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"Verbetonierter" Boden kann kein Wasser aufnehmen und speichern © APA (dpa)
"Verbetonierter" Boden kann kein Wasser aufnehmen und speichern © APA (dpa)

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Hitze - Zunehmende Verbauung lässt Temperaturen steigen

02.08.2017

Die zunehmende Verbauung sorgt zusätzlich zur Klimaerwärmung für einen Anstieg der Zahl an sehr warmen und heißen Tagen, besonders in den Städten. Gezielte Maßnahmen wie Begrünung, reflektierende Dachfarben und eine geeignete Art der Bebauung können die extreme Hitzebelastung in den Städten vermindern, stellten kürzlich ZAMG und Joanneum Research zu gemeinsam durchgeführten Forschungen fest.

Dabei werden derzeit im Rahmen eines Projekts Möglichkeiten zur Anpassung an den Klimawandel für den Grazer Bezirk Jakomini untersucht. In Österreich werden täglich etwa 14,7 Hektar Äcker und Wiesen verbaut, das entspricht einer Größe von rund 24 Fußballfeldern. Da "verbetonierter" Boden kein Wasser aufnehmen und speichern kann, steigt dadurch die Gefahr von Überschwemmungen und Dürren. Außerdem sind versiegelte Flächen deutlich wärmer als Grünland, weil die kühlende Wirkung der Verdunstung fehlt.

Besonders markant sei der Temperaturanstieg in Großstädten, hieß es. Die Verbauung von Grünflächen (Verdichtung) sorge zusätzlich zur Klimaerwärmung für mehr heiße Tage und verhindere eine deutliche Abkühlung in der Nacht. Infolgedessen führt die vermehrte Hitze wiederum zu einer Zunahme von gesundheitlichen Problemen in der Bevölkerung, wie zum Beispiel Herz- und Kreislaufbeschwerden.

Hitzebelastung effizient mindern

Maßnahmen im Städtebau können die Hitze deutlich reduzieren und den Auswirkungen des Klimawandels entgegenwirken. Diese Effekte sind je nach Lage und Struktur der Stadt sehr unterschiedlich. Die Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik (ZAMG) untersucht daher mit Hilfe von sehr kleinräumigen Computersimulationen, wie Begrünung, Wasserflächen, reflektierende Dachfarben und die Art der Bebauung die extreme Hitzebelastung effizient mindern können.

Derzeit ist beispielsweise das Klima-und Energiefonds Smart Cities Demo-Projekt "Jacky_cool_check" in der Endphase, das Maßnahmen zur Anpassung an den Klimawandel für den Grazer Wohn- und Gewerbebezirk Jakomini untersucht. "Wir haben dafür Szenarien zu sehr drastischen städtebaulichen Eingriffen berechnet, um zu sehen, auf welche Maßnahmen das Stadtklima von Jakomini am stärksten reagiert," erklärte die ZAMG-Stadtklimaforscherin Maja Zuvela-Aloise. "Deckt man zum Beispiel alle Dächer mit einem Material, das 70 Prozent der Sonnenstrahlung reflektiert, sinkt in Jakomini die durchschnittliche Zahl der Tage mit mindestens 25 Celsius um fünf bis zehn Tage. Einen ähnlichen Effekt würde auch die Begrünung der gesamten vorhandenen Dachflächen bewirken."

Derart weitreichende Maßnahmen sind in der Realität zumeist nicht umsetzbar. Beispielsweise sind in Graz-Jakomini baulich bedingt überhaupt nur elf Prozent der Dachflächen begrünbar. "In der Praxis geht es daher um eine optimale Kombination einzelner Maßnahmen," sagte Klimaforscherin Zuvela-Aloise, " wie zum Beispiel der Begrünung einer Fassade in Kombination mit einer Änderung der Dachfarbe und der Erhaltung vorhandener Grünflächen. Unsere Berechnungen zeigen dabei, welche der Maßnahmen und deren Kombinationen im kleinräumigen Klima einer Stadt oder eines Bezirkes am besten wirken."

Kleinklima einer Stadt ändert sich schnell

Wie schnell sich das Kleinklima einer Stadt verändern kann, zeigen im Projekt erhobene Daten zur Bebauung. In nur sieben Jahren, von 2004 bis 2011, nahm die verbaute Fläche in Graz Jakomini um drei Prozent zu, die Grünflächen nahmen im gleichen Ausmaß ab. In den vergangenen Jahren sei das Wissen und das Bewusstsein rund um das Thema Städtebau und regionales Klima jedoch deutlich gewachsen. Das Projekt "Reduktion einer städtischen Wärmeinsel - Jacky_cool_check Graz" wird in Zusammenarbeit der Joanneum Research Forschungsgesellschaft mbH (Projektleitung) und der Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik (ZAMG) durchgeführt und vom Klima- und Energiefonds gefördert.

Nach Daten des Umweltbundesamts wurden in den vergangenen zehn Jahren in Österreich pro Tag durchschnittlich 20 Hektar verbaut, in einem Jahr 73 Quadratkilometer. Das entspricht mehr als der Fläche des Attersees und Traunsees zusammen oder der halben Fläche des Neusiedlersees. In der Periode 2014 bis 2016 ging die tägliche Versiegelungsrate etwas zurück und lag bei 14,7 Hektar.

"Wir müssen mit unseren Böden wesentlich sorgsamer umgehen. Mit strategischer Verkehrs- und Raumplanung können wir heute auch das Klima von morgen entscheidend mitgestalten", sagte Karl Kienzl, Umweltbundesamt-Geschäftsführer-Stellvertreter.

Service: Die Initiative "Bodenlos macht arbeitslos" unter Leitung der Österreichischen Hagelversicherung setzt sich für eine deutliche Reduktion des Bodenverbrauchs ein ( www.bodenlos-arbeitslos.at ) und wird von zahlreichen Institutionen, wie von der ZAMG und dem Umweltbundesamt, unterstützt. (Projektwebsite: JACKY_COOL_CHECK: http://go.apa.at/lKfD3lM4

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