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Innovationsexperte Burton Lee sieht massiven Nachholbedarf © APA-Fotoservice/Roßboth
Innovationsexperte Burton Lee sieht massiven Nachholbedarf © APA-Fotoservice/Roßboth

Kooperationsmeldung

Forum Alpbach: "Österreich muss Informatik reformieren"

25.08.2017

Diese Meldung ist Teil einer Medienkooperation mit dem Austrian Institute of Technology (AIT)

Um im internationalen Wettbewerb nicht den Anschluss zu verlieren, müsste Österreich deutlich mehr in Computer- und Datenwissenschaften, Software Engineering und Künstliche Intelligenz (KI) investieren, ist US-Innovationsexperte Burton Lee überzeugt. Besonders die Qualität der heimischen Informatik-Fakultäten gehöre signifikant erhöht, sagte der Professor von der Stanford-University zur APA.

Lee beschäftigt sich viel mit den Innovationsprozessen von Klein- und Mittelbetrieben (KMU) in Deutschland, Österreich und der Schweiz. In seiner Funktion als Berater für die neue KI-Strategie des Landes Oberösterreich hat er vor einigen Wochen Firmen im Raum Linz besucht, davor und danach war er immer wieder im deutschsprachigen Raum unterwegs, um sich einen Eindruck über die Innovations- und IT-Kapazitäten zu verschaffen. "Ein gemeinsames Muster quer über diese Mittelstandsbetriebe ist, dass sie nicht sehr stark im IT-Bereich sind", sagte der Experte, der bei einem Arbeitskreis der Alpbacher Technologiegespräche zum Thema "Second Machine Age: Lernende Maschinen - Autonome Maschinen" zu Gast ist.

Einerseits gebe es meist nur recht kleine IT-Abteilungen, andererseits fehle es auch an Kompetenzen für neue digitale Geschäftsmodelle, strategisches IT-Management und Technologien wie Chatbots. Nachholbedarf gebe es vor allem bei Mitarbeitern, die technische und Management-Qualifikationen mit "digitalem" Geschäftssinn in sich vereinen: "Diese Leute fehlen in weiten Teilen der KMU in Österreich."

"Daten- und Softwarekultur" statt Kostenfaktor

Das sei ein Problem der Nachfrage wie auch des Bewusstseins, so Lee. Typischerweise werde die IT ausgelagert und in erster Linie als Kostenfaktor wahrgenommen, und nicht - wie etwa in den USA üblich - als "Profit Center". Das habe in Europas kleineren Firmen auch oft mit der Altersstruktur in der Geschäftsführung zu tun. Von dieser Art der Geschäftsführung müssten sich die Unternehmen verabschieden, rät Lee, und sich stärker in Richtung einer "Daten- und Softwarekultur" orientieren.

Die Trennung von Technik und Management mache es letztlich so schwer, neue digitale Geschäftsmodelle und eine Software- und Datenkultur in Unternehmen zu entwickeln. "Das ist genau das Problem. Wir haben zu viele Anwälte und zu wenige Software-Spezialisten", konstatiert Lee, der in Stanford European Entrepreneurship und Innovation lehrt, eine "kulturelle Blindheit" gegenüber Software - nicht nur in der europäischen Wirtschaft, sondern auch an den Universitäten. Vor dem Hintergrund einer eher traditionellen Maschinenbautradition sei die Herausforderung hauptsächlich nicht die Technologie: "Es geht viel mehr um Management-, Arbeits- und Unternehmenskultur sowie 'Mindset'."

Was aber auch fehle, sei Geld und eine erkennbare Forschungsstrategie in Sachen Computerwissenschaft, Software Engineering und KI, in Österreich wie in der EU. Österreich müsse ernsthaft in Software, Computer- und Datenwissenschaft investieren - und bei den Universitäten anfangen: "Die österreichischen Informatik-Fakultäten erfordern viel mehr Investitionen, sie müssen eine viel höhere Qualität erreichen." Die Unis sollten bei der Informatik weniger den rein theoretischen, mathematischen Ansatz betonen, und sich stärker zum US-Modell hin orientieren, das Theorie und Praxis, Mathematik und Software Programming zusammenbringt, mit dem Ziel Forschungsergebnisse ganz schnell in IT-Unternehmen und Start-ups umzusetzen. "Wir sehen viel zu wenige Software-Start-ups, die aus den österreichischen Informatik-Fakultäten hervorgehen, etwa wahrscheinlich maximal fünf bis zehn pro Jahr bundesweit", so der Experte, der sich in den nächsten fünf Jahren drei Mal so viel neue Start-ups wünscht.

Traditionelle Stärken alleine zu wenig

Momentan berät Lee das Land Oberösterreich bei der Entwicklung einer Strategie für KI und einer Roadmap für Unternehmen und Unis in diesem Bereich. Dem in diesem Prozess oft gehörten Argument "Wir müssen auf unseren Stärken aufbauen", womit traditionelle Industrien wie Transport, Automobil, Maschinenbau, Elektrotechnik oder Chemie gemeint sind, kann Lee wenig abgewinnen: "Was manche traditionelle Industriegeschäftsführer wirklich sagen ist: Wir glauben nicht, dass Software und Daten grundsätzlich wichtig für unsere Region sind. Der Punkt ist, und darauf lege ich wirklich großen Wert: Jede Region muss eine starke Basis aus Software- und Datenunternehmen haben und simultan neben den traditionellen Industriebranchen eine neue Software- und Datenbranche fördern."

In der Steiermark wurde auf Anraten Lees ein "Software and Data Council" installiert, ein Gremium mit Vertretern aus Wirtschaft und Wissenschaft zur Vernetzung und Förderung von Potenzialen in den Bereichen Software-Entwicklung, Gaming und Data Management. Dieses Beispiel sollten auch andere Bundesländer berücksichtigen, schlägt der Experte vor.

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