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EU-Richtlinie verlangt "Blut-Management" © APA (dpa)
EU-Richtlinie verlangt "Blut-Management" © APA (dpa)

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Wahrscheinlich noch immer zu viele Bluttransfusionen in Österreich

20.04.2017

Bluttransfusionen können Leben retten. Ein Übermaß ist aber schädlich. Weiterhin gehen Fachleute davon aus, dass in Österreich zu viele Transfusionen stattfinden, hieß es in einer Aussendung aus Anlass der "Wiener Bluttage 2017".

Bei dem Expertentreffen wird das Thema "Patient Blood Management (PBM)" diskutiert. Aktueller Anlass ist eine vor kurzem fertiggestellte EU-Richtlinie, die europaweit die baldige Implementierung eines strukturierten Programms zum bewussten Umgang mit menschlichem Blut empfiehlt.

"Diese Initiative war längst überfällig", wurde Peter Perger (Anästhesiologie und Intensivmedizin; Krankenhaus Hietzing) zitiert. "Wir stehen vor der paradoxen Situation, dass mehr als hundert Maßnahmen für einen optimierten Umgang mit Blut wissenschaftlich gut erforscht sind, es bisher aber an einer strukturierten und flächendeckenden Umsetzung nach einheitlichen Richtlinien fehlt. Es gibt zahlreiche Einzelinitiativen, aber es fehlt eine umfassende, interdisziplinäre Gesamtstruktur."

Viele Bluttransfusionen ohne zwingende Not verabreicht

Zwar sei der generelle Trend zur Bluttransfusion seit Jahren rückläufig – so ist die Zahl der im Wiener KAV transfundierten Blutkonserven seit 1999 um mehr als 40 Prozent gesunken –, dennoch gehen Experten von weit höheren Einsparungspotenzialen aus. So hat eine im Auftrag der European Society of Anaesthesiology (ESA) auch in Österreich durchgeführte Studie gezeigt, dass eine erhebliche Anzahl von Bluttransfusionen außerhalb der Behandlungsrichtlinien und ohne zwingende Not verabreicht wird.

"Unnötige Transfusionen kosten nicht nur Geld und Ressourcen, sondern können für die Patienten auch gefährlich sein. Oft werden sie aus reinem Sicherheitsdenken durchgeführt, aber diese Sicherheit ist trügerisch", sagte Jens Meier, einer der Studienautoren und Vorstand der Klinik für Anästhesiologie und Intensivmedizin am Kepler Universitätsklinikum Linz.

In vielen Fällen wie etwa in der Hämatoonkologie oder bei Patienten mit akuten Blutungen, Thalassämie oder Autoimmunerkrankungen sind Bluttransfusionen absolut notwendig und lebensrettend. Es wurde aber in zahlreichen Studien nachgewiesen, dass die nicht angebrachte Gabe von Erythrozyten- oder Thrombozyten-Konzentraten (rote Blutkörperchen bzw. Blutplättchen) das Ergebnis von Operationen und den Krankheitsverlauf negativ beeinflussen kann. "Eine Bluttransfusion ist letztlich nichts anders als eine Organtransplantation und sollte daher nur in zwingend nötigen Fällen durchgeführt werden", sagte Perger. "Trotz aller Sicherheitsstandards können Nebenwirkungen nie völlig ausgeschlossen werden."

Auch Patientenleid ließe sich vermeiden

Dass ein restriktiver Umgang mit Blut nicht nur Kosten, sondern auch Patientenleid spart, zeigte eine vor kurzem veröffentlichte Untersuchung an 600.000 australischen Patienten. Dort wurde allen staatlichen Krankenhäusern vor acht Jahren ein strukturiertes Blood Management verordnet. Nach fünf Jahren ist nicht nur die Zahl der Transfusionen um 42 Prozent zurückgegangen, sondern auch die Wahrscheinlichkeit nach einer Operation zu sterben um 60 Prozent gesunken. "Das zeigt, welches Potenzial bei uns noch zu heben ist", sagte Meier. "Es gibt in der Medizin nicht viele Maßnahmen, mit denen sich die Patientensicherheit derart verbessern lässt und die gleichzeitig auch noch Geld sparen."

Um Ähnliches auch in Österreich zu realisieren, wäre kein großer Aufwand nötig. "Wir brauchen jetzt den politischen Auftrag an die Bundesländer, die als effizient erkannten Maßnahmen auch gezielt umzusetzen", sagte Perger. "Wie auch die eben veröffentlichte EU-Richtlinie nahe legt, bedarf es dazu in jedem Krankenhaus eines einschlägig geschulten Beauftragten, der in der Lage ist, Verbesserungspotenziale zu erkennen, und das Pouvoir hat, sie umzusetzen."

Als eine der wichtigsten Maßnahmen erachten Experten die rechtzeitige Behandlung von Anämien. Bei etwa 20 bis 30 Prozent der Bevölkerung sorgt ein verminderter Hämoglobin-Gehalt oder zu niedriger Anteil von Erythrozyten im Blut nicht nur für ständige Müdigkeit, Schwindel, Herzschwäche, Kopfschmerzen oder Depressionen, sondern auch dafür, dass im OP-Fall eine Bluttransfusion nötig wird. "Durch den Trend zu veganer Kost, die älter werdende Bevölkerung und den zunehmenden Einsatz von blutverdünnenden Präparaten wird dieses Problem noch größer werden", betonte Perger. Eigenblut-Vorsorge, die Gabe von Erythropoietin vor geplanten Operationen und der Ausgleich eines Eisenmangels könnten helfen, Bluttransfusionen zu vermeiden. Darüber hinaus komme es auf ein optimiertes Operationsmanagement an.

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