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Mit Big Data-Methoden sucht auch der Forscher nach Elena Ferrante © APA (AFP)
Mit Big Data-Methoden sucht auch der Forscher nach Elena Ferrante © APA (AFP)

Kooperationsmeldung

Forum Alpbach - Big Data soll Geheimnis der Kreativität preisgeben

26.08.2017

Diese Meldung ist Teil einer Medienkooperation mit dem Austrian Institute of Technology (AIT)

Der Raum der Möglichkeiten ist riesig. Manche Entscheidungen sind wahrscheinlicher, manche unwahrscheinlicher. Manche bringen Neues hervor, sogar Nützliches. Dann entsteht, was viele Definitionen Kreativität nennen. Der italienische Physiker und Datenwissenschafter Vittorio Loreto hat diesen Raum und seine Muster in eine mathematische Struktur gebracht - und vermisst ihn mittels Big Data.

"Von vielen Disziplinen wird Kreativität als etwas Individuelles, als Teil der Persönlichkeit betrachtet", erklärt Loreto im APA-Gespräch am Rande der Alpbacher Technologiegespräche, wo er an einer Diskussion über das Management komplexer Systeme teilnimmt. "Ich betrachte sie eher als einen allgemeinen, kollektiven Prozess, der unter bestimmten Bedingungen in unterschiedlichen Mustern stattfindet." Seine Forschungsgruppe an der Universität Sapienza ist freilich interdisziplinär und reicht von Psychologen und Anthropologen zu Programmierern und Mathematikern. In Rom haben sie eine Art interaktives Ausstellungslabor eingerichtet, in dem menschliche Kreativität in ihrer ursprünglichsten Art getriggert wird: beim Spielen.

Die Kraft der Neugier

An den Geräten, die Loreto entwickelt, kann man gemeinschaftlich an Geschichten schreiben, physikalische Experimente ausprobieren oder ein öffentliches Verkehrsnetz aufgrund echter Daten planen. Das Setting hat mehrfache Effekte: "Es sind wunderbare Lernmaschinen. Wir beobachten, was passiert, wenn es uns gelingt, Neugier zu wecken. Neugier hat eine immense transformative Kraft." Eine Strategie dafür sei etwa Verwunderung, eine andere das Wissen um die Echtheit der Daten und die Möglichkeit, auf einfach anwendbare Art mit ihnen zu experimentieren. Der andere, quantitative Effekt sind die Daten über das Spiel- und Entscheidungsverhalten, die die Geräte ausspucken.

Eigentlich ist Loreto, der neben seiner Tätigkeit als Professor für komplexe Systeme an der Universität Sapienza seit heuer auch am Complexity Science Hub in Wien tätig ist, Physiker, auch wenn er sich heute vor allem mit Literatur, Musik und Kreativität beschäftigt. Geblieben ist ihm ein Blick auf komplexe Phänomene, der nach Gesetzen sucht, nach wiederkehrenden Bausteinen, deren Kombinatorik gewaltig groß, aber nicht unendlich ist. Das erste solcher Phänomene, für das er sich vor rund 15 Jahren zu interessieren begann, war die Sprache. "Auch sie ist ein kollektiver Prozess, der kontinuierlich weiterentwickelt wird", sagt er. Das Vokabular ändert sich, auch die Syntax, mitunter sehr langsam, dann wieder schneller. "Vor allem Dialekte sind für solche schnelleren Veränderungen faszinierend."

Suche nach geheimnisvoller Autorin

Riesige Textmengen schickte Loreto durch ein Programm, das daraus eine Reihe sprachlicher Daten und stilistischer Merkmale klassifiziert und ihm erlaubt, eine Art sprachlichen Fingerabdruck zu identifizieren. Mit diesem Werkzeug beteiligte sich Loreto unter anderem an einem der heißesten Rätsel der aktuellen Literaturszene - rund um die Identität der italienischen Bestsellerautorin Elena Ferrante, ein Pseudonym, hinter dem man die Übersetzerin Anita Raja vermutet. "Ich glaube es nicht", sagt Loreto. Denn sein Programm, das bereits Hunderte Autoren korrekt zuordnen konnte, identifizierte ausgerechnet Rajas Ehemann, den neapolitanischen Autor Domenico Starnone, als Urheber der beliebten Romane. "Vielleicht haben sie gemeinsam geschrieben", meint Loreto. Der als Beweis gehandelte Geldfluss an Raja spreche jedenfalls schwerlich gegen seine Ergebnisse.

In den Pariser Labors von Sony entwickelte Loreto ähnliche Algorithmen zur Analyse von Musik und war an der Kreation von Programmen beteiligt, die aufgrund dieser Analysen selbst im Stil eines bestimmten Komponisten Musik erschaffen. Dort entstandene und ähnliche Methoden werden nun etwa bei Anbietern wie Spotify verwendet, um den Musikgeschmack der User zu verstehen, zu verwerten und mit Angeboten zu füttern. Der Kreislauf schließt sich: Denn auch dabei werden Daten geschaffen, durch Entscheidungen, etwa zum ersten Mal einen Song anzuhören, erstmals eine Seite aufzurufen. "Jeder Schritt im Netz ist eine Bewegung im Raum der Möglichkeiten", sagt Loreto, der viele dieser Daten in seine Modelle speist. "Und durch jeden Schritt wird dieser Raum ein anderer."

Service: www.alpbach.org

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