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Fördereinrichtungen hatten unter Budget-Kürzungen stark zu leiden © APA (Fohringer)
Fördereinrichtungen hatten unter Budget-Kürzungen stark zu leiden © APA (Fohringer)

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Forschung in Finnland: Zwischen Sparprogramm und Ranking-Glück

01.06.2018

Der finnische Innovationsmotor ist mit der Wirtschaftskrise ins Stolpern geraten. Nach Phasen der Rezession, der Misere von Nokia und Einsparungen in der Forschung bewegt sich das Land langsam zurück zum Glück, wie auch die gern beschmunzelte Führungsposition beim jüngsten World Happiness Report zeigt. Finnland hat Zeiten der Krisen genützt, um sich in Forschung und Innovation neu aufzustellen.

Viele Geschichten und noch viel mehr Powerpoint-Präsentationen ranken sich in Finnland um Rankings. Im Rahmen einer Studienreise des Forschungsnetzwerks Austrian Cooperative Research (ACR) gab es kaum einen Vortrag, der ohne Verweise auf das "innovativste", "gebildetste", "nachhaltigste" oder nunmehr "glücklichste" Land der Welt ausgekommen ist. Das wurde der österreichischen Delegation, bestehend überwiegend aus Vertretern der insgesamt 18 ACR-Institute, zwar stets mit einem Augenzwinkern, aber nicht ohne Stolz vermittelt.

Optimismus auch in Krisensituation

ACR-Geschäftsführer Johann Jäger sieht in den guten Rankingplatzierungen mehr als einen Selbstzweck, nämlich auch eine gewisse Sogwirkung. "Die Finnen scheuen sich nicht, sich messen zu lassen", so Jäger. Durch den starken Fokus auf Bildung und die anhaltende Straffung der Strukturen in der Forschung werde das Land als Besuchsziel für andere Länder interessant, um sich etwas abschauen zu können. Für ACR-Präsident Martin Leitl hat das angesichts "gravierender Einsparungen im Forschungs- und Innovationssystem" unbekümmert zur Schau gestellte Selbstbewusstsein der Finnen vorgezeigt, wie man mit einer Krisensituation optimistisch umgehen könne.

Finnland steht nach wie vor überdurchschnittlich gut da, aber der Glanz der Rankings kann die Probleme der vergangenen zehn Jahre nicht ganz überstrahlen. Die Rezession im Gefolge der weltweiten Wirtschaftskrise 2009 hat das nordische Land hart getroffen und führte zu Einsparungen in allen Bereichen. Nach einer leichten Erholung bekam die eng an Russland gekoppelte finnische Wirtschaft die Probleme des Nachbarn im Osten direkt zu spüren und sackte erneut ein. Dazu brachen nach dem Niedergang der Mobilfunksparte von Nokia Forschungsinvestitionen des Konzerns weg. Und auch die öffentlichen Forschungsausgaben gingen von 2011 bis 2017 insgesamt um 22 Prozent auf rund 1,8 Mrd. Euro zurück.

Unter dem Sparprogramm stark zu leiden hatten vor allem die dem Wirtschafts- und Arbeitsministerium unterstehende Forschungsförderungsagentur Tekes mit einem Budgetabsturz um 51 Prozent auf 322 Mio. Euro und die größte öffentliche Forschungseinrichtung VTT, die bei den öffentlichen Zuwendungen ein Minus von 23 Prozent auf 74 Mio. Euro verkraften musste. Nach einer kontinuierlichen Abwärtsentwicklung seit 2015 gehen laut Statistik Finnland die öffentlichen Mittel für Forschung und Entwicklung erstmals wieder nach oben. 2018 steigt das staatliche Budget um 85,7 Millionen Euro auf rund 1,88 Mrd. Euro (Gesamtausgaben für Forschung über alle Bereiche: ca. 6 Mrd. Euro). Das 2015 präsentierte strategische Programm von Premier Juha Sipilä setzt bei Forschung und Innovation vor allem auf eine rasche Markteinführung von Innovationen und eine starke Exportorientierung.

Strategische Schlüsselthemen

Diese Philosophie spiegelt sich auch in der Anfang 2018 aus der Fusion von Tekes und der finnischen Außenhandelsstelle FinPro hervorgegangenen neuen Förderagentur Business Finland wider. Mit 600 Mitarbeitern verwaltet man laut Generaldirektor Pekka Soini ein Budget von rund 600 Mio. Euro jährlich. Als strategische Schlüsselthemen für die Förderung wurden sechs Bereiche festgelegt: Bio- und Kreislaufwirtschaft, Umwelttechnik, Digitalisierung, Privatkundengeschäft, Reise, Gesundheit und Wohlbefinden. Dazu kommen als Querschnittsthemen die digitale Transformation oder auch die Arktis. Zu den Leuchtturmprojekten zählt Soini etwa "OneSea", dabei geht es um autonome Schifffahrt, oder das Smart-City-Projekt "LuxTurrim5G".

Trotz schwieriger gewordenen Rahmenbedingungen ist Finnland im EU-Innovationsanzeiger als Dritter (EU 28) noch immer in der Gruppe der Innovation Leader, während Österreich als Siebenter die darauf folgende Gruppe der "starken Innovatoren" anführt. Auffallend ist, dass die finnische Performance zwischen 2010 und 2016 in den Punkten Forschungsfinanzierung um 33,8 Prozent und bei Firmeninvestitionen um 38,7 Prozent nachgelassen hat. Finnland ist eines von nur drei Ländern, dessen Innovationsleistung in diesem Zeitraum um mehr als fünf Prozent zurückgegangen ist.

"Die Budget-Kürzungen in der Forschung waren ein Fehler", erklärte Ilona Lundström vom Wirtschafts- und Arbeitsministerium, darüber herrsche in der finnischen Community mittlerweile Einigkeit. Der Blick geht aber nach vorn. Nun gelte es, wie ein Phönix von einer soliden Plattform aufzusteigen, sagte Lundström und von der abschließenden Powerpoint-Folie lachte die österreichische Song-Contest Gewinnerin Conchita.

(Die Studienreise fand auf Einladung von ACR statt)

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