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Wiener Historiker für "mehr Sachlichkeit, weniger Emotionalität" © Fischer Verlag
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1938/2018 - Kurt Bauer: "Fürchte, Gedenkjahr ist ein Elitenprojekt"

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20.02.2018
  • Wien (APA) - "Mehr Sachlichkeit, weniger Emotionalität im Umgang mit einer Vergangenheit, die kaum noch der Zeitgeschichte - als Geschichte der Mitlebenden - zuzurechnen ist", wünscht sich der Wiener Historiker Kurt Bauer anlässlich des Gedenkjahres 2018. "Die Lager sind offenbar nach wie vor vorhanden. Und es stecken noch immer ziemliche Emotionen drinnen."

  • Bauer, dessen Spezialgebiet das Österreich der 1930er-Jahre ist, hat kürzlich ein eindrucksvolles Buch über "Politik und Alltag im nationalsozialistischen Österreich 1938 bis 1945" herausgebracht. "Die dunklen Jahre" werden darin vor allem dank vieler Materialien aus der "Dokumentation lebensgeschichtlicher Aufzeichnungen" des Instituts für Wirtschafts- und Sozialgeschichte der Universität Wien anschaulich geschildert.

  • "Dort liegen Tausende lebensgeschichtliche Erzählungen. Viele Menschen wollen ja, etwa wenn sie in Pension gehen, einmal ihr Leben bilanzieren", sagt Bauer im Gespräch mit der APA. "Ich denke heute noch an meinen Ersatzopa, der mir als Bub so viel aus seinem Leben erzählt hat - vom Justizpalastbrand oder vom Jahr 1945. Bis heute tut es mir leid, dass ich das nie festgehalten habe. In den 1970er-Jahren ist in jedem Wirtshaus vom Krieg erzählt worden."

  • Blick wird sich mit zeitlichem Abstand ändern

  • Die Ereignisse des "Anschlusses" und der Folgejahre seien an sich gut und umfassend erforscht, sagt der 1961 geborene Historiker, "doch wird sich mit dem zeitlichen Abstand der Blick darauf ändern. Vielleicht kommt dem auch jetzt mehr Brisanz zu." Bei der Burschenschafter-Diskussion, die den niederösterreichischen Landtagswahlkampf begleitete, habe wochenlang Aufregung "um eine widerliche Strophe in einem dumm-pubertären Lied" geherrscht. "Andererseits zeigen Umfragen, dass breite Schichten selbst mit den wichtigsten Eckdaten, zentralen Ereignissen und Personen der österreichischen Geschichte der letzten 100 Jahre kaum noch etwas anfangen können."

  • Vom Gedenkjahr würde Bauer sich wünschen, "dass es zu ein bisschen mehr Geschichtsbewusstsein führt, und zwar bei jenen, die von den Ereignissen vor 80, 90, 100 Jahren wenig oder gar nichts wissen - und das ist der Großteil der österreichischen Bevölkerung; dass viele Menschen in Österreich mehr Verständnis dafür gewinnen, was diese problematische Vergangenheit uns auch heute noch zu sagen hat. Insgesamt befürchte ich aber, dass das Gedenkjahr mit all seinen Veranstaltungen und Publikationen ein Elitenprojekt ist und bleiben wird, ohne wirklichen Impact auf die breite Mehrheit der Bevölkerung."

  • Mentaler Rückzug nach erstem Schock

  • Überschlagspunkte der "Überwältigung", die für eine irrationale, hysterische Anschlussbegeisterung im März 1938 gesorgt hat, arbeitet Kurt Bauer in seinem Buch ebenso deutlich heraus wie ein erstes Erschrecken über die Richtung, die in der Folge die Ereignisse nehmen. "Der erste Schock ist die Sudeten-Krise und das Münchner Abkommen im September 1938." Da habe für viele Österreicher ein mentaler Rückzug begonnen, der sich mit dem gewendeten Kriegsglück und der Tragödie von Stalingrad zu einem geradezu explodierenden Österreich-Bewusstsein entwickelt habe. Am Ende bleibe aber trotz aller peniblen historischen Forschungsarbeit ein entscheidender Rest übrig, sagt der Historiker: "Ich wäre meiner nie sicher, wie ich unter den damaligen Umständen reagiert hätte."

  • Service: Kurt Bauer: "Die dunklen Jahre: Politik und Alltag im nationalsozialistischen Österreich 1938 bis 1945", Fischer Taschenbuch, 480 S., 17,50 Euro.

  • Dieser Artikel ist Teil eines umfangreichen Meldungspakets zum Gedenkjahr 2018. Sämtliche Hintergründe finden Sie unter http://science.apa.at/Gedenkjahr2018.