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Landsteiner öffnete das Tor für die moderne Transfusionstechnik © Wikimedia commons
Landsteiner öffnete das Tor für die moderne Transfusionstechnik © Wikimedia commons

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Karl Landsteiner: Medizin-Nobelpreisträger vor 150 Jahren geboren

05.06.2018

In einer Würdigungsrede wurde Karl Landsteiner - 1930 erhielt der gebürtige Wiener den Nobelpreis für Medizin - als "Gigant der Immunologie" bezeichnet. Wahrscheinlich müsste man den vor 150 Jahren auf die Welt gekommenen Wissenschafter (14. Juni 1868; gestorben am 26. Juni 1943) einen "Giganten der Medizin" nennen. Sein Leben war von wissenschaftlichen Durchbrüchen begleitet.

Den "besten Riecher" für heiße Themen könnte Landsteiner - in Wien-Leopoldstadt in der Unteren Donaustraße 27 geboren - ererbt haben: Sein Vater war Journalist. Das Wasagymnasium in Wien-Alsergrund darf sich bis heute seiner Schülerschaft rühmen. Von 1885 bis 1891 studierte der spätere Nobelpreisträger Medizin. In Würzburg, Zürich und München eignete er sich zusätzliches chemisches Wissen an. Bei dem Hämatologen Otto Kahler (Kahler-Syndrom) absolvierte Landsteiner an der Universitätsklinik in Wien seine Spitalsausbildung. Bis 1908 arbeitete er dort als Pathologe. 1903 habilitierte sich Landsteiner, von 1908 bis 1920 war er Pathologe am Wiener Wilhelminenspital.

In den beschriebenen Zeitabschnitt fällt auch die Entdeckung der Blutgruppen durch den Wissenschafter, durch die Landsteiner zu Weltruhm und zum Nobelpreis kam. "Das Serum gesunder Menschen wirkt nicht nur auf tierische Blutkörperchen, sondern öfters auch auf menschliche, von anderen Individuen stammende. Es bleibt zu entscheiden, ob diese Erscheinung durch ursprüngliche individuelle Verschiedenheiten oder durch die erfolgte Einwirkung von Schädigungen etwa bakterieller Natur ist", schrieb der Wissenschafter im Jahr 1900 über seine Arbeiten.

Agglutination beobachtet

Landsteiner hatte beobachtet, wie Serum von einem Menschen mit Blutkörperchen eines anderen infolge von Unverträglichkeitsreaktionen verklumpte (Agglutination). Am 14. November 1901 schrieb der Wissenschafter über die möglichen Konsequenzen seiner Beobachtungen in der Wiener klinischen Wochenschrift: "Endlich sei noch erwähnt, dass die angeführten Beobachtungen die wechselnden Folgen therapeutischer Menschenbluttransfusionen zu erklären gestatten."

Die Kreuzreaktion zwischen immunologisch unterschiedlichem Serum bzw. Blutkörperchen ließ Landsteiner zunächst von den Blutgruppen A, B und C sprechen. Insgesamt gibt es vier Blutgruppen, die heute als A, B, AB und 0 (für C) bezeichnet werden.

Man braucht die Bedeutung dieser Entdeckung eigentlich nicht zu erklären: Endlich gab es eine Möglichkeit, Testmethoden für die Verträglichkeit von Spenderblut mit dem Empfänger zu entwickeln. Jahrhundertelang hatte sich die Medizin mit dem Problem der Bluttransfusionen auseinandergesetzt und war an den Unverträglichkeitsreaktionen gescheitert. Nun war das Tor offen für die moderne Transfusionstechnik. Schon 1902 konnte Landsteiner zusammen mit einem Gerichtsmediziner Ergebnisse vorstellen, wonach man auch mit getrocknetem Blut solche Untersuchungen durchführen kann. Täternachweis, Vaterschaftsbestimmungen etc. wurden möglich.

Über Den Haag nach New York

Ein weiterer Meilenstein in der Tätigkeit Karl Landsteiners waren Arbeiten zur Auflösung des Blutes (Hämolyse). 1905 gelang es ihm, den Erreger der Syphilis auf niedere Affenarten zu übertragen und er arbeitete auch an einem Impfstoff gegen die Krankheit. 1906 führte er mit speziellen Mikroskopen (Dunkelfeld-Mikroskopie) eine neue Methode zur Beobachtung der Syphilis-Erreger (Spirochäten) ein.

Auch die Kinderlähmung war Anfang des Jahrhunderts noch ein weitgehend unerforschtes Gebiet. 1908 berichtete Landsteiner davon, dass er erstmals aus dem Rückenmark eines erkrankten Buben Proben gewinnen und damit die Krankheit auf Affen übertragen konnte. Dies gelang schließlich auch bei Schimpansen, bei denen auf diese Weise ebenfalls ein ähnliches Krankheitsbild hervorgerufen wurde. Weiters erbrachte der Wiener Wissenschafter den Nachweis, dass eine einmal überstandene Kinderlähmung einen immunologischen Schutz vor weiteren Infektionen verursacht.

Nach dem Ende des Ersten Weltkrieges fand sich der Wissenschafter in einer prekären Situation. Die große Zeit der Wiener Medizinischen Schule war - mit dem Zusammenbruch der Donaumonarchie - vorbei. Um besser forschen zu können, ging er zunächst nach Den Haag (1919), doch 1922 nahm er eine Berufung an das Rockefeller Institut für Medizinische Forschung in New York an. Dort arbeitete Landsteiner bis zu seinem Tod.

Noch in den Niederlanden hatte der Wissenschafter entscheidende immunologische Erkenntnisse erarbeiten können: 1921 bewies er, dass Antigene - also jene Stoffe, auf die das Immunsystem reagiert - nicht nur Eiweißsubstanzen sein müssen, sondern auch pflanzlichen Ursprungs sein können. Damit kam die Allergologie einen großen Schritt weiter. Schließlich formulierte er auch den Begriff "Hapten" für Antigen-Anteile, die zwar keine immunisierende Wirkung haben, trotzdem aber zu Reaktionen des Abwehrsystems führen. 1926 - bereits in New York - entdeckte Landsteiner neue Faktoren im menschlichen Blut. Langsam setzte sich damit die Auffassung durch, dass jeder Mensch gänzlich individuelle Merkmale in seinem Blut aufweist.

Entdeckung des Rhesusfaktors

Der Medizin-Nobelpreis des Jahres 1930 ehrte somit keinen Wissenschafter, der seine "große Zeit" bereits hinter sich hatte. Ganz im Gegenteil: 1940, ein Jahr nach seiner Emeritierung, landete der gebürtige Wiener seinen letzten großen "Coup" mit der Entdeckung des Rhesusfaktors im Blut. Diese Arbeiten entstanden gemeinsam mit Alexander Wiener (1906 bis 1976).

Wiener war es auch, der noch 1940 nachweisen konnte, dass der Rhesusfaktor die Ursache für bis dahin nicht verstandene Unverträglichkeitsreaktionen trotz Übereinstimmung der Blutgruppen bei Transfusionen war. Aufgeklärt war damit auch der Grund für die Neugeborenen-Gelbsucht als Nicht-Übereinstimmung im Rhesusfaktor zwischen Mutter und Kind.

1936 erhielt Landsteiner von der renommierten Harvard University die Ehrendoktorwürde verliehen. "Er begründete eine Gedankenschule, die überall wirkt, wo Immunologen arbeiten", hieß es in der Laudatio. Retrospektiv wird wohl anzumerken sein, dass die Forschungen des gebürtigen Wieners auch heute noch überall dort "wirken", wo die Mediziner im Dienste der Patienten arbeiten. Man braucht nur an die täglich weltweit wahrscheinlich Millionen Bluttests denken.

Am 26. Juni 1943 starb Landsteiner in New York. Zwei Tage vorher hatte er noch in seinem Labor gearbeitet.

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