Das ist - bis auf das Burgenland - sonst in Österreich nicht vorhanden. "Von insgesamt 120.000 Personen in der Zielgruppe wurden rund 30.500 untersucht", sagte Bachleitner-Hofmann. 0,5 Prozent der Untersuchten hatten wirklich ein Karzinom. 70 Prozent dieser Erkrankungen wurden im zumeist heilbaren Stadium II diagnostiziert. Laut den Berechnungen aus Vorarlberg ließen sich bei zehn Jahren Laufzeit 1.600 Darmkrebsdiagnosen im unheilbaren Stadium IV durch ein solches flächendeckendes Screening-Programm mit Einladungen an alle über 50-Jährigen verhindern.

Experten halten die Koloskopie alle etwa zehn Jahre für jeden über 50-Jährigen für die wahrscheinlich beste existierende Krebs-Screening-Untersuchung: Mit der einfachen Entfernung von Darmpolypen und Krebs-Vorstufen per Endoskop lassen sich Karzinome verhindern. Bei entsprechender Qualität der Untersuchung ergeben sich viel weniger Unschärfen als beispielsweise beim Mammografie-Screening.

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