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Experten analysieren das damalige Verhalten der Weltgemeinschaft © Anonym/Imagno/Picturedesk.com
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1938/2018 - Internationale Historikerkonferenz über den "Anschluss"

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20.02.2018
  • Wien (APA) - Wie konnte Österreich im März 1938 einfach so von der Landkarte verschwinden? Zum 80. Jahrestag des "Anschlusses" wird diese Frage erstmals aus einer breiten internationalen Perspektive betrachtet. Historiker aus Russland, den USA, Österreich und seinen Nachbarstaaten kommen am 9. März in der Diplomatischen Akademie in Wien zusammen, um das damalige Verhalten der Weltgemeinschaft zu analysieren.

  • "Es ist die erste große internationale Tagung über den '*Anschluss' im Kontext der damaligen Weltpolitik", berichtet Organisator Peter Ruggenthaler vom Grazer Ludwig-Boltzmann-Institut für Kriegsfolgenforschung (BIK) gegenüber der APA. Der Schwerpunkt der Vorträge liege auf der Sowjetunion, weil diese als einzige Großmacht gegen den "Anschluss" protestierte. So soll auf der Tagung erörtert werden, ob Moskau damals "tatsächlich zu konkreten Maßnahmen gegen NS-Deutschland bereit gewesen wäre".

  • Vier Historiker aus Russland dabei

  • Mit Olga Pawlenko, Wladimir Schweizer, Andrej Sorokin und Wasilij Christoforow kommen gleich vier russische Historiker zur Tagung, bei der auch der russische Botschafter Dmitrij Lubinskij neben Außenministerin Karin Kneissl (FPÖ) ein Grußwort sprechen will. Weitere Gäste sind die Historiker Mark Kramer von der Harvard University, Gustavo Corni (Italien), Vit Smetana (Tschechien), Robert Fiziker (Ungarn), Tamara Griesser-Pecar (Slowenien), Martina Hermann (Schweiz) und Wanda Jerzabek (Polen). Laut Ruggenthaler arbeitet das BIK mit vielen Historikern schon seit Jahren an grenzüberschreitenden Forschungsprojekten zusammen. Einige seien diesmal aber "erstmals dabei".

  • Die Keynote wird der Direktor der Diplomatischen Akademie, Emil Brix halten. Von österreichischer Seite werden neben den Sowjetunion-Expertinnen der Universität Wien, Verena Moritz und Julia Köstenberger, unter anderem die Universitätsprofessoren Stefan Karner und Wolfgang Müller, der Generaldirektor des Staatsarchivs, Wolfgang Maderthaner, sowie der frühere Leiter des Völkerrechtsbüros im Außenministeriums, Franz Cede erwartet. Geplant sind vier Panels mit 25 Teilnehmern. Die Abschlussrunde werden der frühere Nationalratspräsident Andreas Khol (ÖVP) und der Leiter des Zukunftsfonds der Republik Österreich, Kurt Scholz, bestreiten.

  • Verhalten des Vatikans beleuchten

  • Der frühere Spitzendiplomat Cede will etwa darlegen, wie die Eingliederung der Republik Österreich in NS-Deutschland unter dem damaligen Völkerrecht zu bewerten war. Der Militärhistoriker Erwin Schmidl von der Landesverteidigungsakademie wird erörtern, welche Rolle der Einmarsch der Deutschen Wehrmacht für den "Anschluss" spielte. Der Wiener Historiker Stefan Müller wiederum möchte erklären, warum ausgerechnet Mexiko als einziges Mitglied des Völkerbundes gegen den "Anschluss" protestierte und ihn niemals zur Kenntnis nahm. Müllers Grazer Kollege Walter Iber wird über das Verhalten des Vatikan angesichts des Untergangs des autoritären katholischen "Ständestaates" sprechen.

  • Die seit dem vergangenen Herbst vorbereitete Konferenz steht laut Ruggenthaler in der Tradition früherer internationaler Forschungsprojekte. So hatte das BIK gemeinsam mit der Österreichisch-Russischen Historikerkommission vor fünf Jahren eine Konferenz zum 70. Jahrestag der "Moskauer Deklaration" von 1943 in der Diplomatischen Akademie veranstaltet. So wie damals sollen auch diesmal die Beiträge der teilnehmenden Wissenschafter in einem gemeinsamen Sammelband veröffentlicht werden.

  • Service: Tagung "1938. Der 'Anschluss' im internationalen Kontext", Diplomatische Akademie Wien, 4., Favoritenstraße 15A, 9. März, 9-19 Uhr. Eintritt frei, Anmeldung erbeten. www.da-vienna.ac.at