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Gerettet vor Verlust und Tintenfraß

11.08.2017

Musikhistoriker/innen der ÖAW stießen auf lange verschollene Bestände aus dem Archiv der Pfarre Spitz an der Donau. Ein Digitalisierungsprojekt erschließt die historischen Musikhandschriften nun für die Forschung und erhält sie für die Nachwelt.

Schenken kann Existenzen retten. Das gilt nicht nur für zwischenmenschliche Beziehungen, sondern mitunter auch für wertvolle Musikdokumente aus früheren Jahrhunderten. Als der damalige Pfarrer von Spitz an der Donau im Jahr 1977 beschloss, das gesamte Notenarchiv seiner Pfarre dem niederbayerischen Kloster Niederaltaich zu vermachen, traf er damit eine Entscheidung, die rund 800 seltene Notendokumente aus dem späten 18. Jahrhundert bis ins frühe 20. Jahrhundert vor dem sicheren Verlust bewahrte. Dennoch galten die Werke, darunter wertvolle Abschriften von Kompositionen unter anderem Ludwig van Beethovens, Joseph Haydns und Wolfang Amadeus Mozarts sowie Originalwerke von niederösterreichischen Kleinmeistern wie Franz Joseph Pfeiffer, Franz Schneider oder Joseph Nicolaus Spoth, lange Zeit als verschollen - und es sollte mehrere Jahrzehnte dauern, bis sie wiedergefunden wurden.

800 Musikhandschriften bei Forschungen wiederentdeckt

Bei einem Besuch in Spitz machte der Kirchenmusiker Michael Koch den Musikhistoriker Robert Klugseder vom Institut für kunst- und musikhistorische Forschungen der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW), auf das historische Notenarchiv der Pfarre aufmerksam, das noch immer in Niederaltaich verwahrt wird. Die 800 Dokumente des früheren Spitzer Musikarchivs waren der Musikforschung in Österreich bis dahin unbekannt. "Die Quantität und musikalische Qualität dieser Noten ist herausragend", zeigt sich Klugseder noch heute von dem Fund beeindruckt.

Klugseder und sein Team begannen daher im Rahmen eines von der ÖAW, dem Land Niederösterreich und der Pfarre Spitz unterstützten Forschungsprojekts im Sommer 2016 mit der umfassenden Dokumentation und vollständigen Digitalisierung des früheren Spitzer Musikarchivs, um die handschriftlichen Originalquellen im Internet per Open Access frei zugänglich zur Verfügung zu stellen.

40.000 Notenblätter online zugänglich

Dafür wurden in nur einem Jahr rund 40.000 einzelne Abbildungen von Notenblättern angefertigt und bearbeitet. Die Forscher/innen nutzten zudem neue Technologien, etwa des International Image Interoperability Frameworks, um die größtmögliche technische Qualität der Bilder als auch eine benutzerfreundliche Darstellung zu garantieren. Nun sind die mit Metadaten versehenen Werke auf www.digital-musicology.at in hoher Auflösung für alle Musikinteressierten und die Scientific Community verfügbar. Damit wurden insbesondere der Forschung zu den in Niederösterreich tätigen Meistern und ihren musikalischen Werken zahlreiche neue historische Quellen erschlossen.

"Die Digitalisierung ermöglicht auch, diese Schriftstücke dauerhaft für die Nachwelt zu erhalten."

Das noch bis 2018 laufende Forschungsprojekt von Robert Klugseder hat die einzigartigen Dokumente mit der Digitalisierung aber nicht nur vor dem Vergessen bewahrt. "Da das Notenmaterial inzwischen schon deutliche Spuren des Zerfalls durch Tintenfraß zeigt, liegt in der Digitalisierung auch die Möglichkeit, diese Schriftstücke dauerhaft für die Nachwelt zu erhalten", erklärt der ÖAW-Wissenschaftler. Damit wurde das Musikarchiv der Pfarre Spitz dank modernster Technik ein zweites Mal vor dem Verfall gerettet.

Factbox: Niederösterreichische Kleinmeister

Franz Joseph Pfeiffer, Franz Schneider und Joseph Spotz waren drei niederösterreichische Komponisten des 18. Jahrhunderts. Pfeiffer (1733-1802) war Organist und später auch Chordirektor in Maria Taferl. Er schrieb u.a. rund 27 Messen. Der aus Pulkau stammende Franz Schneider (1737-1812), einer der geschätztesten Orgelvirtuosen seiner Zeit, hinterließ ein reiches kompositorisches Schaffen mit 47 Messen, 14 Requien, 33 Motetten, Kirchenkompositionen sowie einer Symphonie. Joseph Nicolaus Spoth (1773-1851) wirkte 50 Jahre in Maria Taferl als Schulmeister und folgte ab 1802 Franz Joseph Pfeiffer als Organist nach. Er schrieb mindestens 21 Messen.

Quelle: ÖAW

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