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profilwissen Ausgabe 2/2014 © profilwissen
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Haltungsnoten

20.06.2014

Vor zehn Jahren titelte ein Fachjournal: "Almost human" - beinahe menschlich. Der Text bezog sich auf Experimente mit Hunden. Ungarische Forscher hatten in den Jahren davor entdeckt, dass das älteste Haustier des Menschen Zeigegesten mit dem Finger versteht und weiß, dass der Mensch derart einen Richtungshinweis gibt. Das mag banal klingen, war aber aus zwei Gründen eine kleine Sensation: Erstens dachte man, nur der Mensch könne solch abstrakte Signale deuten. Zweitens existierten bis dahin praktisch keine Studien mit Hunden -Wissenschafter hielten sie für degenerierte Wölfe, die man ohnehin nicht in ihrem natürlichen Lebensraum beobachten könne. Adam Miklosi widersprach dieser Ansicht: Das könne man wohl, denn der natürliche Lebensraum des Hundes sei die menschliche Familie.

Miklosi war damals ein junger Verhaltensforscher in Budapest. Für eine profil-Geschichte und ein Buchprojekt besuchte ich Miklosi. Er holte mich vom Bahnhof ab, und wir fuhren in sein Institut, das einen nicht alltäglichen Eindruck erweckte: Überall liefen Hunde umher. Manche nahmen gerade an Experimenten teil, wobei sie spielerisch ein paar Aufgaben lösten und dabei gefilmt wurden. Andere warteten auf ihren großen Auftritt und trabten durch die Räume des Backsteinbaus mit Blick auf die Donau.

Um dieselbe Zeit veröffentlichte der russische Zoologe Michail Sablin eine Analyse von Tierknochen, die er in verstaubten Schachteln gefunden hatte. Sablin war schwerer zu kontaktieren: Nach etwa acht Anrufen an seinem Institut in Sankt Petersburg, bei denen niemand abhob, meldete sich eine Dame, die leidlich Englisch sprach und erklärte, Sablin sei gerade nicht da. Wann er denn wiederkomme? In etwa drei Monaten. Er plane eine Forschungsreise nach Sibirien, sagte sie, nannte jedoch umstandslos seine Privatnummer. Eine halbe Stunde, bevor sein Zug abfuhr, bekam ich Sablin ans Rohr. Er berichtete, die von ihm untersuchten Gebeine seien eindeutig Hundeschädel, und sie hätten ein Alter von fast 14.000 Jahren -was bedeute, dass Steinzeitmenschen bereits mit echten Haustieren gelebt hätten.

Zusammen mit genetischen Studien, die auf Zeitpunkt und Ort der Domestikation von Wölfen abzielten, brachten all diese Arbeiten die Hundeforschung richtig in Schwung. Heute ist sie ein blühender Zweig, Wien hat sich zu einem der weltweit bedeutendsten Zentren entwickelt, und man weiß: Hunde kapieren nicht nur Fingerzeige, sondern auch eine dezente Kopfbewegung, nutzen sogar die Blickrichtung des Menschen als Information. Die Hirnstrukturen sind ähnlich, und dank eines gemeinsamen Systems von Spiegelneuronen glückt der emotionale Austausch. Kein zweites Wesen, Schimpansen eingeschlossen, ist sozial derart präzise auf den Menschen getaktet wie der Hund -ein Resultat einer Jahrtausende währenden Evolution im Duett.

Leider fehlen noch valide wissenschaftliche Beweise, ob sich diese Tatsache zu allen Hundehaltern herumgesprochen hat.

Als ich gerade die letzten Buchkapitel über die besondere Intelligenz von Hunden und deren harmonische Partnerschaft mit dem Menschen beendete, wurde ich von einem Hund attackiert. Das Vieh verbiss sich an einem sonnigen Februartag in den rechten Unterarm, das Blut färbte den Schnee leuchtend rot. Die Zähne durchdrangen Daunenjacke, Pullover, Haut und Fleisch und kappten einen Nerv, der die Hand sensorisch versorgt. Die nächsten zehn Monate blieb meine rechte Hand taub. Es stellte sich heraus, dass die Tierbesitzerin amtsbekannt war. Ähnliche Vorfälle hatte es schon in der Vergangenheit gegeben.

Heute gilt als wissenschaftlich belegt, was der Volksmund gerne sagt: Wie das Herrl, so der Hund. Hunde spiegeln grundlegende Wesenszüge ihrer Halter - Angst und Aggression, Nervosität und Neugier. Hunde haben feine Antennen für die Stimmung des Menschen, fungieren im Wege sozialer Übertragung gleichsam als sein verlängerter Arm, manchmal in Form einer Waffe. "Extended Phenotype" nennen dies Biologen: der Hund als externes Ego, als exkorporale Manifestation des humanen Charakters.

Vielleicht sollte man dies künftig berücksichtigen, wenn wieder Debatten über Hundeführscheine oder Tierschutzparagrafen anstehen (wieso übrigens spielen soziale Aspekte im Tierschutz keine Rolle, während nur darauf geachtet wird, ob der Hund genug zu fressen und zu trinken hat?). Und was nützt ausgeprägte soziale Intelligenz, wenn sie nur an der unteren Seite der Leine streng wissenschaftlich nachweisbar ist?

ALWIN SCHÖNBERGER hat die moderne internationale Hundeforschung von Anfang an verfolgt und begleitet. Sein eigener Hund verhalf ihm fast 15 Jahre lang zur Praxiserfahrung.

Von Alwin Schönberger

Diesen Artikel finden Sie auf Seite 7 im aktuellen profilwissen (Ausgabe 18.06.2014) im Austria-Kiosk www.kiosk.at/profilwissen

Service: Weitere profilwissen-Meldungen zum Thema finden sich unter http://science.apa.at/profilwissen

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