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Lage um das Lungenkarzinom ist weltweit schlecht © APA
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Mehrfach-Kombinationstherapie bei Lungenkrebs erfolgreich

04.07.2018

Jährlich 1,8 Millionen Lungenkrebs-Neudiagnosen und 1,6 Millionen Todesopfer belegen den enormen Bedarf an neuen und wirksamen Therapien beim Lungenkarzinom. Einen deutlichen Fortschritt könnte eine Mehrfachbehandlung mit Immuntherapie, Zytostatika und einem Medikament zur Blockierung des Tumor-Gefäßwachstums darstellen, sagten jetzt Wiener Experten gegenüber der APA.

Wolfgang Hilbe, Chef der onkologischen Abteilung am Wiener Wilhelminenspital, und Maximilian Hochmair, Lungenkarzinomspezialist am Otto-Wagner-Spital, präsentierten Daten, welche vor kurzem beim Jahreskongress des Amerikanischen Onkologenverbandes (ASCO) in Chicago vorgestellt worden sind. Dabei geht es um die Anwendung der modernen Immuntherapie (Checkpoint-Inhibierung), welche die Immunzellen von Krebspatienten wieder gegen den Tumor "scharf" machen soll (T-Zell-Reaktivierung).

Hilbe sagte: "In der medikamentösen Behandlung des Lungenkarzinoms ist diese Immuntherapie in den vergangenen Jahren bereits bei jenen Patienten etabliert worden, bei denen die erstgewählte Therapie nicht mehr greift (Zweitlinien-Therapie; Anm.). Jetzt versucht man die Immuntherapie auch als Erstbehandlung zu verwenden. Und dabei geben die Daten aus wissenschaftlichen Studien der Hypothese recht, dass Synergismus von Immuntherapie mit Chemotherapie und anderen Behandlungsformen bessere Resultate bringt."

IMPower150 Studie

Beim ASCO-Kongress Anfang Juni schlagend wurde das mit der sogenannten IMPower150 Studie, die bei dem onkologischen Mammutkongress vorgestellt und zeitgleich im New England Journal of Medicine publiziert worden ist. 1.202 Patienten mit nicht-kleinzelligem Adenokarzinom der Lunge im Stadium IV oder Rückfällen mit Metastasen wurden in die Studie aufgenommen. "Diese Gruppe von Patienten macht in etwa 50 Prozent der Lungenkrebskranken aus, die wir täglich sehen", sagte Hochmair.

In der wissenschaftlichen Untersuchung, welche vom Schweizer Pharmakonzern Roche gesponsert wurde, wurden drei Gruppen zu je 400 Patienten (eine mit 402) gebildet. Die Kranken in der ersten Gruppe erhielten das Immuntherapeutikum Atezolizumab plus die Chemotherapeutika Carboplatin und Paclitaxel. Im der zweiten Gruppe kam zu dieser Therapie auch noch Bevacizumab hinzu. Dieses Medikament hemmt die Bildung von Blutgefäßen (Anti-Angionese) in Tumoren. Der Rest der Patienten erhielt die Chemotherapie plus Bevacizumab. Auf die anfängliche Behandlung erfolgte eine Erhaltungstherapie ohne Zytostatika.

"Die Ergebnisse sprechen für die Immuntherapie in Kombination mit Chemotherapie und Anti-Angiogenese-Behandlung", sagte Hochmair. In der Gruppe mit allen vier Arzneimitteln konnte das Fortschreiten der Erkrankung median (bei der Hälfte der Patienten länger, bei der Hälfte der Patienten nur kürzer; Anm.) 8,3 Monate lang verhindert werden. In der Vergleichsgruppe ohne die Immuntherapie waren es median 6,8 Monate. Nach zwölf Monaten verdoppelte sich der Anteil der Patienten ohne Krankheitsfortschritt von 18 auf 36,5 Prozent. Die Überlebensrate nach 24 Monaten lag unter der intensivsten Therapie bei 43 Prozent, in der Vergleichsgruppe ohne Immuntherapie bei 34 Prozent.

"Ohne Therapie würde die Lebenserwartung dieser Patienten nur etwa sechs Monate betragen. Mit Chemotherapie sind es etwa zwölf Monate. Nimmt man eine Behandlung mit Bevacizumab hinzu, werden 13 bis 14 Monate erreicht. Die zusätzliche Immuntherapie lässt eine mediane Überlebenszeit von um die 19 Monate erwarten", sagte Hochmair.

Bessere Therapien dringend nötig

Das in der Studie verwendete Immuntherapeutikum Atezolizumab ist ein monoklonaler Antiköper, welcher die Oberflächenstruktur PD-L1 auf Tumorzellen hemmt. Damit bringen Tumoren die Immunzellen (T-Zellen) zum "Schweigen".

Hoch interessant sind zusätzliche Resultate aus der wissenschaftlichen Arbeit, die in Chicago diskutiert worden ist, wie der Wiener Onkologe Wolfang Hilbe erklärte: "Vorteile der Behandlung wurden über alle Patientengruppen hinweg gesehen." Das heißt, dass auch Patienten, welche zuvor mit einer zielgerichteten Therapie wegen bestimmter Mutationen der Tumorzellen mit nur vorübergehender Wirkung behandelt worden waren, profitierten. Auch Kranke ohne oder mit kaum einem Nachweis von PD-L1 auf den Tumorzellen zeigten ein Ansprechen. Generell zeigt sich bei der modernen Krebs-Immuntherapie bisher, dass Tumoren mit mehr PD-L1-Oberflächenproteinen auf der Zelloberfläche stärker auf die Behandlung reagieren.

Dabei zielt die moderne Immuntherapie bei Krebserkrankungen längst nicht nur auf einen großen Anfangserfolg: Vielmehr soll der Anteil jener Patienten, welchen langfristig geholfen werden kann, erhöht werden. Hilbe nannte dazu mehrere Möglichkeiten, die derzeit untersucht werden: Die Kombination verschiedener Immuntherapeutika (Checkpoint-Inhibitoren), die zusätzliche Behandlung mit Strahlen- und/oder Chemotherapeutika (inklusive neuer Substanzen) sowie zusätzliche Immuntherapien, zum Beispiel mit Krebsimpfstoffen oder Arzneimitteln wie Bevacizumab (Anti-Angiogenese). "Letzteres dürfte es den T-Immunzellen erleichtern, in den Tumor hineinzukommen", sagte der Onkologe.

Die Lage rund um das Lungenkarzinom ist jedenfalls weltweit schlecht. Die 1,8 Millionen Neuerkrankungen jährlich entsprechen einem Anteil von 12,9 Prozent aller Krebsleiden, die 1,6 Millionen Lungenkrebs-Todesfälle machen 19,4 Prozent der Krebs-Todesfälle aus. Die Zahlen dürften in den kommenden Jahren eher noch ansteigen, weil vor allem in den bevölkerungsreichsten Ländern der Anteil der Raucher größer geworden ist.

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