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Muscheln und Schnecken meterhoch abgelagert © NHM Wien
Muscheln und Schnecken meterhoch abgelagert © NHM Wien

APA

Weinviertler "Hendlfutterberg" ermöglicht Blick in Erdgeschichte

16.03.2018

Vor zwölf Millionen Jahren schob ein gewaltiger Gezeitenstrom unzählige Muscheln und Schnecken vor sich her und häufte sie da, wo heute das Weinviertler Dorf Nexing liegt, zu riesigen Dünen auf. Diese "Muschelgrube von Nexing", wo seit Jahren Muschelgrit als Futterzusatz für Vögel abgebaut wird, gilt als eines der bedeutendsten Geotope Österreichs, das nun teilweise unter Schutz gestellt wurde.

Spezielle Umwelt- und Geländebedingungen führten zu der Anhäufung dieser Muscheldünen am Rande der "Parathetys", ein Meer, das von der heutigen Rhonemündung in weitem Bogen über die Schweiz, das Alpenvorland in Bayern und Österreich bis zum Kaukasus reichte. Nachdem dieses Meer vor rund 12,7 Mio. Jahren durch Gebirgsbildung völlig von den Weltmeeren abgeschnitten worden war, kam es zu einer Umweltkatastrophe, der viele Meereslebewesen zum Opfer fielen. Die überlebenden Arten konnten sich ohne Konkurrenz ungehindert ausbreiten und wurden durch global steigende Temperaturen begünstigt.

"Subtropisches Paradies"

Das heutige Weinviertel war damals "ein subtropisches Paradies", so Mathias Harzhauser, Leiter der Geologisch-Paläontologische Abteilung am Naturhistorischen Museum (NHM) Wien, gegenüber der APA. Die wenigen Arten hätten optimale Bedingungen gehabt, "es gab Muscheln und Schnecken in Unmengen, dazu kamen Robben, verschiedene Delphinarten und am Land lebten urtümliche Elefanten und Nashörner".

Das spezielle Gelände mit einer dem Meeresufer vorgelagerten Insellandschaft und einer flachen Lagune führte dazu, dass die Flut mit großer Wucht Muscheln und Schnecken in der Uferzone des heutigen Nexing im Bezirk Mistelbach (NÖ) meterhoch ablagerte. "Heute findet man vergleichbare Lebensräume im Persischen Golf oder in der Meeresstraße zwischen Australien und Papua-Neuguinea", so Harzhauser.

Der Mensch kannte diese Ablagerungen schon lange, über Jahrhunderte wurde das Material abgebaut, etwa um Kalk zu brennen, Baumaterial zu gewinnen oder als Kalziumquelle für Vögel. Im Volksmund heißt die Erhebung daher "Hendlfutterberg". Ein Unternehmen betreibt dort auch gewerblich den Abbau von Muschelkalk.

Unter Schutz gestellt

Firmeneigentümer Alexander Mück hatte sich bereit erklärt, einen Teil des Areals unter Schutz stellen zu lassen und der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Für Harzhauser ist es "bemerkenswert, dass eine Privatperson mit ökonomischen Interessen einsieht, dass man Teile davon schützen sollte".

Gemeinsam mit Doris Nagel vom Institut für Paläontologie der Universität Wien hat Harzhauer im Rahmen eines vom Land Niederösterreich geförderten Projekts die Fundstelle wissenschaftlich bearbeitet. Teile der Muschelgrube wurden dabei neu aufgegraben, freigelegt und eingezäunt. "In der Grube gibt es nun einen Bereich mit einer mehrere Meter hohen und rund 30 Meter langen Wand, wo der Berg angegraben wurde und die einzelnen klar erkennbaren Schichten aus Milliarden Muscheln- und Schneckenschalen wie die Seiten eines Buches die ganze Geschichte dieses einzigartigen Geotops erzählen", so Harzhauser.

Schautafeln mit paläogeographischen Karten des Nexinger Meeres und mit Rekonstruktionen der damaligen Tierwelt geben die Erklärungen für diese schon lange verschwundene Welt. Für eine Besichtigung der Muschelgrube müssen sich Besucher zuvor mit Grundstückseigentümer bzw. der Gemeinde Obersulz in Verbindung setzen.

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