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"Wir sind Problemlöser, keine Problemmacher"

17.12.2018

Hubert Culik, Obmann des Fachverbands der Chemischen Industrie Österreichs (FCIO), über die Entwicklung der Branche und deren Perspektiven zwischen REACH, Klimapolitik und Arbeitszeitflexibilisierung.

CR: Wie ist das Jahr 2018 für die österreichische Chemieindustrie gelaufen?

Am Beginn lief es sehr gut. Es hatte sich fast ein Superjahr abgezeichnet. Aber nach dem Sommer sind wir nicht mehr richtig in Fahrt gekommen. Ich sehe dafür verschiedene Gründe: Das Wachstum in China hat sich verlangsamt. Es gibt sehr große Probleme in der Autoindustrie, die man nicht wahrhaben will. In etlichen Bereichen sind wir mit einer Rohstoffverknappung konfrontiert , etwa in der Kunststoffindustrie, aber auch in anderen Branchen. Und es gibt auch viele politische Einflüsse: Amerika ist ein unsicherer Handelspartner, die nicht geklärte Brexit-Situation, wir spüren speziell in Österreich die Auswirkungen der Sanktionen gegen Russland und der politischen Lage in der Türkei und dem Iran. In Summe wird 2018 daher ein durchschnittliches Jahr werden. Wir blicken aber einem schwierigen Jahr 2019 entgegen.

CR: Ist der Konjunkturhöhepunkt überschritten?

Ja. Als ich das schon vor einiger Zeit gesagt habe, hat man mir vorgehalten, pessimistisch zu sein. Aber ich bin kein Pessimist, sondern ein realistischer Optimist. Der Konjunkturhöhepunkt ist sicher überschritten, auch aufgrund der genannten politischen Einflüsse. Wir haben immer noch einen Bauboom, aber die Chemiefirmen, die in den Baubereich liefern, profitieren nicht davon. Da stimmt doch etwas nicht. Die Autoindustrie, die viele chemische Produkte benötigt, kämpft in Deutschland mit der Dieselthematik. Auch die Stahlindustrie schwächelt, das hat sich noch jedes Mal auf die gesamte Industrie ausgewirkt.

CR: Blicken wir auf die vergangenen anderthalb Jahrzehnte zurück: Was waren die wichtigsten strukturellen Veränderungen in der Chemieindustrie? Es heißt, die Globalisierung habe dazu geführt, dass auch in Österreich etliche kleine und mittelständische Unternehmen vom Markt verschwunden sind bzw. in international agierende Konzerne und Unternehmensgruppen integriert wurden. Auf der anderen Seite gibt es weiterhin erfolgreiche Nischenplayer, Stichwort "Hidden Champions".

Speziell in den vergangenen Jahren hat eine Änderung in der Gesellschafterstruktur vieler Firmen stattgefunden. Einerseits gab es Aufspaltungen von Chemiegiganten, die dann einzeln wieder erfolgreiche Firmen geworden sind. Gleichzeitig erfolgte eine Konsolidierung in der Chemiebranche, die noch nicht abgeschlossen ist, etwa in der Lackindustrie. Das hat oft gar nichts mit der Globalisierung zu tun. Manche Unternehmer haben nicht getan, was notwendig gewesen wäre, um ihre Firmen an die Zeit anzupassen. Sie haben sich zum Beispiel zu wenig mit Innovationen beschäftigt. Die gesamte Industrie hat ihre Produktzyklen. Meine langjährige Erfahrung hat mich zu folgendem Schluss gebracht: Wenn man den Jahresumsatz nach dem Alter der Produkte aufteilt, dann muss man 20 bis 30 Prozent mit Produkten erwirtschaften, die nicht älter als drei Jahre sind. Man muss immer die Nase vorne haben, sich weiterentwickeln und vorausschauend investieren. Auch bei Basischemikalien muss man Prozesse optimieren, automatisieren und digitalisieren. Außerdem müssen wir uns um unseren Energiekonsum und um das Recycling kümmern. Man muss die Änderungen des ökonomischen Umfeldes, etwa die Rohstoffpreise und die Transportkosten, im Auge behalten.

CR: Was halten Sie von Geschäftsmodellen wie Chemical Leasing?

Das versucht man schon viele Jahre. Aber es ist auf bestimmte Bereiche beschränkt. Für Anwendungen wie Reinigungsmittel kann ich mir das vorstellen, hier gibt es auch schon einige gute Beispiele mit Flaschenreinigung oder Wäschereinigung. Für eine stärkere Akzeptanz fehlen noch die entsprechenden Rahmenbedingungen, sowohl in Österreich als auch auf EU-Ebene.

CR: Innerhalb der vergangenen anderthalb Jahrzehnte hat sich das europäische Chemikalienrecht grundlegend gewandelt - Stichwort REACH und dessen Umfeld. Welche Auswirkungen hatte das auf die Branche?

Wir hatten eine Flut von Regulierungsmaßnahmen, die sich auf die gesamte Entwicklung von Firmen auswirken. Wer nicht mitmacht, hat Probleme zu erwarten. Die REACH-Thematik beeinflusst uns immer noch stark. Wir wissen auch nicht, was da noch auf uns zukommt. Manche Rohstoffe verschwinden durch REACH. Man hat hier den Unternehmen vieles abverlangt. In der nationalen Umsetzung sollte eine Übererfüllung von EU-Vorgaben vermieden werden. Wicht ig ist, die Themen objektiv zu betrachten. Es hat wenig Sinn, aufgrund von Studien, die um 1980 erstellt wurden, jetzt Regulierungen zu erlassen. Das sehen wir beispielsweise bei der Diskussion um das Pigment Titandioxid, auf das wir wegen seiner großen Deckkraft bei der Herstellung von Farben nicht verzichten können. Ein Verbot würde daher viele Folgeprobleme auslösen. Ich sehe auch die Biozid-Problematik sehr kritisch. Hier muss man auf die Dosis achten. Durch überstrenge Regulierungen könnte es dazu kommen, dass neue Substanzen benutzt werden, über die man weniger weiß, als über die bisher verwendeten. Das kann erst recht zu Problemen führen. Grundsätzlich ist die Chemieindustrie positiv eingestellt und hat sich trotz REACH in den vergangenen 15 Jahren im Wesentlichen gut weiterentwickelt. Wir sind Problemlöser, keine Problemmacher. Die Chemie ist Teil der Lösung und nicht Teil des Problems. Ob wir gegen den Hunger in der Welt kämpfen, ob wir mit neuen Arzneimitteln die Gesundheit verbessern, ob wir die Umwelt schützen - auf Chemie kann man bei der Lösung der großen Herausforderungen der Zukunft nicht verzichten.

CR: Seitens der Behörden heißt es gelegentlich, Regulierungen wie REACH könnten als Innovationsmotor dienen.

So wenig die Schulkinder das Rohrstaberl zum Lernerfolg geführt hat, so wenig dient auch REACH als Innovationsmotor. Klar ist: Wenn ein Produkt nicht mehr zugelassen ist, muss es ersetzt werden. Leider ist allerdings auch schon der Fall eingetreten, dass manche Firmen Produkte ersatzlos vom Markt genommen haben. Der Aufwand für die Zulassung wäre im Vergleich zum Umsatz mit dem betreffenden Erzeugnis nicht vertretbar gewesen.

CR: Sie forderten kürzlich einen "Innovations-Check für Gesetze". Wie ist das zu verstehen?

Regulatorische Rahmenbedingungen sind für Innovationen wichtig, keine Frage. Aber wir brauchen ein Instrument im Folgenabschätzungsprozess, um die potenziellen Auswirkungen neuer Vorschriften auf das Innovationssystem bewerten zu können. Im Rahmen der Better Regulation Toolbox der EU gibt es einen Werkzeugkasten für das Thema Innovationen, der genau das abdeckt, was wir fordern. Es liegt an den Dienststellen der EU-Kommission, diese Checkliste, mit der die Änderungen eines Gesetzes und deren Auswirkungen auf Forschung, Entwicklung und Innovationen überprüft werden, im Gesetzgebungsprozess entsprechend einzusetzen.

CR: Gelegentlich ist aus der Wirtschaft Kritik am Vorsorgeprinzip der EU zu hören, das angeblich technische Innovationen bremse.

Das Vorsorgeprinzip ist nicht falsch, im Gegenteil. Aber es muss so verstanden werden, wie es von der Europäischen Kommission festgelegt ist. Dann kann es Innovationen unterstützen. Leider wird es oft gegenteilig ausgelegt, etwa von den NGOs, die es bis zur Unkenntlichkeit verbiegen. Das wird dann von der Politik übernommen. Das Vorsorgeprinzip darf nur angewendet werden, wenn negative Auswirkungen eines Stoffes, Produkts oder Verfahrens wissenschaftlich erwiesen wurden. Dazu bedarf es einer klaren Risikobewertung. Ergibt diese, dass der Schutz für die Menschen und die Umwelt nicht gewährleistet ist, dann ist das Vorsorgeprinzip anzuwenden. Die daraus abgeleiteten Maßnahmen dürfen aber nicht auf ein Nullrisiko hinauslaufen und müssen in einem angemessenen Verhältnis zum angestrebten Schutz stehen. Diese Auslegung seitens der EU-Kommission entspricht auch unserer Sichtweise.

CR: Der FCIO präsentierte vor kurzem eine Studie, der zufolge eine umfassende Dekarbonisierung wichtiger Prozesse in der Chemieindustrie nicht möglich ist, weil sich der erforderliche Strom nicht aufbringen lässt. Das führte zu teils erheblicher Kritik an der Branche, die als "Verhinderer" dargestellt wurde.

Leider ist das falsch interpretiert worden. Wir haben eine Studie, die in Deutschland gemacht wurde auf Österreich umlegen lassen. Die Frage war: Was würde es bedeuten, in der Chemie und Verfahrenstechnik auf die Energieträger Erdöl und Erdgas zu verzichten und diese durch Strom aus erneuerbaren Energien zu ersetzen? Das Ergebnis war desillusionierend: Wir würden 50 Donaukraftwerke der gleichen Größe wie das in der Freudenau in Wien brauchen. Das heißt nicht, dass wir die Dekarbonisierung nicht wollen. Aber es heißt, dass über die Industrie hinaus auch andere Sektoren ihren Beitrag leisten müssen. Im Verkehr beispielsweise könnte Wasserstoff ein Thema werden. Auf allen Gebieten muss man sich damit beschäftigen, ohne Erdöl als Energieträger auszukommen. Wir tun das auch. Aber es ist wichtig, Klartext zu sprechen und offenzulegen, was das bedeutet. Vielen ist das nicht bewusst. Aus unserer Studie wurde viel Negatives herausgelesen. Aber als FCIO haben wir schon auch die Aufgabe, auf die Herausforderungen hinzuweisen. Wir sind nicht der "Hofrat Schönfärber".

CR: Nicht zuletzt auch seitens der österreichischen Politik wird das Thema "Green Chemistry" forciert. Wie steht die Branche dazu?

Positiv. In allen Bereichen wird das gepusht, in den verschiedensten Anwendungen. In der Lackindustrie beschäftigen wir uns unter anderem mit Substanzen auf Basis nachwachsender Rohstoffe, mit einschlägigen Polymerisationsverfahren, mit Basis-Chemikalien aus der Fermentation und mit verringertem Einsatz von Metallverbindungen. "Green Chemistry" ist auch eine Möglichkeit zur Verbreiterung der Ressourcenbasis und zur Verringerung der Abhängigkeit von bestimmten Rohstoffmärkten und -lieferanten. Es werden Rohstoffe verwendet, an die früher niemand dachte. Wer hätte denn geglaubt, Algen könnten die Basis für Kunststoffe sein? Auch das ganze Thema Lignin spielt eine zunehmende Rolle. Natürlich stellt sich hier immer die Frage: Ist denn genug Biomasse vorhanden? Klarerweise wollen wir weder in Konkurrenz mit der Papierindustrie, noch mit der Lebensmittelindustrie treten. Der Weg führt nur über eine kaskadische Nutzung der Ressourcen. Abfälle oder verbrauchte Produkte einer anderen Industrie können uns als Rohstoffe dienen. Die Ressourcenbasis muss jedenfalls erweitert werden - das ist unsere Zukunft.

CR: Allenthalben ist von Digitalisierung und "Industrie 4.0" die Rede. Wie könnte die "Chemieindustrie 4.0" aussehen?

Das sind leider Schlagworte geworden. Letzten Endes geht es um Tools zur Prozessoptimierung und -steuerung, zur vorbeugenden Instandhaltung und zur Qualitätsverbesserung. Das ist ein Entwicklungsprozess, der nicht aufzuhalten ist. Man muss sich damit beschäftigen, und wir tun das auch sehr intensiv im FCIO.

CR: Ist Künstliche Intelligenz ein Thema? Manche Visionäre sprechen ja schon von selbststeuernden Fabriken.

Man sollte die Kirche im Dorf lassen. In der Batchfertigung kann ich mir das eher nicht vorstellen, da ist der Aufwand zu groß. Wir sollten uns bemühen, die Industrie 4.0 ordentlich zu implementieren.

CR: Der FCIO engagiert sich neuerdings beim Bachelor-Studiengang "Applied Chemistry" an der IMC FH Krems. Was erwarten Sie sich davon?

Das ist mir persönlich ein sehr großes Anliegen. Ich habe mich in den vergangenen Jahren damit beschäftigt, die Lehrlingsausbildung im Chemiebereich als Modulsystem zu reformieren. Die Lehrlinge können wählen, in welche Richtung sie gehen möchten - Labortechnik, Lack- und Anstrichmitteltechnik, Biotechnologie oder Digitalisierung. Wir haben uns auch für die richtige Ausstattung der berufsbildenden Schulen für die Chemieindustrie engagiert. Weiters war es mir immer wichtig, eine Weiterentwicklung in den universitären Bereich zu haben. Bisher gab es in Österreich keine Fachhochschule für Chemie. Mit dem Bachelor-Studiengang in Krems ändert sich das jetzt endlich. Einerseits bieten wir jungen Menschen damit attraktive Berufsperspektiven, andererseits tun wir etwas dafür, genügend gut ausgebildete Fachkräfte zu bekommen. Ich möchte mit dem Studiengang auch gerne in Richtung Masterstudium gehen und eine berufsbegleitende Variante anbieten. Das ist vorerst ein Pflänzchen, aber bis zur Etablierung ist es nur eine Frage der Zeit.

CR: Wie sind Sie mit der bisherigen Wirtschafts- und Bildungspolitik der Bundesregierung zufrieden?

Wir hatten schon Gespräche mit Bildungs- und Wissenschaftsminister Heinz Faßmann. Er ist pragmatisch, hat ein offenes Ohr und weiß, wovon er redet. Allerdings machen wir uns keine Illusionen. Wir sind nicht die Einzigen, die zu ihm mit ihren Anliegen kommen. Aber Faßmann versteht uns. Wir haben also jemanden, mit dem wir reden können.

CR: In letzter Zeit tauchten etliche sogenannte "freiwillige Vereinbarungen" auf, mit denen sich Arbeitnehmer pauschal zur Leistung von Zwölfstundentagen verpflichten sollen. Was halten Sie davon?

In der chemischen Industrie gibt es so etwas sicher nicht. Wir haben in vielen Betrieben seit Jahren flexible Arbeitszeitregelungen, die bestens funktionieren. Die neuen gesetzlichen Bestimmungen machen manche Vereinbarungen leichter. Wir hatten in der Vergangenheit immer wieder Fälle, wo uns Belegschaftsvertreter sagten: Wir haben diesen Auftrag und würden ihn gerne fertig abarbeiten. Das Problem war, dass wir damit über zehn Stunden Höchstarbeitszeit gekommen wären. Also haben wir die Leute nach Hause schicken müssen, obwohl sie bereit gewesen wären, weiterzuarbeiten. Heute könnten wir ihnen sagen: Das ist super, macht das bitte. Wie es sich gehört, bekommt ihr dafür mehr bezahlt oder eine andere Kompensation. Natürlich kommt es immer darauf an, wie Gesetze gelebt werden. Schwarze Schafe wird es immer geben, gegen die muss man auch konsequent vorgehen.

Zur Person

KR Ing. Hubert Culik, MAS ist seit 2015 Obmann des Fachverbandes der Chemischen Industrie Österreichs (FCIO). Seine berufliche Laufbahn begann er 1965 als Chemie- und Lacklaborant bei der Rembrandtin Lack GmbH Nfg. KG in Wien, deren Geschäftsführung er 2005 übernahm. Seit 2010 ist er Vorsitzender der Berufsgruppe Lack- und Anstrichmittelindustrie im Fachverband der Chemischen Industrie. Im Jahr 2013 trat er in den Vorstand der Helios Group Slovenia ein, die 2017 von der japanischen Kansai Paint übernommen wurde. Er ist CEO der Kansai Helios Coatings GmbH. Culik ist auch Präsident des Österreichischen Forschungsinstituts für Chemie und Technik und in einer Reihe von Interessenverbänden tätig. Zu seinen besonderen Anliegen gehört die berufliche Aus- und Weiterbildung.

Das Interview ist in der Ausgabe 8/2018 im Chemiereport erschienen.

Interview: Klaus Fischer

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