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St. Gallen Brustkrebskonferenz: In memoriam Umberto Veronesi

16.03.2017

Die nunmehr angepeilte "De-Eskalation" der Brustkrebstherapie nahm ehemals mit dem Mailänder Pionier Umberto Veronesi (1925 bis 2016) ihren Anfang. Der Wissenschafter - in jungen Jahren Widerstandskämpfer gegen den Faschismus und das NS-Regime - zeigte mit der Mailand I-Studie 1981 erstmals, dass brusterkaltende Eingriffe bei geeigneten Patientinnen optimale Behandlungsergebnisse liefern.

Veronesi erbrachte auch den Beweis, dass bei vielen Patientinnen auf die Entfernung der Lymphknoten in der Achsel nicht notwendig ist. Ein anderes Beispiel nannte am Mittwoch die US-Spezialistin Monica Morrow (Sloan Kettering Cancer Center/New York): "Bei einem Duktalem Karzinom in situ" (DCIS; ein Tumor, der noch auf die Milchgänge beschränkt und gut zu operieren ist; Anm.) macht es keinen Unterschied mehr, ob der Sicherheitsabstand um den entfernten Tumor herum zwei Millimeter oder zehn Millimeter beträgt." Es sei keine Frage, dass die moderne multimodale Brustkrebstherapie große Fortschritte bei den Heilungschancen gebracht hätte. Doch der jeweilige additive Effekt von noch mehr und aggressiveren Behandlungsstrategien sei oft nur noch klein.

Die Frage ist aber, wie man am besten jene Patientinnen identifiziert, die von einer Zurücknahme der verwendeten Behandlungsmaßnahmen weiterhin optimal profitieren, ohne unnötigen Belastungen ausgesetzt zu sein. Der Mailänder Wissenschafter Giuseppe Curigliano wurde zu Beginn der Konferenz am 15. März mit dem neu geschaffenen Umberto-Veronesi-Gedächtnispreis ausgezeichnet. Er führte an, dass bestimmte genetische Merkmale der Tumoren oder zum Beispiel das vermehrte Auffinden von Tumor-infiltrierenden Lymphozyten im bösartigen Gewebe Marker sein könnten, die auf ein geringeres Langzeitrisiko hinweisen könnten.

Bessere Einschätzung der Erkrankung

"Immunogenität, die Mikroumgebung des Tumors, Tumor-infiltrierende Lymphozyten, genetische Faktoren, Entzündungszeichen, Charakteristika der Patientin etc.", könnten Möglichkeiten zur besseren Einschätzung der Gefährlichkeit der vorliegenden Mammakarzinomerkrankung sein. Im positiven Fall, könnte man eventuell auf zusätzliche Therapien verzichten oder eben weniger belastende durch besser verträgliche Behandlungsformen ersetzen. Zum Beispiel wird in verschiedenen Studien untersucht, ob die neuen Immuntherapien (Checkpoint-Inhibitoren) oder andere Biotech-Arzneimittel (monoklonale Antikörper) in diversen Kombinationen einen Wegfall der Chemotherapeutika (Zellgifte) ermöglichen könnten.

"Vier Zyklen Chemotherapie sind jedenfalls genauso gut wie mehr Zyklen. Auf 5FU (altes Chemotherapeutikum; Anm.) kann man verzichten. Wir sollten uns eben auf die De-Eskalation konzentrieren", betonte der britische Experte Ian Smith. Bei der antihormonellen Therapie sei wiederum eine Behandlung mit dem älteren Medikament Tamoxifen über zehn Jahre hinweg besser als eine nur fünfjährige Therapiedauer. Bei der Verwendung von neueren Aromatasehemmern zur antihormonellen Therapie dürfte eine hingegen eine kürzere Behandlung möglich sein.

Weltweit sind von Brustkrebs 1,3 Millionen Patientinnen betroffen. In Österreich sind es rund 67.000 Frauen und knapp 570 Männer. Jährlich wird ein Mammakarzinom in Österreich bei rund 5.500 Frauen und bei 70 Männern neu diagnostiziert. Die Krankheit bedingt pro Jahr rund 1.600 Todesfälle. Sie resultieren ausschließlich aus Brustkrebs, bei dem es zur Bildung von sogenannten Fernmetastasen in anderen Organen gekommen ist. Das ist naturgemäß besonders häufig, wenn die Diagnose erst spät erfolgt. Umgekehrt aber dürften laut Monica Morrow auch schon 24 Prozent der Frauen mit einem auf die Milchgänge beschränkten Mammakarzinom im Frühstadium mit Diagnose per Biopsie bereits Fernmetastasen aufweisen oder sie später entwickeln. Sie sind eindeutig eine Risikogruppe, die wiederum von einer intensiveren Therapie profitieren würde.

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