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Wiener Festwochen - Staatsfragender Auftakt: "Pod schütze Österreich"

15.05.2018

Nicht der Staat wird umgebaut, zum Glück, sondern nur das Parlament. Im Info-Container vor der Parlamentsbaustelle findet in dieser Woche eines der ungewöhnlichsten Festwochen-Projekte statt: "Pod schütze Österreich", eine "performative Installation zwischen Radiokunst und Podcast", die von hier täglich um 18 Uhr on air geht. Die APA war am 14. Mai bei der Premiere als einziges Medium vor Ort dabei.

Durch eine Tür gelangt man hinter die Baustellenplanken und steigt über eine kurze Stiege ins Obergeschoß des Containers. Der Glaskubus ist das derzeit wohl ungewöhnlichste Studio Österreichs. Von hinten, wo sich Baustellencontainer stapeln, schaut einem Pallas Athene direkt bei der Arbeit zu, vorne kann man seinerseits den Fortschritt der Gleisbauarbeiten am derzeit gesperrten Ring begutachten. Was sich, wie sich herausstellen wird, ebenso auf die Tonkulisse der Übertragung auswirken wird wie der von wummernden Bässen dominierte Soundcheck in der nahen Volksgarten-Disco. Im Studio bereiten sich unterdessen zehn Personen bei einer letzten Probe auf ihre erste Sendung vor. Nervosität macht sich breit. Und los.

Der eingespielte "Prolog" samt Fake-Baustellenlärm bietet eine Mini-Einführung, die auch Nicht-Österreichern den auf Kurt Schuschniggs Rede vor der Machtübernahme der Nazis im März 1938 anspielenden Titel erklärt. Die durchgängige Zweisprachigkeit der Aufnahme, die jeweils live auf festwochen.at, Radio Orange 94.0 sowie an drei Hörstationen in Wien (vor dem Parlament, im Hof 1 des Museumsquartiers und in der Hauptbücherei am Gürtel) zu hören ist und später als Podcast weltweit abrufbar sein wird, ist auch der Hauptgrund für den Stress im Container, wo die beiden Simultandolmetscher ordentlich ins Schwitzen kommen.

Vorlesungsreihe

Die frühe Hörfunk-Tradition, die Millionen Menschen zum Verfolgen politischer Reden vor den Radioapparaten versammeln ließ, war Ausgangspunkt der Reihe, zu der jeden Tag ein Redner und zwei Gegenredner geladen sind. Doch am Premierentag wird schon nach wenigen Augenblicken klar, dass diese Woche nur in sehr übertragenem Sinn die angekündigten "Reden zur Lage der Nation(en)" bringen wird, sondern vielmehr eine Vorlesungsreihe. Muss ja nicht schlecht sein, schließlich behauptet ja das Nachrichtenmagazin "profil" in seiner aktuellen Coverstory: "Das Denken wird Volkssport".

Der deutsche Philosoph Daniel Loick, der seine Arbeit "an der Schnittstelle von Philosophie, politischer Theorie und Sozialtheorie" verortet und vor wenigen Tagen an der Uni Freiburg einen Vortrag zu "Marx' (und Engels') Politik der Lebensformen" gehalten hat, tritt nun ganz buchstäblich ans Pult und beginnt seine Ausführungen. "Episode 1: Abhängigkeitserklärung" lautet der Titel der ersten Sendung, und fast logisch, dass Loick gleich einmal von der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung ausgeht.

Innerhalb weniger Minuten verweist er auf Thomas Hobbes, John Locke und Jean Bodin. "Unter der Souveränität ist die dem Staat eignende absolute und zeitlich unbegrenzte Gewalt zu verstehen", hat Letzterer 1576 geschrieben und gilt damit als Begründer des modernen Souveränitätsbegriffes, der von Loick ordentlich unter Beschuss genommen wird. Souverän im Sinne des Erfinders sei nämlich nur ein Teil der Menschheit, meint er und prägt den schönsten Begriff des Abends: "Okzidentaler Macker-Diskurs".

Unter der Fahne der Souveränität werde heutzutage von Leuten wie Orban, Erdogan, Putin, Seehofer oder Kurz Abschottung und Xenophobie betrieben, warnt Loick. Zwei "Respondentinnen" sind anschließend aufgeboten: Elisabeth Holzleithner, Professorin für Rechtsphilosophie und Gender Studies an der Universität Wien, und Claudia Aradau, Professorin für Internationale Politik am King's College in London, ergänzen Loicks Vortrag durch vorbereitete Anmerkungen zu den Themen Sicherheit, Geschlechterfragen und Migration.

Das Medium macht's möglich, dass Kurator Alexander Martos bei der nach einem musikalischen Interlude, in dem Peter Votava die Schuschnigg-Rede verarbeitet, den Hörern vorgaukeln kann, Professorin Aradau könne "aus Termingründen" nicht mehr an der von ihm moderierten abschließenden Diskussion teilnehmen. Draußen weiß niemand, dass zuvor bereits ihr Beitrag einfach eingespielt wurde. Immerhin bringt Martos die Theoretiker zu konkreten Aussagen, wie man etwa dem von Viktor Orban ausgerufenen Ende der liberalen Demokratien begegnen solle.

"Die Frage ist, was macht man jetzt als Linker?", überlegt Loick und gibt zu: "Wir sind zu stark in Abwehrkämpfen gefangen, um wirklich eine emanzipatorische Antwort auf diese Entwicklung zu finden." Und Holzleithner kann "immer nur fantasie- und hilflos" auf das verweisen, was die Autokraten als Erstes aufs Korn nehmen: Gewaltenteilung, Rechtstaatlichkeit, Menschenrechte. Und mit einem Mal passt Martos' Abmoderation: "Gott schütze Österreich!"

Sechs weitere Episoden am Programm

Bis Sonntag stehen jeweils um 18 Uhr insgesamt sechs weitere "Episoden" auf dem Programm. Am 15. Mai sind keine Reden, sondern ein von Stephanie Sherman und Agustina Woodgate vorgenommener "Re-Mix zu Gesten und Narrativen der Souveränität in Populärkultur, Propaganda und Massenmedien" angekündigt, ehe es am 16. Mai mit einer von Ulrike Guerot, Professorin am Department für Europapolitik und Demokratieforschung an der Donau Universität Krems, gehaltenen "Rede an die Europäische Nation" und Ivan Krastev ("Europadämmerung") als Erwiderer konventioneller weitergeht.

Weitere Themen sind "Das Finanzregime" (17. Mai), "Politik des Anthropozäns" (18. Mai), "Terror und Fall des Territoriums" (19. Mai) und "Hand aufs Herz der Nation" (20. Mai). Ab 28. Mai gibt es dann alle Podcasts zum Download auf www.festwochen.at.

Von Wolfgang Huber-Lang/APA

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