Politik & Wirtschaft

Christiane Spiel © Uni Wien
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Kooperationsmeldung

Bildung 2050 - Die Schule der Zukunft

11.10.2013

Dieser Artikel ist Teil einer Kooperation zwischen APA-Science und dem Rat für Forschung und Technologieentwicklung (RFT). Die Rechte liegen beim Verlag Holzhausen.

Wodurch sich ein „gebildeter“ Mensch auszeichnet, unterliegt nicht nur einem historischen Wandel, sondern wird auch von verschiedenen sozialen Milieus unterschiedlich bewertet. Die historisch am meisten wahrgenommenen Schwankungen liegen zwischen dem humanistischen (ganzheitlichen) Bildungsideal und einem Verständnis, das sich an gesellschaftlichen und arbeitsmarktpolitischen Anforderungen orientiert. Zweifellos geht es jedoch nicht um ein „Entweder-oder“, sondern um ein „Sowohl-als-auch“ (Spiel, Reimann, Wagner, & Schober, 2010). Denn auf der einen Seite soll Bildung zu einer ganzheitlichen Persönlichkeitsentwicklung und Sinnfindung beitragen, was soziale und kulturelle Kompetenzen sowie Werthaltungen inkludiert. Auf der anderen Seite sind Wissen und Bildung zentrale Produktionsfaktoren und Motoren der Wirtschaft, die den Grundstein für Innovation liefern. Länder, die erfolgreich Wissen und Bildung ihrer BürgerInnen fördern, sichern damit sowohl für jede einzelne/jeden einzelnen Persönlichkeitsentwicklung, Lebensqualität, Arbeitsplatz und Zukunftsperspektiven als auch für die Bevölkerung als Ganzes.

Österreich ist ein kleines Land ohne nennenswerte Bodenschätze. Es wird 2050 noch mehr als heute auf die Bildung, das Wissen, die Innovationskraft seiner BürgerInnen angewiesen sein. Österreich braucht daher BürgerInnen, die offen sind für Neues, die Lernen und Bildung wertschätzen. Vor diesem Hintergrund muss die Schule der Zukunft nicht nur Wissen und Kompetenzen in Sprachen, Mathematik etc. vermitteln, sondern vor allem Bildungsmotivation und das Interesse an Neuem fördern. Zusätzlich muss sie jene Kompetenzen vermitteln und fördern, die notwendig sind, Bildungs- und Lernmotivation erfolgreich über die ganze Lebensspanne zu realisieren, und damit letztlich Lifelong Learning vorbereiten und ermöglichen. Das bedeutet insbesondere die Fähigkeit zum selbstregulierten, selbstverantwortlichen Lernen und Arbeiten. Wie vielfach belegt, gilt es dabei möglichst frühzeitig anzusetzen und die angeborene Neugierde von Kindern zu einer nachhaltigen Bildungsmotivation zu entwickeln.

Ausgehend von einer Kurzbeschreibung des Status quo zeichnet der folgende Text ein Bild der erwünschten Schule der Zukunft anhand von Leitlinien und benennt zentrale Maßnahmen, die zur Zielerreichung notwendig sind.

Ausgangslage – Schule in Österreich 2013

Die aktuelle Situation in Österreich liefert keinen Anlass für Zukunftsoptimismus. Der 1978 von Travers formulierte Ausspruch „The school is more likely to be a killer of interest than the developer“ gilt für Österreich noch heute. Interesse und Lernzielorientierung der SchülerInnen nimmt über die Schulzeit hinweg ab, sie stufen ihre Kompetenzen, selbstreguliert zu lernen, als niedrig ein, und die Lehrpersonen haben nur wenig Selbstvertrauen, diese Kompetenzen vermitteln zu können (Spiel, Schober, Wagner, Reimann & Atria, 2006). Das zum Teil trotzdem sehr hohe zeitliche Investment der SchülerInnen für die Schule ist durch Prüfungsangst und niedriges Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten mitbedingt (Spiel, Wagner & Fellner, 2002). Nicht wenige Schüler und insbesondere Schülerinnen unterschätzen ihr Leistungspotenzial und erachten schon nach wenigen Schuljahren die eigenen Fähigkeiten als weitgehend stabil und nicht beeinflussbar (z. B. „Ich bin eben zu dumm für Mathe“), was nach aktuellen Theorien der Motivationspsychologie fatale Konsequenzen für das Engagement in Lern- und Leistungskontexten sowie für die Bewältigung von Misserfolgen hat (Schober, Finsterwald, Wagner & Spiel, 2009).

Die Konsequenzen sind bekannt. In internationalen Schulleistungsstudien wie z. B. PISA (Schreiner, 2007; Schwantner & Schreiner, 2010) und PIRLS (Suchan, Wallner-Paschon & Schreiner, 2009) schneidet Österreich im Vergleich zu anderen Ländern mittelmäßig bis schlecht ab (siehe auch www.bifie.at), wobei insbesondere die Defizite im sinnverstehenden Lesen, das die zentrale Basis für jegliche weitere Bildung darstellt, und der negative Trend über die Jahre hinweg alarmierend sind (siehe Abbildung 1). Auch der vergleichsweise hohe Anteil an Volksschulkindern, denen es in der vierten Schulstufe an grundlegenden Lesefähigkeiten mangelt, sowie der vergleichsweise geringe Anteil an leistungsstarken SchülerInnen geben Anlass zu großer Besorgnis. Denn wie soll eine Fort- und Weiterbildung ohne Leseverständnis realisiert werden?

Zusätzlich belegen die im Rahmen von PISA erhobenen Daten sowie Analysen der Schulstatistik auch Disparitäten bzgl. sozialer Herkunft und Migrationshintergrund. Aktuelle Befunde dazu, auf die im Folgenden Bezug genommen wird, liefert der zweite Nationale Bildungsbericht (Bruneforth & Lassnigg, 2012) respektive die OECD (2012). So zeigt z. B. die Analyse der Bildungsströme, dass Entscheidungen an den Schnittstellen im österreichischen Schulsystem Bildungsverläufe und Berufschancen im späteren Leben entscheidend mitdeterminieren. In Österreich kann beinahe von einer Bildungsvererbung gesprochen werden. Nahezu zwei Drittel der 17-Jährigen, deren Eltern einen Hochschulabschluss haben, besuchen die AHS. Verfügen die Eltern jedoch nur über Pflichtschulabschluss, beträgt die Aussicht auf eine AHS-Matura nur 8 Prozent. Diese Unterschiede lassen sich jedoch nur z.T. durch Schulleistungen erklären. So sind z. B. die sozialen Ungleichheiten hinsichtlich des Besuchs der AHS-Unterstufe nur zu 30 Prozent auf Leistungsunterschiede rückführbar. Die restlichen 70 Prozent sind durch die Wahlentscheidung der Eltern bedingt – Höhergebildete wählen für ihre Kinder viel häufiger die AHS. Frühere Entscheidungen wirken sich jedoch auf später folgende aus: Von den AHS-SchülerInnen wählen beim Übertritt in die Sekundarstufe II rund 95 Prozent eine maturaführende Schule (63 Prozent bleiben in der AHS, 32 Prozent wechseln in eine BHS). Aus der Hauptschule wechseln dagegen nur 37 Prozent in eine maturaführende Schule (7 Prozent in die AHS-Oberstufe).

Ingesamt schafft es die Schule nicht, kompensatorisch zu wirken und ungleiche Ausgangsbedingungen abzumildern. So können in Österreich 29 Prozent der Leistungsunterschiede im Lesen bei 15-/16-jährigen Jugendlichen durch deren Herkunft erklärt werden, wie PISA 2009 zeigte. Es hat diesbezüglich den zweithöchsten Wert im internationalen Vergleich. Auch die Leseleistungsunterschiede zwischen Kindern mit Migrationshintergrund und einheimischen Kindern sind im internationalen Vergleich extrem hoch (siehe Abbildung 2). Kinder mit Migrationshintergrund sind nach 9 Jahren Schule im Durchschnitt um zwei Schuljahre hinter die einheimischen Kinder zurückgefallen. Auch nach Berücksichtigung des sozioökonomischen Hintergrunds liegt Österreich hinsichtlich der Differenz zwischen MigrantInnen und einheimischen Kindern im oberen Drittel der Vergleichsländer. Dies betrifft insbesondere türkischstämmige Kinder, die in Österreich im Vergleich mit anderen Aufnahmeländern die schlechteste Lesekompetenz zeigen.

Bezogen auf Wirtschaftsleistung und Innovation ist in Österreich insbesondere das hohe Desinteresse der 15-/16-Jährigen an Naturwissenschaften im Vergleich mit anderen Ländern bedrohlich (siehe Abbildung 3). Die österreichischen Jugendlichen haben hier im Mittel die negativsten Werte, wobei die Angaben der Mädchen noch dramatisch schlechter sind als die der Knaben. Diese Geschlechtsstereotype finden auch in den entsprechenden PISAErgebnissen ihren Niederschlag.

Gleichzeitig investiert Österreich im Vergleich zu den anderen OECD-Staaten besonders viel Geld in sein Bildungssystem. Auch hier stammen die aktuellsten Daten aus dem Nationalen Bildungsbericht (Bruneforth & Lassnigg, 2012). Im Durchschnitt werden über alle Bildungsbereiche hinweg 9.000 Euro pro SchülerIn bzw. StudentIn pro Jahr ausgegeben, was insbesondere auf die hohen Ausgaben im Sekundarschulbereich zurückzuführen ist, der im europäischen Vergleich am höchsten ist. Diese hohen Ausgaben lassen sich u. a. durch den verhältnismäßig hohen Betreuungsaufwand (Zahl der SchülerInnen pro Lehrperson) in Österreich erklären, der jedoch mit relativ niedrigen Leistungen der 15-Jährigen verbunden ist. Damit erreicht Österreich mit hohem Betreuungsaufwand eine im Vergleich mit anderen Ländern (z. B. Kanada, Neuseeland, Estland und Deutschland) ineffiziente Leistungserbringung.

Das Bildungsvolksbegehren 2012 hat belegt, dass zumindest einem Teil der ÖsterreicherInnen diese Problematik sehr wohl bewusst ist. Nachhaltige und flächendeckende Konsequenzen daraus sind jedoch erst ansatzweise auf dem Weg. Bildung 2050 – die Schule der Zukunft Im Jahre 2050 ist die Schule ein Ort, an dem die SchülerInnen sich wohl fühlen, und der gleichzeitig ihr Lernen unterstützt. Es gibt die Möglichkeit, sich zurückzuziehen für stilles Arbeiten allein, die Möglichkeit, in einer Gruppe zu arbeiten, die Möglichkeit, Wände beiseite zu schieben um SchülerInnenversammlungen abzuhalten oder gemeinsam Feste zu feiern. Es gibt keinen fixen Stundenplan mehr, sondern man arbeitet an Themen und Fragestellungen, einen Tag, eine Woche, oder auch länger. Die Themen werden nicht nur von einem Fach bearbeitet, sondern aus allen Perspektiven, die dafür wichtig sind.

Die Schule der Zukunft sieht die Förderung von Bildungsmotivation und Selbstwert, des Interesses an Neuem sowie die Vermittlung der Kompetenzen, diese Motivation erfolgreich realisieren zu können, als zentrale Ziele.

(gekürzte Fassung)

Von Christiane Spiel, Bildungspsychologin an der Universität Wien

Service: Den vollständigen Text lesen Sie ab Seite 52 im Sammelband "Österreich 2050 - FIT für die Zukunft", herausgegeben vom Rat für Forschung und Technologieentwicklung (RFT). ISBN: 978-3-902-868-92-3; erschienen am 21.8.2013 im Verlag Holzhausen.

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