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Stefan Thurner "wollte als Kind sehr gescheit werden"

08.01.2018

Aufgrund kluger Freunde seiner Eltern wollte Stefan Thurner schon "als Kind sehr gescheit" - und daher Philosoph werden. Doch Carl Friedrich von Weizsäcker, den er 16-jährig zufällig traf, gab ihm den Rat: "Bevor Sie Philosoph werden, müssen Sie verstehen, wie die Welt funktioniert - lernen Sie Physik." Das tat er und will nun als Komplexitätsforscher die Welt und ihre komplexen Systeme verstehen.

Thurner wurde am 6. Februar 1969 in Innsbruck geboren. Nach Wien kam er nach der Matura aber nicht der Physik wegen, sondern weil er als Klarinettist am Musikkonservatorium aufgenommen wurde. Doch schließlich dominierte die Wissenschaft, und nach dem Studium an der Universität Wien wurde er 1995 an der Technischen Universität (TU) Wien in Theoretischer Physik promoviert.

Ein breites Spektrum

Inhaltlich fesselte ihn ursprünglich die Starke Wechselwirkung, die die Quarks im Atomkern zusammenhält. Der US-Physiker Murray Gell-Mann, der Anfang der 1960er-Jahre die Quarks postuliert hatte, wurde sein Idol - das er Jahre später am Santa Fe Institute kennenlernen sollte und mit dem er auch zusammenarbeitet. "Ich habe drei Physik-Paper mit ihm - besser geht's nicht", so Thurner, der am Montag vom Klub der Bildungs- und Wissenschaftsjournalisten zum "Wissenschafter des Jahres 2017" gekürt wurde, im Gespräch mit der APA.

Nach Postdoc-Jahren in Berlin, Boston und der TU Wien bekam er 1999 eine fixe Stelle an der Uni Wien - und begann, sein inhaltliches Spektrum mit einem Doktoratsstudium in Finanzwirtschaft zu erweitern, das er 2001 abschloss. Im gleichen Jahr habilitierte er sich in Theoretischer Physik an der TU Wien.

Er wollte wirklich wissen, wie die Ökonomie funktioniert, die schließlich jeden Menschen auf der Welt beeinflusse, begründete er sein Interesse. Es habe aber auch einen "profanen Grund" für das Zweitstudium gegeben: Ende der 1990er-Jahre habe es mit den Karriereaussichten für Elementarteilchenphysiker nicht rosig ausgesehen und Physikerkollegen hätten nach dem Doktorat bei Elektronikkonzernen im Keller sitzend Telefonleitungen programmiert. "Da habe ich mir gedacht, bevor ich auch in den Keller muss, gehe ich lieber als Ökonom in ein Zimmer mit Sonne", so Thurner.

"Gute alte Zeit"

Doch das sonnige Zimmer gab es auch in der Wissenschaft - an einem für einen Physiker unüblichen Ort: Der Vorstand der HNO-Klinik am Wiener AKH, Klaus Ehrenberger, bei dem Thurner schon als Student mit einem selbst erfundenen Hörgerät vorstellig wurde, gab ihm 2004 eine Stelle - und eine für einen jungen Forscher ungewöhnliche Freiheit in der wissenschaftlichen Arbeit.

Dadurch konnte Thurner eine rege Forschungs- und Publikationstätigkeit entwickeln: Das Gros davon hatte nichts mit Medizin zu tun, sondern mit Finanznetzwerken, evolutionären Prozessen, Entropie, etc. "Das war sensationell, vielleicht das, was man gute alte Zeit nennt, eine Arbeit ohne Lehre, ohne Gremien, ohne Vorgaben, im Vertrauen darauf, dass schon etwas rauskommt."

Zu der Zeit besuchte Thurner schon seit einigen Jahren das Santa Fe Institute in New Mexico (USA), das 1984 von US-Spitzenforschern, darunter fünf Nobelpreisträger, gegründet wurde, um die "Theorie komplexer Systeme" als Forschungsgegenstand zu etablieren und das in dem Gebiet weltweit als führend gilt. Dort ist er seit 2007 externer Professor, das Institut war auch Vorbild für den von Thurner initiierten und geleiteten Complexity Science Hub Vienna (CSH), der 2016 eröffnet wurde.

Netzwerke und komplexe Systeme

Die Medizinische Universität Wien erkannte offensichtlich früh die Bedeutung der Komplexitätsforschung und gab Thurner 2009 eine Professur. Es war der erste Lehrstuhl für Wissenschaft komplexer Systeme in Österreich, den er bis heute innehat und von dem aus er seine intensive Publikationstätigkeit fortführen konnte. Netzwerke und komplexe Systeme stehen dabei immer im Mittelpunkt, vordergründig geht es in seiner Arbeit aber um so verschiedene Themen wie Wahlbetrug, Soziale Netzwerke, Diabetes, Musik, Sprachwissenschaften, Finanzsystem, Rohstoffhandel oder Anbaupraktiken balinesischer Reisbauern.

Mittlerweile ist Komplexitätsforschung im Mainstream angekommen, laut Thurner gibt es einen "Riesenkampf um Talente, die mit Daten, Modellen und Mathematik umgehen können". Viele dieser Talente würden von Google und anderen sozialen Medien abgesaugt, mit dem CSH hofft Thurner sie im Land halten bzw. anlocken zu können. Ziel dabei sei, "ein alternatives Umfeld zu schaffen, in dem radikal gute Qualität passieren soll".

Komplexität und Klarinette

Fragt man ihn nach seinen Hobbys, bekommt man schnell "die Arbeit" als Antwort. Doch dann überlegt Thurner und wird differenzierter: "Das Formulieren von Fragen, das Tüfteln, diese dann zu beantworten, und die Herausforderung, das Ergebnis irgendjemandem zu kommunizieren, das ist mein Hobby."

Es gibt aber auch ein Leben neben der Arbeit: Thurner spielt nach wie vor Klarinette, obwohl sich das Ensemble Dilletanti Musici, in dem er lange gespielt hat, aufgelöst hat. Umso mehr freute es ihn, als er im Vorjahr die Gelegenheit hatte, im Haydn-Orchester mitspielen zu können. Zudem leitet Thurner ein Entwicklungsprojekt für Kolumbien, mit dem er die Arbeit der im Vorjahr verstorbenen Elfriede Jagersberger, eine Verwandte seiner Mutter, unterstützt. Die "Engel von Cartagena" genannte Franziskanische Missionsschwester hatte in Kolumbien zahlreiche Kindergärten und Schulen gegründet.

Service: https://www.csh.ac.at/

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