Gastkommentar

Sigrid Stagl © Studio Huger, WU
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Dossier

"Mit Simulationen die Zukunft explorieren"

Gastkommentar

28.06.2018
  • Wien (Gastkommentar) - Geht man von komplexen Systemen aus, dann lassen sich Systementwicklungen nicht voraussagen. Dennoch erfordert Entscheidungsfindung, plausible zukünftige Entwicklungsoptionen zu analysieren und zu vergleichen. Da die in einem System innewohnende Komplexität sich nicht einfach wegdefinieren lässt, braucht man Methoden, die damit konstruktiv umgehen können.

  • Marktpreise reflektieren oft nur einen Teil der gesellschaftlichen Kosten. Produkte und Dienstleistungen erscheinen Marktteilnehmer_innen billiger als sie tatsächlich sind. Ein Teil der Kosten werden von den Endkonsument_innen auf billige Arbeitskräfte, schlechte Produktionsbedingungen und die Umwelt verlagert. Ohne Regulierung bezahlen andere Menschen als die Käufer_innen mit ihrer beeinträchtigten Gesundheit oder Entwicklungsmöglichkeiten für einen Teil der Gesamtkosten. Oder andere Spezies oder biophysische Systeme werden beeinträchtigt. Gerade in Hinblick auf den Klimaschutz erweisen sich die Auswirkungen oftmals als fatal. Erfolgreiches Wirtschaften ohne natürliche Ressourcen ist nicht möglich. Auf einem Planeten mit begrenzten Ressourcen braucht es daher eine Wirtschaft, bei der das Prinzip der Regeneration oberste Priorität hat. Erst wenn wir wirtschaftspolitische Entscheidungen, Produktionsketten und Dienstleistungsangebote bis zum Ende und umfassend denken, kennen wir ihre wirklichen Kosten.

  • Mit einer Kombination von Szenarien, Multikriterienanalyse und partizipativen Prozessen lassen sich Entwicklungsoptionen systematisch und transparent vergleichen. Computersimulationen und Algorithmen der multikriteriellen Entscheidungsunterstützung ermöglichen es uns zu eruieren, welche Kosten einer Gesellschaft bei verschiedensten wirtschaftspolitischen Entscheidungen entstehen. Zum Beispiel können die Auswirkungen verschiedener Energieszenarien auf Klimawandel, Arbeitsmärkte, Wertschöpfung und soziale Inklusion bewertet und verglichen werden. Im Unterschied zur Kosten-Nutzen-Analyse müssen die verschiedenen Auswirkungsdimensionen nicht in derselben Einheit gemessen werden. Die multikriterielle Bewertung ermöglicht es Entscheidungsträger_inne_n, die verschiedenen Dimensionen der Auswirkungen der zur Auswahl stehenden Szenarien, Projekte oder Politiken zu berücksichtigen, ohne diese gänzlich monetarisieren zu müssen. Das erspart Schwierigkeiten mit der Nichtvergleichbarkeit von Werten und die häufig kritisierte monetäre Bewertung von Menschenleben oder Ökosystemen. Multikriterielle Bewertung ist eine konstruktive Antwort auf die Kritik der Kosten-Nutzen-Analyse.

  • Eine Vielzahl von grundlegend verschiedenen mathematischen Algorithmen für die multikriterielle Bewertung steht zur Verfügung. Außer dem Algorithmus beeinflusst auch die Implementierung der Bewertungsmethode das Ergebnis. Um Herausforderungen wie Unsicherheit, unterschiedliche legitime Problemsichtweisen und die Notwendigkeit von Lernen während des Entscheidungsprozesses zu adressieren, wird multikriterielle Bewertung vor allem in Kombination mit partizipativen Methoden eingesetzt.

  • Die partizipative Multikriterienanalyse eröffnet ein neues, breites Anwendungsfeld und ermöglicht es beispielsweise in puncto Klimaschutz, die Auswirkungen der wirtschaftlichen Aktivitäten auf die Umwelt in jenen Einheiten zu berücksichtigen, in denen sie anfallen, das heißt CO2-Emissionen in Tonnen, Tier- und Pflanzenarten in ihren ökologischen Kennzahlen. Die Ergebnisse der quantitativen Analyse werden dann mit Stakeholder- und Bürgerbeteiligungsprozessen ergänzt, um die demokratische Legitimierung des Entscheidungsprozesses zu erhöhen. Wir können die Interessen aller Stakeholder ebenso wie der Bevölkerung in die Analyse miteinbeziehen und erhalten am Schluss eine robuste Priorisierung von plausiblen Szenarien und damit verbundenen Lösungswegen, gereiht nach ihrer gesellschaftlichen Erwünschtheit.

  • Die Multikriterienanalyse ermöglicht es demnach erstmals, umfassende Zukunftsszenarien zu entwickeln, die möglichst alle relevanten Kriterien miteinberechnen und dann entsprechend ihrer Erwünschtheit in der Gesellschaft - das heißt nach Abstimmung mit Bürger_inne_n- und Stakeholder-Interessen - gereiht werden. Für die Arbeit an der Erreichung des Klimaziels bedeutet dies einen enormen Fortschritt in der Diskussion um die Wege zum Ziel. Erstmals können mithilfe der Methoden umfassende, zukunftsfähige Entscheidungen getroffen werden. Unsere Analysen von Energieszenarien auf nationaler wie regionaler Ebene haben ergeben, dass Kombinationen von nachfrage- und angebotsseitigen Maßnahmen am besten abschneiden, Dekarbonisierung und nachhaltige Mixes von Energiequellen machbar sind, rasches und entschiedenes Handeln sich rechnet und soziale mit Umweltzielen sehr wohl vereinbar sind.

Zur Person

Sigrid Stagl, Institute for Ecological Economics der Wirtschaftsuniversität Wien

Sigrid Stagl studierte Betriebswirtschaft und Volkswirtschaft an der WU und startete dort auch ihre wissenschaftliche Karriere. 1999 erhielt sie als erste Person weltweit ein Doktorat in Ökologischer Ökonomie am Department of Economics, Resselaer Polytechnic Institute, in Troy, New York. Anschließend arbeitete sie an der University of Leeds und der University of Sussex in Großbritannien. Seit nunmehr 10 Jahren ist die gebürtige Niederösterreicherin wieder zurück an der WU, wo sie das Institute for Ecological Economics gründete und das Forschungsinstitut Economics of Inequality mitbegründete. In ihrer wissenschaftlichen Arbeit widmet sich die Ökonomin dem Thema Arbeit in einer nachhaltigen Wirtschaft. Ihre Publikationen in volkswirtschaftlichen, naturwissenschaftlichen wie interdisziplinären Journalen wie z.B. dem Journal of Evolutionary Economics, Earth-Science Reviews oder Ecological Economics wurden bisher fast 5.000 Mal zitiert. Seit kurzem ist die Ökonomin korrespondierendes Mitglied der Österreichischen Akademie der Wissenschaften.

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