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Im LBI Trauma wird an innovativen Materialien geforscht © LBG/Johannes Brunnbauer
Im LBI Trauma wird an innovativen Materialien geforscht © LBG/Johannes Brunnbauer

Kooperationsmeldung

Hand aufs Herz- Traumatologie am LBI

27.06.2018

Diese Meldung ist Teil der Reportage-Reihe "APA-Science zu Besuch ..."

Die Schweineleber liegt ausgebreitet in ihrem Behälter. Das rote Fleisch pulsiert schwach, eine mechanische Pumpe mimt das Herz. In regelmäßigen Abständen schwappt Blut aus einer kreuzförmigen Wunde. Langsam nähert sich eine Spritze, pumpt die Wunde voll mit eierschalenweißer Flüssigkeit. Die Creme wird fest, die Blutung stoppt. Schwein gehabt.

Das Ludwig Boltzmann Institut für experimentelle und klinische Traumatologie (LBI Trauma) im AUVA-Forschungszentrum am Lorenz Böhler-Krankenhaus widmet sich der Wissenschaft von Verletzungen und Wunden. In einer Kombination aus Wissenschaft und Klinik wird hier an neuen "diagnostischen und therapeutischen Maßnahmen zur Verbesserung der Unfallchirurgie und Intensivmedizin" gearbeitet, erklärt Institutsleiter Heinz Redl den Grundgedanken des LBI Trauma. "Unser Ziel ist es, zu regenerieren statt zu reparieren."

Materialen der Zukunft

Das Erste, was nach einem Unfall passieren muss, ist die Stillung der Blutung. Dem hypothetischen Opfer kann auf zwei Arten das Dasein gerettet werden. Entweder durch Applikation eines Vlieses auf die offene Wunde, ähnlich einem Pflaster. Diese Patches sind seit ein paar Jahren am Markt und wurden vom LBI mitentwickelt. Ist die Wunde zu tief, injiziert man stattdessen eine Gelatine-Matrix mit einer Thrombinlösung und füllt die Wunden damit auf. Sobald die Mischung in Kontakt mit Blut gerät, reagiert sie und wird fest. Leider zu teuer fürs Erste-Hilfe-Set, kostet eine volle Spritze doch "um die 100 Euro'", wie Medizintechniker Karl Kropik erklärt.

Ein wichtiges neues Material in der Unfallchirurgie der nahen Zukunft wird Seide sein, wenn es nach Forscher David Hercher geht. Petrischalen mit dünnen Seiden-Schläuchen säumen das Mikroskop auf seinem Arbeitsplatz. Hercher befasst sich mit Nervenverletzungen, von denen es "circa 300.000 pro Jahr in Europa gibt". Das Nervensystem, erklärt er, ist wie ein Baum. Damit im Falle einer Verletzung die abgebrochenen Äste wissen, in welche Richtung sie neu austreiben müssen, braucht es Schienen. Wo früher harte Silikon-Röhrchen verwendet wurden, setzt Hercher stattdessen auf weichere, angenehmere Tuben aus Seidenspinner-Seide.

Ein paar Türen weiter setzt auch Andreas Teuschl, Chief Scientific Officer des Spin-Off-Unternehmens MorphoMed auf Seide. An einem Modell des menschlichen Knies präsentiert er ein Kreuzband aus Seide, umgeben von Wachtelei-großen Kokons. In der Regel wird bei einem Kreuzbandriss eine körpereigene Sehne, beispielsweise ein Teil des Oberschenkelmuskels, als Ersatz für das gerissene Kreuzband verwendet. In Zusammenarbeit mit der Fachhochschule Technikum hat das LBI ein Verfahren entwickelt, die Seidenfasern von ihrer äußersten, für die Medizin unbrauchbaren Schicht zu trennen und sie so zu einem geeigneten Material für einen Kreuzbandersatz zu machen. Das sofort belastbare Seiden-Seil bleibt Teuschl zufolge zwei bis vier Jahre im Körper und wird nach und nach in körpereigenes Gewebe umgewandelt. Bevor es zur klinischen Anwendung kommen kann, kümmert sich MorphoMed noch um die Reinraumproduktion und Zulassung. Nächstes Jahr soll es klinische Studien geben, zurzeit forsche man noch am Schaf.

Es werde Licht

Aus dem Raum nebenan blitzt es. In Sekundenabständen flackert und knackt es, wieder und wieder. Mit Licht und Stoßwellen wird hier an kostengünstigen Therapieformen zur Geweberegeneration geforscht. In einer alternden Bevölkerung, wo Bettlägerigkeit und Diabetes zunehmen, sind auch Wundheilungsstörungen im Steigen. Blaues, rotes und grünes Licht wird eingesetzt, um das Absterben von Gewebe zu verhindern und die Zellen zu stimulieren. Die Stoßwellentherapie wiederum setzt biochemische Reaktionen im Körper frei, die Knochenwachstum anregen, Wunden heilen und Nervendefekte überbrücken. Völlig ohne Nebenwirkungen. Die Lichtblitze kommen hier aus Geräten, die Taschenlampen oder Heißklebepistolen ähneln. Wer die Hand auflegt, spürt ein Knacken.

Last but not least wird auch der Aspekt des Recyclings im LBI beachtet, denn jedes Jahr werden allein in Europa Tausende Tonnen menschlichen Gewebes entsorgt. Schade, findet Susanne Wolbank, Group Leader für Humane Stammzellen - ein großer Teil dieses Gewebes könnte aufbereitet und wieder für den Patienten verwendet werden. Sie forscht deshalb an der Extraktion von Stammzellen aus humanem Fettgewebe, ohne den bisher üblichen Einsatz von Enzymen. Ihre Kollegin Asmita Banerjee beschäftigt sich unterdessen mit einer wenige Stunden alten, menschlichen Plazenta. Das Amnion, die innerste der das Fruchtwasser umgebenden Eihäute, wird sorgfältig mit einer Pinzette von dem violetten Fleischbatzen heruntergezupft. Ähnlich wie ein durchsichtiges Pflaster kann es als Auflage für Wunden eingesetzt werden. "Wir verwenden rein humanes Material", betont Banerjee. Langsam löst sich das Häutchen vom Fleisch.

Von Anna Riedler / APA-Science

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