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Abb. 1 Lohnquote in der verarbeitenden Industrie gemessen an Wertschöpfung (linke Achse) und Umsatz (rechte Achse) © Autor u.a. (2017)
Abb. 1 Lohnquote in der verarbeitenden Industrie gemessen an Wertschöpfung (linke Achse) und Umsatz (rechte Achse) © Autor u.a. (2017)

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Die Superstars der Firmen und die Lohnquote

11.10.2018

Die Superstars unter den Firmen dominieren die Wirtschaft. Sie sind überaus innovativ, besetzen als Erste den Markt und erzielen überdurchschnittlich hohe Gewinnspannen. Mit viel Knowhow und einer hoch qualifizierten, aber sehr kleinen Belegschaft dominier en sie die Branchen und erzielen den Löwenanteil der Wertschöpfung. Die gesamte Lohnquote fällt, wenn sich die Wertschöpfung von den übrigen Unternehmen mit höherer Lohnquote zu den Superstars mit geringem Lohnanteil verschiebt. Gerade in den innovativsten Branchen sind die Konzentrationstendenzen und der Rückgang der Lohnquote am stärksten. Die Wettbewerbspolitik ist neu gefordert, um den richtigen Ertrag der Innovation zu sichern, aber übermäßige Gewinne durch Ausnutzung von Marktmacht zu Lasten der Konsumenten zu verhindern und den Zutritt neuer Anbieter zu erleichtern. Christian Keuschnigg und Michael Kogler, Herausgeber. Quelle: David Autor, David Dorn, Lawrence F. Katz, Christina Patterson und John Van Reenen (2017), The Fall of the Lab or Share and the Rise of Superstar Firms, NBER Working Paper No. 23396

Der Anteil des Faktors Arbeit am Bruttoinlandprodukt, die Lohnquote, war lange Zeit erstaunlich konstant. In den Industriestaaten erhielten die Arbeitnehmer typischerweise zwischen 60 und 70 Prozent des erwirtschafteten Gesamteinkommens. Diese empirische Beobachtung galt denn auch lange als harte Konstante der Makroökonomie. Jedoch scheint diese Regelmäßigkeit seit den 1980er-Jahren nicht mehr zu halten. Vor allem in den USA ist ein Rückgang der Lohnquote gut dokumentiert. Dessen mögliche Ursachen prägen die laufenden Debatten. David Autor vom MIT und seine Koautoren (David Dorn, Lawrence F. Katz, Christina Patterson und John Van Reenen) sind in ihrer Studie den Gründen auf der Spur. Sie sehen die Ursache im Aufstieg von hoch produktiven "Superstar" -Firmen.

Durch Globalisierung und neue Technologien können Konsumenten aus einer größeren Zahl verschiedener Produkte auswählen und diese einfacher vergleichen. Deshalb reagieren sie stärker auf Preis - und Qualitätsunterschiede. Der Wettbewerb wird schärfer. Nur mehr die Besten setzen sich durch. Hoch produktive Unternehmen, die "Superstar"-Firmen, profitieren davon und können zusätzliche Marktanteile gewinnen. Dies führt zu stärker konzentrierten Märkten und verschiebt Produktion und Wertschöpfung hin zu den "Superstar"-Firmen. Die Sieger räumen den Löwenanteil ab. Ihre Lohnquote ist aber meist niedrig. Mit innovativen Technologien und großem Qualitätsvorsprung können sie weit überdurchschnittliche Gewinnmargen durchsetzen. Zudem ist ein Teil der Arbeitskosten typischerweise fix und nimmt im Verhältnis zu den Erlösen mit zunehmender Unternehmensgröße ab. Große und produktive Unternehmen sind deshalb überaus profitabel und haben vergleichsweise geringe Arbeitskosten und eine wesentlich niedrigere Lohnquote. Wenn diese dank Globalisierung und technologischem Wandel ihre Marktanteile stark ausweiten und zunehmend die gesamte Wertschöpfung dominieren, geht die Lohnquote in den betroffenen Branchen zurück.

Aus diesen Überlegungen lassen sich empirisch überprüfbare Hypothesen ableiten: Wenn der Wettbewerb auf den Produktmärkten schärfer wird, dann steigt erstens die Marktkonzentration. Zweitens fällt die Lohnquote in jenen Branchen am meisten, in welchen die Marktkonzentration am stärksten gestiegen ist. Drittens geschieht der Rückgang der Lohnquote aufgrund der Verschiebung von Absatz und Produktion von den übrigen Unternehmen mit höherer Lohnquote zu den Superstar -Firmen mit geringerer Lohnquote, und weniger durch eine gleichmäßige Abnahme der Lohnquote in allen Firmen. Und viertens ist die Umlenkung der Wertschöpfung in jenen Branchen am größten, in welchen die Marktkonzentration am stärksten zunimmt.

Im Gegensatz zu früheren Studien nutzen die Wissenschafter einen Datensatz mit detaillierten Informationen zu einer Vielzahl von Firmen. So können sie schätzen, inwieweit der branchenweite Rückgang der Lohnquote auf die Verschiebung von Produktion und Erlösen zu Unternehmen mit geringer Lohnquote zurückzuführen ist, im Gegensatz zu Veränderungen der Lohnquote innerhalb jedes Unternehmens. Dazu verwenden die Forscher hauptsächlich Daten aus den USA im Zeitraum 1982 bis 2012 mit Informationen zu den sechs Sektoren Einzel- und Großhandel, Industrie, Dienstleistungen, Finanzdienstleistungen, sowie Energie und Verkehr. Diese bilden gemeinsam ungefähr 80 Prozent der privaten Angestellten ab und umfassen 676 Branchen. Der Datensatz wird um Informationen aus verschiedenen OECD-Staaten ergänzt, um die Relevanz der in den USA beobachteten Entwicklungen für weitere Länder zu überprüfen.

Seit den 1970er Jahren ist die Lohnquote auf gesamtwirtschaftlicher Ebene in fast allen beobachteten OECD -Staaten um rund 5 bis 10 Prozentpunkte zurückgegangen. Für die USA ermöglichen die Daten zudem Rückschlüsse auf die Entwicklung in den einzelnen Sektoren. Nur in der Finanzbranche stieg die Lohnquote, gemessen am Anteil der Löhne an den Umsätzen. Alle anderen Sektoren verzeichnen spätestens seit den 2000er Jahren einen Abwärtstrend. In der verarbeitenden Industrie ist der Trend besonders ausgeprägt, wie Abbildung 1 anhand verschiedener Masse illustriert.

Zudem stellen die Autoren fest, dass sich die Marktanteile in vielen Branchen zunehmend auf vergleichsweise wenige, große Unternehmen konzentrieren. In der verarbeitenden Industrie ist die Marktkonzentration gemessen am Umsatz seit 1980 eindeutig gestiegen. Die vier größten Firmen konnten ihren Anteil von 38 Prozent auf fast 44 Prozent steigern. Auch die zwanzig größten Firmen haben ihren Anteil um zirka 5 Prozentpunkte auf 73 Prozent ausgedehnt. Entscheidend ist, dass für die Konzentration anhand der Anzahl Mitarbeiter jedoch kein klarer Trend ersichtlich ist. Dies bedeutet, dass einige Unternehmen große Marktanteile gewinnen können, ohne dabei viele zusätzliche Arbeitskräfte anzustellen. Die übrigen fünf Sektoren zeigen einen ähnlichen oder teils sogar stärkeren Trend.

Um diese beiden Entwicklungen miteinander zu verbinden, schätzen die Forscher, wie sich eine Veränderung in der Marktkonzentration auf die Lohnquote in einer Branche auswirkt. Die Resultate sind eindeutig: Die Lohnquote fiel in jenen Branchen am stärksten, in welchen die Marktkonzentration (gemessen an Wertschöpfung oder Umsatz) am stärksten zugenommen hat. Sobald die Berechnung der Marktkonzentration auf die Anzahl der Angestellten anstatt den Umsatz abstellt, verschwindet der Effekt oder zeigt sogar in die entgegengesetzte Richtung. Diese Resultate für die verarbeitende Industrie gelten auch für die anderen fünf Sektoren. Dies zeigt, dass einige wenige Unternehmen mit einer eher kleinen Belegschaft hohe Umsätze und Marktanteile erzielen und die Branchen dominieren. Der Marktwert solcher "Superstar" -Firmen besteht meist aus geistigem Eigentum sowie wenigen hochqualifizierten Mitarbeitern. Google oder Facebook mögen als Beispiel dienen.

Um den Effekt zu quantifizieren, vergleichen die Forscher die tatsächliche Entwicklung der Lohnquote mit einem hypothetischen Verlauf, welchen sie unter der Annahme, dass die Marktkonzentration unverändert geblieben ist, schätzen. Aus diesen Berechnungen folgt, dass die steigende Marktkonzentration rund einen Drittel der Reduktion der Lohnquote in der Industrie seit 1997 erklärt. In den anderen Sektoren ist dieser Effekt sogar noch größer.

Damit ist der Zusammenhang zwischen dem Rückgang der Lohnquote und der zunehmenden Konzentration und Marktmacht hergestellt. Der genaue Mechanismus dahinter ist jedoch noch nicht klar. Die Autoren vermuten, dass hauptsächlich die Verschiebung von Wertschöpfung und Produktion hin zu den "Superstar"-Firmen mit niedriger Lohnquote den Rückgang der durchschnittlichen Quote verursacht. Um diese Hypothese zu testen, zerlegen sie die Veränderung der Lohnquote in einer Branche in vier Bestandteile: Veränderung der Lohnquote innerhalb einer Firma (i), Veränderung durch Verschiebung zu anderen Firmen (ii), Veränderung durch verschwindende Unternehmen (iii), bzw. durch neu eintretende Firmen (iv). Die Forscher betrachten für die verarbeitende Industrie die Zeiträume 1982 -1997 und 1997 -2012, in welchen die Lohnquote um 10.35 respektive 6.15 Prozentpunkte zurückgegangen ist. In beiden Perioden sind hauptsächlich die Verschiebungen zwischen den Firmen für den Trend verantwortlich. Nach den Schätzungen sind 75 bis 80 Prozent des beobachteten Rückgangs darauf zurückzuführen. Zwar verändert sich die Lohnquote auch innerhalb eines Unternehmens, das Ausmaß ist jedoch deutlich kleiner im Vergleich zum Beitrag der Verschiebung zwischen den Firmen. Die beiden Komponenten für ausscheidende respektive neu eintretende Firmen tragen deutlich weniger zur Erklärung bei. Wird die Lohnquote anhand eines weiter gefassten Maßes für die Vergütung der Arbeitnehmer gemessen, erklären die Umschichtungen zwischen den Unternehmen sogar 96 Prozent des Rückgangs.

Abschließend fragen die Autoren nach den Ursachen für die höhere Marktkonzentration. Sie verweisen auf die Rolle des technologischen Wandels und darauf, dass "Superstar"-Firmen typisch für High-Tech-Industrien sind. Die innovativsten und schnellsten Unternehmen, die als Erste eine neue Innovation auf den Markt bringen, können überdurchschnittlich hohe Marktanteile besetzen und dominieren die Wertschöpfung der gesamten Branche. Tatsächlich stieg die Marktkonzentration in den F&E-intensivsten und innovativsten Branchen besonders deutlich an.

Zwar konzentriert sich die Studie auf die USA, wo die Datenlage am besten ist. Die Forscher präsentieren allerdings auch deskriptive Evidenz für weitere OECD- Staaten. Die dort beobachteten Entwicklungen sind ebenfalls konsist ent mit ihrer Hypothese, dass der Aufstieg von "Superstar -Firmen" eine entscheidende Rolle für die fallende Lohnquote spielte.

Von Adrian Jäggi

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Quelle: WPZ-Forschungsnachricht Nr. 37

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