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1918/2018: Wirtschaftliche Erfolgsgeschichte erst im zweiten Anlauf

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02.01.2018
  • Wien (APA) - Eine wirtschaftliche Erfolgsgeschichte war die vor 100 Jahren gegründete Republik Österreich erst im zweiten Anlauf. Das zeigt ein Dienstag vom Wirtschaftsforschungsinstitut (WIFO) veröffentlichter Rückblick: Während sich die Erste Republik nie aus der Misere lösen konnte, gelang nach 1945 ein beispielloser Aufschwung. Die Sozialgesetze der 1920er-Jahre prägen Österreich allerdings bis heute.

  • Wie WIFO-Vizechef Marcus Scheiblecker in einem der APA vorliegenden Beitrag für die Monatshefte des Instituts schreibt, musste ein Industriearbeiter 1918 noch knapp drei Stunden arbeiten, um ein Kilo Brot kaufen zu können - 2017 waren es nur noch elf Minuten. Als Gründe für den im Vergleich zur Ersten Republik beispiellosen Aufschwung nach 1945 sieht der Wirtschaftsforscher unter anderem die massive Starthilfe der USA ("Marshall Plan"), die Sozialpartnerschaft und die stabile wirtschaftliche Nachkriegsordnung ("Bretton Woods").

  • Ebenfalls wesentlich: Die internationale Integration der österreichischen Wirtschaft, zuerst über die EFTA, dann über die EU und deren Ost-Öffnung, von der die heimische Wirtschaft stark profitierte. Ein krasser Gegensatz zur Ersten Republik, die nach dem Ersten Weltkrieg unter dem Zusammenbruch ihres alten Wirtschaftsraums litt. Denn während die österreichische Regierung auf Freihandel setzte, zogen die Nachfolgestaaten der Monarchie Zollschranken hoch, um ihre Industrie abzuschirmen. Damit hatte die Republik 1918 zwar beispielsweise vier der fünf Lokomotivfabriken der Monarchie - in den 1930er-Jahren war aber nur noch eine übrig.

  • Hohe Arbeitslosigkeit und galoppierende Inflation

  • Dazu kamen hohe Arbeitslosigkeit und die galoppierende Inflation mit monatlichen Teuerungsraten bis zu 124 Prozent. Und als die Teuerung (dank "Genfer Sanierung" und Schilling-Einführung 1925) unter Kontrolle war, brach die Weltwirtschaftskrise aus, die Österreich mit dem Zusammenbruch der "Creditanstalt" (1931) besonders hart traf. Die Arbeitslosigkeit erfasste bis zu ein Viertel der Arbeitnehmer. 1937 war Österreich der ärmste Industriestaat Westeuropas. Ein Jahr später bereitete der deutsche Einmarsch der Ersten Republik ein Ende.

  • Dennoch konstatiert Scheiblecker gerade für die 1920er-Jahre eine bemerkenswerte "sozialpolitische Gründerzeit". Auf die damaligen Sozialreformen geht u.a. die Arbeitslosenversicherung zurück, der Acht-Stunden-Tag, die Gründung der Arbeiterkammern und Betriebsräte sowie das "Arbeiterurlaubsgesetz", das einen zumindest einwöchigen (nach fünf Jahren zweiwöchigen) Urlaubsanspruch vorsah.

  • Bis heute prägt Österreich auch das 1922 erlassene Mietengesetz: Damit wurden die ursprünglich nur für die letzten Kriegsjahre erlassenen Mieterschutzbestimmungen unbefristet verlängert. Darunter fallen etwa das Verbot, die Miete zu erhöhen und Mieter zu kündigen. Für einen Teil des Wohnungsmarktes wirkt der damals geschaffene (und seither mehrmals reformierte) "Friedensmietzins" bis in die Gegenwart nach - bis hinein ins jüngste Regierungsprogramm, in dem ÖVP und FPÖ eine Neufassung des Mietrechts ankündigen.