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Fühlt man sich in Öffis wohl, lässt man Auto eher stehen © APA (dpa)
Fühlt man sich in Öffis wohl, lässt man Auto eher stehen © APA (dpa)

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Salzburger Verkehrstage: Evolution im Öffentlichen Verkehr

17.10.2017

Bei der Entscheidung, vom eigenen Pkw auf öffentliche Verkehrsmittel umzusteigen, spielen für Menschen keineswegs nur rationale Faktoren wie Zeit und Geld eine Rolle. Vielmehr habe die Evolution Spuren hinterlassen, die noch immer auf einer unterbewussten Ebene wirken, erklärte die Wiener Verhaltensbiologin Elisabeth Oberzaucher am Rande der 15. Salzburger Verkehrstage im APA-Gespräch.

"Menschen fühlen sich an Orten wohl, wo sie Rückzugsbereiche haben und wo ihre Individualdistanz geschützt ist", sagte Oberzaucher. Was für die Jäger in der Savanne einst überlebenswichtig war, sei dabei heute noch von Bedeutung. "Von der Qualität her sind in den Öffis nicht alle Sitzplätze gleich. Menschen bevorzugen Sitzplätze in Nischen gegenüber exponierten Sitzen." Das evolutionäre Überbleibsel, das hier dahintersteckt, werde durch die "Prospect Refuge"-Theorie erklärt. "Ich brauche Aussicht nach vorn und Schutz nach hinten."

Zu viel Nähe zu Fremden kann Stress auslösen

Zugleich spiele Territorialität eine große Rolle. "Im Auto haben wir eine schützende Blase um uns herum. Die Menschen haben Kontrolle über einen nach außen abgegrenzten Raum. Es kommen uns keine fremden Leute zu nahe." Damit werde im Pkw auch die Individualdistanz nicht unterschritten, jener Abstand zu anderen Menschen, bei dem man sich noch wohlfühlt. "Das ist in Bus und Bahn oft schwer möglich, speziell zu Stoßzeiten. Und das kann zu Stress und in weiterer Folge zu gesundheitlichen Schäden führen", betonte Oberzaucher.

Die Herausforderung sei es, Öffis so zu gestalten, dass die Individualdistanz weniger stark verletzt wird. "Ich kann das etwa über die Anordnung der Sitzplätze regulieren." Einzelsitzplätze würden etwa stark bevorzugt werden. "Da habe ich Distanz zu den anderen Fahrgästen und keinen unmittelbaren Körperkontakt." Dieses Verhalten spiegelt sich auch auf Doppelsitzplätzen wieder. "Menschen legen Gegenstände auf den freien Platz neben sich. Damit sinkt die Wahrscheinlichkeit, dass sich wer neben sie sitzt." Das funktioniere vor allem mit persönlichen Gegenständen wie Handtaschen gut. "Eine Gratiszeitung am Platz wird in der Regel nicht als Territorialmarkierung respektiert." Ganz anders sei dies bei einer Kinderzeichnung. "Das ist ein persönliches, kraftvolles Signal."

Eine große Herausforderung für Verkehrsbetriebe sei auch die Tatsache, dass Fahrgäste oft nicht ins Fahrzeuginnere weitergehen. Das führe zu Drängeleien und Verzögerungen beim Aufenthalt in der Station. "Das hat auch damit zu tun, dass die Leute nach dem Einsteigen oft scharf um eine Ecke biegen müssen, um weiter ins Innere zu kommen. Das erschwert das Weitergehen." Bei Bussen oder Straßenbahnen, wo der Einstieg runder gestaltet ist, sei zu beobachten, dass der Stau im Türbereich weit weniger ausgeprägt ist.

Mensch ist "kein Nutzenoptimierer"

Der Mensch sei eben nicht immer der strikte Nutzenoptimierer, wie es das Modell des "Homo oeconomicus" vorschlage. "So einfach ist das nicht. Kosten helfen natürlich schon, Menschen zu motivieren, vom Auto auf den öffentlichen Verkehr umzusteigen. Aber Öffis günstiger zu machen und das Parken zu verteuern alleine ist zu wenig."

Auch Zeit spiele eine Rolle - heute eine Währung kostbarer als Geld. "Wenn Öffis gut funktionieren, wird der Zeitaufwand kalkulierbarer. Ich weiß in Wien ziemlich genau, wie lange ich von meiner Haustür zum Flughafen brauche. Wenn ich mich in ein Taxi setze, weiß ich das nicht. Es kann schnell gehen, aber auch doppelt so lange dauern. Diese Planbarkeit wird immer wichtiger, je dichter unser Leben getaktet ist." Auch Zeitanzeigen an den Haltestellen erhöhen die Akzeptanz öffentlicher Verkehrsmittel. "Wenn ich sehe, dass die Straßenbahn in fünf Minuten kommt und das auch stimmt, weiß ich, wie es um meine Zeit bestellt ist." Auch wenn die Wartezeit dadurch nicht kürzer wird.

"Der Mensch ist aber bei weitem nicht so rational bei seinen Entscheidungen, wie wir glauben", so Oberzaucher. Die verhaltensbiologischen Erkenntnisse könnten dazu dienen, Menschen zu beeinflussen, ohne dabei auf Gesetze oder Verbote zurückgreifen zu müssen. "Unter dem Begriff 'Nudging' versteht man, Menschen dorthin zu 'schupfen', wo man sie gerne hätte. Wir haben es beispielsweise mit Verkehrsteilnehmern zu tun, die nicht das tun, was wir wollen. Also Autofahren. Als Lösung könnte man auch Umgebungen schaffen, in denen sich die Menschen wohlfühlen."

Verkehrsplaner und Verkehrsbetriebe müssten dabei unter Umständen die Frage überdenken, ob tatsächlich möglichst viele Sitzplätze in ein Fahrzeug gehören. "Denn ein Sitzplatz, der nicht benutzt wird, ist ohnehin kein Sitzplatz", sagte Oberzaucher.

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