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profilwissen Ausgabe 4/2013 © profilwissen
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Kooperationsmeldung

"Ich kann das Altern verhindern“

27.11.2013

Dieser Artikel ist Teil einer Kooperation zwischen APA-Science und profilwissen. Die Rechte liegen bei profilwissen.

Der Amerikaner Aubrey de Grey zählt zu den schrillsten Figuren der Wissenschaft: Er hält ewige Jugend für machbar, das Alter für eine heilbare Krankheit - und fordert 100 Millionen Dollar pro Jahr, um sein Forschungsziel zu erreichen: eine Lebenszeit von mindestens 500 Jahren.

profil: Nicht wenige Menschen sagen, sie möchten 100 Jahre alt werden. Das ist aber keine Grenze für Sie, oder?

Aubrey de Grey: Ja, das ist korrekt. Es mag sein, dass einige Leute 100 Jahre alt werden wollen, aber das sagen sie nur deshalb, weil sie nicht wissen, wie es wäre, älter als 100 zu werden, und zwar mit einem jugendlich bleibenden Körper. Aber diese Möglichkeit könnte es bald geben.

profil: Sie behaupten auch, einige Unsterbliche sind schon unter uns: Bleiben Sie bei dieser Prophezeiung?

de Grey: Man muss dazu sagen, dass das Wort "unsterblich“ meine Arbeit nicht ganz richtig beschreibt. Unsterblichkeit meint die Unmöglichkeit zu sterben, weder durch Unfall noch durch Krankheit. Ich arbeite an der Jugend, also Menschen physisch und psychisch jung zu halten, was möglicherweise die Nebenwirkung hat, dass sie länger leben.

profil: Wie alt können wir heute Lebenden dann werden?

de Grey: Wenn unsere Arbeit erfolgreich ist, können wir wahrscheinlich den Alterstod eliminieren. Es ist sehr wahrscheinlich, wenn auch nicht sicher, dass diese Therapien, die ich vorgeschlagen habe, auch Menschen helfen können, die schon heute leben. Ich denke, das passiert deshalb, weil wir wissen, was zu tun ist, und weil wir gute Fortschritte machen.

profil: Das Alter an sich ist also nicht mehr als eine heilbare Krankheit? Das klingt eigenartig.

de Grey: Das kommt daher, weil Menschen das Altern immer verdrängen. Aber in Wirklichkeit ist es so, dass mit dem Altern Krankheiten wie Alzheimer oder Krebs kommen. Können wir das Altern verhindern, können wir auch diese Alterskrankheiten verhindern. Das heißt, wenn wir eine Therapie gegen das Altern finden, bekommen wir auch diese mit dem Alter assoziierten Krankheiten in den Griff.

profil: Welches Feedback bekommen Sie denn auf diese Aussagen?

de Grey: Manche Menschen sind begeistert, manche skeptisch und wieder andere, vor allem in Asien, glauben, dass ich den Alten zu wenig Respekt entgegenbringe. Aber ich habe nichts gegen die ältere Generation. Ich will ja bloß, dass sie gesünder bleibt und länger leben kann.

profil: Einige Biogerontologen reagieren bereits auf Ihren Namen mit Gereiztheit. Ist das ein Problem für Sie?

de Grey: Ja, ein großes. Aber nicht aus persönlichen Gründen, sondern weil das ein Problem für die ganze Welt darstellt. Ich habe wiederholt gezeigt, dass meine Kritiker ihr Urteil über mich auf Ignoranz und Missverständnissen aufbauen und nicht auf dem, was ich sage, experimentell erforsche und publiziere. Unglücklicherweise scheinen sich viele davor zu fürchten, sich über mein Forschungsprogramm zu informieren. Möglicherweise, weil es sein könnte, dass sie dann ihre und nicht meine Arbeit adaptieren müssten. Wie schon Upton Sinclair gesagt hat: Es ist schwierig, jemanden dazu zu bringen, etwas zu verstehen, wenn er sein Gehalt dafür erhält, dass er es nicht versteht.

profil: Jonathan Swift hat eine Sorte Unsterblicher in seinem Buch "Gullivers Reisen“ beschrieben, die zwar ewig leben, aber gleichzeitig auch immer älter und siecher werden. Wird den extrem Langlebigen ein ähnliches Schicksal beschieden sein? 1.000 Jahre leben, aber den Großteil davon krank und mürrisch?

de Grey: Also: Es ist medizinisch unmöglich, dass wir ein verlängertes Leben kreieren, ohne auch jünger zu werden. Wenn man heute alt ist und schwer krank wird, hat man ein hohes Risiko, bald zu sterben. Und die Medizin kann das nicht ändern. Der einzige Weg, lange am Leben zu bleiben, ist gesund zu bleiben. Und in Zukunft könnten wir das schaffen, wenn wir die Zellen jung und gesund halten können beziehungsweise sie auch wieder verjüngen.

profil: Klingt ambitioniert.

de Grey: Die Lösungswege sind bekannt, und wenn man genügend Geld in die Forschung stecken würde, könnte man innerhalb der nächsten Jahre den Durchbruch schaffen.

profil: Ihre Hypothesen über das Altern werden aber immer wieder angegriffen und als unwissenschaftlich bezeichnet.

de Grey: Zuerst: Das sind keine Hypothesen, das ist nicht korrekt. Was ich gemacht habe, ist ein technisches Design zu entwickeln, mit dem man das Altern therapieren kann. Als die Wright-Brüder ihr erstes Flugzeug bauten, war das auch keine Hypothese, sondern es war ein Design. Ich glaube weiterhin daran: Meinen Ansatz könnte man als eine regenerative Medizin gegen das Altern bezeichnen. Es geht eben darum, die Zellschäden wieder rückgängig zu machen. Das ist es.

profil: Aber wie könnten wir uns eine Gesellschaft vorstellen, in der alle Menschen, sagen wir, 1.000 Jahre und älter werden können?

de Grey: Ich habe keine Ahnung, wie eine solche Gesellschaft aussehen wird, weil so viele andere Dinge verschieden sein werden. Aber das ist nicht der Punkt. Wir haben 500 Jahre alte Menschen frühestens in 400 Jahren. Denken Sie daran, was in den vergangenen 400 Jahren an technischem Fortschritt passiert ist. Oder allein in den vergangenen 50 Jahren. Das ist enorm. Daher können wir es uns nicht ausmalen, die Frage ist nicht zu beantworten. Alles, was man sagen kann, ist, dass es schlecht ist, dass Menschen krank werden, wenn sie älter werden. Daher haben wir die Pflicht, eine medizinische Therapie dagegen zu entwickeln.

profil: Wie viel Geld bräuchten Sie für Ihre Forschung?

de Grey: Ich denke, wenn wir ungefähr 100 Millionen Dollar pro Jahr hätten, könnten wir alle unsere Projekte, die wir vorhaben, in absehbarer Zeit verwirklichen. Derzeit sind wir davon aber noch weit entfernt.

Aubrey de Grey, 50,

ist theoretischer Biogerontologe. Der promovierte Biologe arbeitete bis 2006 als Computertechniker an der University of Cambridge und lebt heute in San Francisco, wo er die wissenschaftliche Leitung seiner SENS-Institute übernommen hat. In de Greys Denken ist Altern eine Krankheit, die durch moderne Biotechnologie geheilt werden kann.

Von Norbert Reitling-Tillian (gekürzte Fassung)

Das vollständige Interview lesen Sie ab Seite 40 im aktuellen profilwissen (Ausgabe 27.11.2013) im Austria-Kiosk www.kiosk.at/profilwissen

Service: Weitere profilwissen-Meldungen zum Thema finden sich unter http://science.apa.at/profilwissen

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