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Arm und Reich driften weltweit immer weiter auseinander © APA/Neubauer
Arm und Reich driften weltweit immer weiter auseinander © APA/Neubauer

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Historiker: Ausgleich Arm-Reich gab es historisch nur durch Gewalt

24.09.2018

Arm und Reich driften weltweit immer weiter auseinander. Wissenschafter haben deshalb in den vergangenen Jahren akribisch daran gearbeitet, Maßnahmen gegen die Ungleichheit zu entwickeln. Woran es aber all diesen Ansätzen mangelt, ist die historische Einordnung, sagt Walter Scheidel. In der Geschichte waren es vor allem katastrophale Ereignisse, die für mehr Gleichheit sorgten, so der Historiker.

Geht es darum, die wirtschaftliche Ungleichheit effektiv zu verringern, ist eine gehörige Portion an Gewalt vonnöten, belegt der an der Stanford University lehrende österreichische Historiker in seinem jetzt auf Deutsch erschienenen Buch "Nach dem Krieg sind alle gleich - Eine Geschichte der Ungleichheit" anhand zahlreicher Beispiele. Vor allem Massenmobilisierungskriege, wie der Erste und Zweite Weltkrieg, transformative Revolutionen, wie die kommunistischen in China und Russland, Seuchen sowie Staatszusammenbrüche und deren Auswirkungen trugen in den vergangenen Jahrtausenden dazu bei, Einkommens- und Vermögensunterschiede innerhalb einer Gesellschaft beträchtlich schmelzen zu lassen. Um dann, nachdem sich der Staub wieder gelegt hatte, erneut wieder auseinanderzudriften.

"Es muss schon eine massive Erschütterung der Sozialordnung geben, um eine umfassende Nivellierung zu erreichen", sagte der gebürtige Wiener im APA-Gespräch. Scheidels These hat bereits nach dem Erscheinen in den USA für Aufsehen gesorgt, legt sie doch nahe, dass politische Maßnahmen nur einen geringen Effekt auf die Schere zwischen Arm und Reich haben. Namhafte Wissenschafter, darunter der Wirtschaftsprofessor Branko Milanovic, kritisierten die Analyse Scheidels als zu eng, die "gutartigen Kräfte" fehlten. "Die meisten gutartigen Maßnahmen sind nicht autonom. Sie sind nicht vom Himmel gefallen", entgegnete der Historiker. Meistens seien sie erst im Gefolge von Kriegen und gewaltsamen Revolutionen ergriffen worden, führte Scheidel etwa progressive Steuern auf Vermögen und Einkommen während des Ersten und Zweiten Weltkriegs als Beispiele an.

Neue Ansätze entwickeln

"Konzepte und Ideen, die Ungleichheit zu beseitigen, kann man viele haben. Sie müssen aber auch politisch durchsetzbar sein und eine globale Dimension miteinschließen", reagierte Scheidel auf die Kritik an seiner These. Es nütze nichts, wenn ein Land Maßnahmen ergreife, die es wirtschaftlich ins Abseits stellten. Dennoch sei sein Buch kein Aufruf, die Hände in den Schoß zu legen und - wie von Neoliberalisten gefordert - die Marktkräfte walten zu lassen. Die Botschaft sei: "Bei der Planung von Maßnahmen, muss man sich bewusst sein, es ist schwierig. Es gibt keine historischen Präzendenzfälle einer friedlichen Nivellierung."

Maßnahmen von vor zehn Jahren aufzuwärmen, nütze deshalb niemanden. Vielmehr seien Wirtschafts- und Sozialwissenschafter gefordert, Ansätze zu entwickeln, die politisch funktionieren. Diesen seien allerdings auch Grenzen gesetzt, schreibt Scheidel. So seien Menschen nur in Krisenzeiten bereit, extrem hohe Steuern zu bezahlen. Eine Rückkehr der "vier apokalyptischen Reiter", wie er seine vier Gleichmacher nennt, erwartet der Wissenschafter hingegen nicht. Ein Dritter Weltkrieg würde keine Massen mobilisieren, als Nuklearkrieg könnte er unsere Spezies vernichten. Auch kenne er bisher keine Ideologie, die eine gewaltsame Revolution zum Ziel habe. Bis auf einige Ausnahmen seien Staaten weltweit deutlich stabiler als früher und selbst Seuchen seien zwar plausibel, die moderne Medizin habe aber ganz andere Möglichkeiten als in früheren Agrargesellschaften.

Müssen wir also eine zunehmende Ungleichheit in den nächsten Jahren in Kauf nehmen? "Was ist besser", antwortet Scheidel mit einer Gegenfrage, "die Ungleichheit oder das immense Elend, dass diese vier Reiter bringen?"

Service: Walter Scheidel "Nach dem Krieg sind alle gleich - Eine Geschichte der Ungleichheit", Verlag wbg Theiss, 688 S., 39,10 Euro, ISBN: 978-3-8062-3819-8

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