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Klaus Schuch und Katharina Warta plädieren für verbindliche Richtlinien © fteval/Alexander Mikula
Klaus Schuch und Katharina Warta plädieren für verbindliche Richtlinien © fteval/Alexander Mikula

APA

Experten: Klare Regeln bei Studien sind Schutz für beide Seiten

29.11.2017

Nicht zuletzt, wenn Studien in Ministerien umgeschrieben oder wissenschaftlich in Zweifel gezogen werden, kommt das Spannungsfeld zwischen Auftraggebern und Wissenschaftern wieder ins Gespräch. Dass es in diesem Bereich nicht nur negative Erfahrungen, sondern auch positive Ansätze und zum Teil bereits konkrete Standards und Regelwerke gibt, betonten Vertreter der österreichischen Plattform für Forschungs- und Technologiepolitikevaluierung (fteval) gegenüber APA-Science.

"Wir haben gemeinsam mit unseren Mitgliedern verbindliche Richtlinien entwickelt, wie Auftraggeber und -nehmer von Studien miteinander umgehen sollten", erklärte Klaus Schuch, fteval-Geschäftsführer und Leiter des Zentrums für Soziale Innovation (ZSI). Diese Standards umfassen "Mindestvoraussetzungen" und beziehen sich vor allem auf die Kompetenz der Evaluatoren, die systematische Planung und Durchführung von Evaluierungen, die Achtung der schutzwürdigen Interessen Dritter sowie die Verantwortung gegenüber der Gesellschaft.

Dass es verbindliche Richtlinien brauche, habe kürzlich auch der Rektor der Universität Wien, Heinz W. Engl, hervorgestrichen. "Ich finde es gut, dass er so etwas einfordert. Aber die Uni Wien ist die größte Ansammlung an Forscherinnen und Forschern in Österreich. Das hätte man schon lange machen können. Und vielleicht sollte man sich anschauen, wo so etwas schon funktioniert", so Schuch. Zwar könne man die Standards der fteval – ein Zusammenschluss von Ministerien, Forschungsförderern und Evaluatoren – nicht als Blaupause hernehmen, "aber als Inspiration". Die Kernthemen wären ja dieselben.

Beispielsweise würden Veröffentlichungen qualitätsfördernd wirken. "Wenn sich die Community damit beschäftigt, kann man nicht so einfach Gutachten schreiben, die wie in Kärnten schon mal einige Mio. Euro kosten", spielte Schuch auf das Hypo-Gutachten des früheren Steuerberaters Dietrich Birnbacher an. Die fteval veröffentliche beispielsweise alle von den Auftraggebern freigegebenen österreichischen Evaluationsberichte im Bereich Forschungs- und Technologiepolitik in einem speziell dafür angelegten Repositorium. Ausnahmen gebe es nur, wenn ökonomische Interessen betroffen seien, etwa Evaluierungen zu Venture Capital, wo auch Umsatzzahlen von Firmen genannt werden. Oder auch, wenn es um einen vor der Öffentlichkeit geschützten internen Diskurs geht: "Also wenn man sehen will, was gelungen oder nicht gelungen ist, im Sinne eines politisch-institutionellen Lernens", erklärte Katharina Warta, designierte Leiterin der Wiener Niederlassung der Technopolis Group und fteval-Obfrau.

Manchmal reicht der Hausverstand

Ein wichtiger Punkt sei auch, bei der Auftragserteilung gewisse Standards einzuhalten, damit es nicht zu einer Marktausschließung komme. Regeln zum Umgang miteinander würden wiederum einen Schutz für beide Seiten darstellen. "Und wenn man gemeinsam Standards entwickelt, hat das auch einen selbsterzieherischen Effekt", ist Schuch überzeugt. Grundsätzlich sei ein gewisses Spannungsfeld zwischen Auftraggeber und Auftragnehmer ganz natürlich. "Aber dass man beispielsweise Sätze umschreibt, die inhaltlich so verzerrend sind, dass etwas völlig anderes rauskommt, ist natürlich ein No-Go. Dafür brauche ich keine Standards, da reicht der Hausverstand", stellte Schuch klar.

Oft bestehe aber eine Grauzone, wenn es eine redaktionelle Rückmeldung vom Auftraggeber gebe. "Ich persönlich habe manchmal das Gefühl, dass die nicht so Unrecht haben. Vielleicht war das wirklich unklar oder schwer verständlich. Aber wenn es plötzlich in eine ganz andere Richtung geht, dann würden wir die Reißleine ziehen", so Schuch. Früher hätten die Auftraggeber noch versucht, sich mehr herauszunehmen. Das habe sich inzwischen geändert. Zumindest im Bereich Forschungs- und Technologiepolitik halten sich Beeinflussungsversuche demnach in Grenzen.

Keine massiven Interventionen

"Das Bild des Sektionschefs, der hereinplatzt und sagt: "So geht es nicht! Die Studie bezahle ich nur, wenn da steht, was ich sage!" – das hat sich zum Glück verflüchtigt. Aber es kommt schon vor, dass ein höherer Beamter kurz bei einer Besprechung vorbeischaut und das Ergebnis so kommentiert, dass man weiß, dass das nicht zu seiner Agenda passt", so Warta. Dann werde versucht, eine gemeinsame Sprache zu finden. "Aber das heißt noch lange nicht, dass die Auftraggeber definieren, was im Bericht stehen darf. Mir ist nie zu Ohren gekommen, dass es da zu einer Umformulierung ins Gegenteil oder massiven Verschärfungen gekommen ist", erklärte die Expertin im Gespräch mit APA-Science.

Ein Grund dürfte sein, dass die Forschungs- und Technologiepolitik insgesamt weniger anfällig sei, da es um keine populistischen Themen gehe. Zweitens habe man es nicht zuletzt dank der Plattform geschafft, in einen Diskurs zu kommen, "auch wenn die beiden Welten ganz unterschiedliche Aufgaben haben: Wissen und Wissenschaft produzieren auf der einen und Entscheiden auf der anderen Seite". Eine Herausforderung für die Evaluation sieht Warta darin, mit der oft relativ dürftigen Datenlage die Komplexität der Realität spannend und scharf zu fassen. Kritiker würden die Empfehlungen oft als zu weichgewaschen bezeichnen. Das sei aber der Methode geschuldet, wenn man ausschließlich evidenzbasiert und nicht politisch argumentiere. "Das ist ein Unterschied zu anderen Publikationsformaten, die mit Provokation arbeiten oder mit Pointen", strich Warta hervor.

Politikfeld ist sehr international

Extrem enge Budgets kritisiert wiederum Schuch. "Manchmal haben wir als Evaluatoren zu wenige Möglichkeiten, wenn wir beispielsweise auf etwas Spannendes stoßen, das aber in der Ausschreibung nicht nachgefragt wurde." Systemisch hinterherhinken würde Österreich auch bei der Evaluierungsforschung. Positiv hervorzustreichen sei laut Warta die Internationalität, die für Unabhängigkeit und Offenheit sorge. "Alle Akteure, die Evaluierungen durchführen, machen auch Studien im Ausland. Da sieht man sich zum ersten Mal und ist per Sie. Das sorgt für Distanz."

Österreich habe im Ausland einen sehr guten Ruf, was die Forschungs- und Technologiepolitikevaluierung betreffe, so Schuch: "Wir sind im Ausland wahrnehmbarer als es im Inland oft scheint. Da sind Akteure dabei, die beraten ganze Politiksysteme in anderen Ländern. Deshalb bin ich sehr stolz und glücklich, dass wir im kommenden Jahr während der österreichischen EU-Ratspräsidentschaft eine große internationale Veranstaltung machen, die sich der Wirkungsmessung von forschungspolitischen Interventionen widmet."

Service: Konferenz "RTI Policy in Service of Society: Impact at the Crossroads of Policy Design, Implementation and Evaluation", 5. bis 6. November 2018, https://www.fteval.at/content/home/news/rti_conference/

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