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Nowotny sieht "Einzigartige europäische Erfolgsgeschichte" © APA (Pfarrhofer)
Nowotny sieht "Einzigartige europäische Erfolgsgeschichte" © APA (Pfarrhofer)

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10 Jahre ERC - Nowotny: Europäische Forschung ohne ERC unvorstellbar

09.03.2017

Die österreichische Wissenschaftsforscherin Helga Nowotny war Gründungsmitglied und von 2010 bis 2013 Präsidentin des 2007 etablierten Europäischer Forschungsrats (ERC). Im (E-Mail-)Interview mit der APA sieht sie die ersten zehn Jahre des ERC als "einzigartige europäische Erfolgsgeschichte" und kennt niemanden, "der sich eine europäische Forschung ohne ERC noch vorstellen kann".

Frage: Sie waren ja an der Gründung des ERC beteiligt - wie hat sich Ihrer Meinung nach der ERC in der ersten Dekade entwickelt, wurden die ursprünglichen Intentionen erreicht?

Helga Nowotny: Die ersten zehn Jahre seit Gründung des ERC haben alle Erwartungen übertroffen - es ist eine einzigartige europäische Erfolgsgeschichte. ForscherInnen in der ganzen Welt beneiden uns um das, was der ERC an Forschungsförderung anbietet: Eine auf die Person des Principal Investigators (Forschungsleiter, Anm.) fokussierte Förderung, die neue Ideen und das Zeug hat, die darauf beruhende Forschung mit einem Team ihrer Wahl durchzuführen; eine Zeitspanne von fünf Jahren und die größtmögliche wissenschaftliche Unabhängigkeit.

Frage: Hat der ERC die europäische Wissenschaftslandschaft verändert, wenn ja - wie?

Nowotny: Seit 2007 sind an die 7.000 ForscherInnen gefördert worden, davon zwei Drittel der jüngeren Generation. Besonders für den wissenschaftlichen Nachwuchs haben sich Chancen für ihre weitere wissenschaftliche Karriere eröffnet, die sie ohne ERC nie gehabt hätten. Dazu kommt, dass die Mitglieder eines jeden ERC-Teams mit sehr guten Leuten zusammenarbeiten, überaus international sind und dazu beitragen, dass Europa als Wissenschaftsstandort an Attraktivität gewonnen hat.

Frage: Orten Sie nach zehn Jahren Verbesserungs- bzw. Adaptionsbedarf beim ERC?

Nowotny: Nach zehn Jahren gibt es die Herausforderung, wie bei jeder anderen Organisation auch, den Pioniergeist zu erhalten. Das fängt beim ERC Scientific Council an und endet bei den administrativen Verfahren, die sich immer mehr denen angleichen müssen, die für andere EU Programme gelten. Dazu ein Beispiel: Der ERC hat ein web-basiertes Evaluierungstool entwickelt, das von den Gutachtern sehr geschätzt wurde. Dieses Werkzeug musste zugunsten eines anderen aufgegeben werden, das nun für mehrere Programme zu nutzen ist. Dabei werden die besonderen Bedürfnisse des ERC dem Kommissionsziel einer angestrebten Vereinfachung, Homogenisierung und Zentralisierung geopfert.

Frage: Ist der ERC aus der europäischen Forschungsförderung noch wegzudenken?

Nowotny: Ich kenne niemanden, der sich eine europäische Forschung ohne ERC noch vorstellen kann.

Frage: Was wäre aus Ihrer Sicht im Nachfolgeprogramm von "Horizon2020" für den ERC notwendig?

Nowotny: Der ERC wird bleiben, wahrscheinlich als fester Bestandteil der sogenannten Ersten Säule.

Frage: Mit dem Brexit verliert der ERC einen großen Befürworter des Programms und gleichzeitig den größten Profiteur der Förderung - welche Konsequenzen hat das?

Nowotny: Die große Besorgnis ist, dass mit dem Ausscheiden Großbritanniens das Gesamtbudget des ERC verkleinert wird. In den letzten zehn Jahren gingen 22 Prozent der Fördermittel nach Großbritannien, das sind 2,6 Milliarden Euro. Allerdings waren die ERC-Förderempfänger in Großbritannien zu einem hohen Anteil keine britischen Staatsbürger. Es geht also nicht nur um Geld allein. Wenn Großbritannien ausscheidet, verliert aber auch Europa - ein starker Konkurrent ist immer gut in der Wissenschaft, da das Qualitätsniveau angehoben wird.

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