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Katastrophen reduzieren Ungleichheit sehr stark und oft sehr plötzlich © APA (AFP)
Katastrophen reduzieren Ungleichheit sehr stark und oft sehr plötzlich © APA (AFP)

Kooperationsmeldung

Historiker identifiziert Kriege und Seuchen als Motor für Gleichheit

29.03.2017

Diese Meldung ist Teil einer Medienkooperation mit dem Institute of Science and Technology (IST) Austria

Mehr Bildung und Sozialpolitik - beides gilt heute gemeinhin als wirkungsvolles Mittel gegen ein Auseinanderdriften von Arm und Reich. In seinem neuen Buch kommt der österreichische Historiker Walter Scheidel zu dem Schluss, dass es über Jahrtausende hinweg aber vor allem Kriege und Seuchen waren, die für mehr Gleichheit sorgten. In Wien und Klosterneuburg erklärt er diese Woche warum.

Natürlich helfen die historisch relativ neuen Instrumente der Qualifizierung durch Bildung und sozialpolitische Maßnahmen dabei, das bestehende Ausmaß an ungleicher Verteilung von Einkommen und Gütern einigermaßen im Zaum zu halten, sagte Scheidel im Gespräch mit der APA. "Aber wenn es darum geht, einen bestehenden Grad an Ungleichverteilung deutlich zu vermindern, dann funktioniert das nicht so gut. Dafür braucht es - aus historischer Sicht - dramatischere Veränderungen."

Sozialpolitik als Reaktion auf Weltkriege

Im Grunde könne man auch das breitere Ausrollen höherer Bildung und der Sozialpolitik als Reaktion auf die "gewaltsamen Schocks" der beiden Weltkriege in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts verstehen, so der Professor an der Stanford University (Kalifornien), dessen Analyse unter dem Buchtitel "The Great Leveler" aktuell viel mediale Aufmerksamkeit und erstaunlicherweise wenig Widerspruch in der Forschungsgemeinde auf sich zieht. In Wien referiert der 1966 ebenda geborene Historiker und Numismatiker am Montag (27. März) an der Akademie der Wissenschaften (ÖAW) auf Deutsch, zwei Tage später hält er am Institute of Science and Technology (IST) Austria in Klosterneuburg seinen Vortrag auf Englisch.

Seine Schlüsse zieht er aus Beobachtungen über sehr lange Zeiträume hinweg: "Das hat bisher noch niemand gemacht", sagte Scheidel. "Wenn man sich das aber über solche Perioden ansieht, erkennt man einen Rhythmus."

Die Ungleichheit steige langsam an oder sei auf hohem Niveau stabil. Ab und zu gebe es dann eine Art Neustart - eben durch Krieg, Seuchen oder Naturkatastrophen. "Das drückt die Ungleichheit sehr stark und oft sehr plötzlich hinunter. Wenn dieser Effekt verschwindet, kehrt man wieder zum ursprünglichen Trend der wachsenden Ungleichheit zurück. Das hat sich in Europa schon mehrfach wiederholt", so der Historiker, der als Beispiel die Zeit vor und nach der Französischen Revolution anführte.

Angesichts dessen werde auch klar, wie lange sehr ungleiche Systeme bestehen bleiben können. Denn in anderen europäischen Ländern war die Ausgangssituation nicht unbedingt anders - Revolution fand beispielsweise im Habsburgerreich trotzdem keine statt. Der Zusammenbruch und gleichzeitig der Beginn einer größeren Veränderung Richtung materiellem Ausgleich kam erst mit der Katastrophe des Ersten Weltkrieges.

Simpler Mechanismus mit wenigen Ausnahmen

Ausnahmen von dem von Scheidel identifizierten überraschend simplen Mechanismus seien überraschend rar: So habe sich in Teilen Lateinamerikas die Einkommenungleichheit ungefähr seit dem Jahr 2000 ohne großen Krach verringert. Allerdings war die Ungleichheit davor in der Region schon extrem hoch. Unter solchen Bedingungen ließen sich auch mit "relativ bescheidenen Reformen" bereits sichtbare Verbesserungen erzielen. Das gebe zwar Hoffnung, ob der Weg in der Region weiter gegangen wird, sei momentan aber fraglich.

Europa habe sich in den vergangenen Jahrzehnten durch gesellschaftspolitische Umverteilungen in einer Phase relativer Gleichheit befunden, "jetzt sind wir vielleicht schon auf dem aufsteigenden Pfad", vermutet der Historiker. In den USA habe sich die Ungleichheit in der letzten Generation mittlerweile verdoppelt. Dort sprechen viele schon davon, dass die Schieflage mittlerweile mit den 1920er Jahren vergleichbar ist - wenn auch auf insgesamt weit höherem Niveau.

Gewissermaßen ein Randsymptom des Auseinanderdriftens lasse sich an den US-Unis beobachten. Gerade Leute aus dem Bereich der Geistes- und Sozialwissenschaften seien von der Wahl Donald Trumps zum US-Präsidenten völlig überrumpelt worden. Das liege daran, dass man sich hier in einer "eindimensionalen Umgebung" befinde, wo mehr oder weniger alle "einer bestimmten politischen Richtung anhängen. Es gibt 'Konservative' nur als Feindbild - und das ist ein Problem", so Scheidel. "Als Europäer war ich von Trump weniger überrascht als viele meiner Kollegen."

Für den Historiker, der an der Uni Wien studiert hat, war seine Arbeit an der University of Cambridge (Großbritannien) das Sprungbrett in die USA, wo er seit 2004 als Professor in Stanford tätig ist. Eine Rückkehr nach Österreich strebe er nicht an, auch wenn sich das Wissenschaftssystem in den vergangenen Jahrzehnten merklich geöffnet habe.

Service: Vorträge von Walter Scheidel: "Was reduziert Ungleichheit?", 27. März, 18.00 Uhr, Festsaal der ÖAW, Dr. Ignaz Seipel-Platz 2, 1010 Wien und "The Great Leveler", 29. März, 17.00 Uhr, Raiffeisen Lecture Hall des IST Austria, Maria Gugging. Buch: "The Great Leveler: Violence and the History of Inequality from the Stone Age to the Twenty-First Century", Princeton University Press, 528 Seiten, 35 Dollar.

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