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Hemetek will ein internationales Forschungszentrum gründen © privat/HEF
Hemetek will ein internationales Forschungszentrum gründen © privat/HEF

APA

"Sing mir was vor": Ethnomusikologin Hemetek erforscht Minderheiten

13.06.2018

"Stellen sie sich vor, jemand läutet an ihrer Tür und sagt: Singen sie mir was vor." Vor allem Roma, deren Angehörige von Nazi-Wissenschaftern erforscht und im Konzentrationslager ermordet wurden, hatten Vorbehalte gegenüber ihrer Arbeit, erklärte Ursula Hemetek der APA. Mit Feingefühl brachte sie sie dennoch zum Singen, verglich ihre Musik, und hat damit nun den Wittgenstein-Preis 2018 gewonnen.

1,4 Mio. Euro erhält die 61-jährige Musikwissenschafterin und die Bestätigung für "allerhöchste Exzellenz über einen längeren Zeitraum". Mit dem Preisgeld will Hemetek ein internationales Forschungszentrum für ethnomusikologische Minderheitenforschung an der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien gründen. Dadurch möchte sie das Fach nachhaltig etablieren und vor allem den Nachwuchs fördern. Wissenschaftern in unterschiedlichen Karrierestadien soll ermöglicht werden, ihre Themen und Forschungsprojekte einzubringen, und gemeinsam die Minderheitenforschung in der Ethnomusikologie weiter zu entwickeln. Es sollen aber auch Modelle der gesellschaftspolitischen Anwendung erarbeitet werden, um mit der "Macht der Musik" für eine gerechtere Gesellschaft zu sorgen.

Ursula Hemetek wurde am 12. Oktober 1956 in Wien geboren und wuchs in Ernstbrunn (NÖ) auf. Sie studierte vergleichende Musikwissenschaften an der Universität Wien. Durch ihren Mann kam sie zum Thema ihrer Doktorarbeit: Hochzeitslieder der kroatischen Gemeinschaft in Stinatz im Burgenland. "Ich bin seit 40 Jahren mit einem 'kroatischen Kroaten' verheiratet und ich wollte einfach auch seine Kultur besser verstehen. Die Burgenlandkroaten waren dann vor Ort die Möglichkeit, das zu tun", sagte sie. Ihrer Meinung nach dürfen die Faszination und der erste Anlass, sich mit einer Musikart zu beschäftigen, durchaus mit persönlichen Befindlichkeiten zu tun haben.

Nach ihrer Promotion 1987 begann Hemetek als Projektmitarbeiterin am Institut für Volksmusikforschung an der Hochschule für Musik und darstellende Kunst in Wien zu forschen. Sie habilitierte 2001 an der Universität Wien mit einer Schrift zur Musik der ethnischen und religiösen Minderheiten in Österreich. Seit 2011 leitet sie das Institut für Volksmusikforschung und Ethnomusikologie an der Universität für Musik und darstellende Kunst in Wien. Sie lehrt an mehreren Universitäten über "Musik und Minderheiten in der Ethnomusikologie"und hat den Forschungsschwerpunkt international positioniert: Seit 2017 ist sie Generalsekretärin des "International Council for Traditional Music" (ICTM). 2000 wurde sie mit dem Österreichischen Volkskulturpreis ausgezeichnet, 2007 bekam sie das Silberne Ehrenzeichen für Verdienste um die Republik Österreich.

Volksmusik im sozialen Zusammenhang untersucht

Wissenschaftlich habe in ihrer Forschung die Musik Vorrang und passiert im Rahmen der Musikwissenschaften. Die Volksmusik sei aber stets im sozialen Zusammenhang zu untersuchen. "Die Ethnomusikologie ist eine partizipative Wissenschaft, weil wir unsere empirischen Daten in der Feldforschung mit Menschen als unseren Forschungspartnern gewinnen, und wir viel von ihnen lernen", erklärte sie.

Bei den burgenländischen Kroaten war der Zugang leicht, denn da hatte sie mit ihrem Mann quasi einen "Joker". Bei den Roma stieß sie zunächst auf Misstrauen. Sie hätten in der Nazi-Zeit ganz besonders schlechte Erfahrungen mit Wissenschaftern gemacht, die sie zunächst "erforscht" und dann ins KZ gebracht haben. Deshalb hatten sie ein "ganz begründetes Misstrauen" gegenüber der Wissenschaft, meint Hemetek. Sie musste also zunächst ihr Vertrauen gewinnen, was ihr durch Kommunikation, partnerschaftlichen Respekt und positive Absichten auch gelang. Seit 1995 beschäftigt sie sich auch mit der Volksmusik der bosnischen Flüchtlinge. Hier habe ihr die konsequente Zusammenarbeit mit einer Wissenschafterin aus Bosnien den Zugang wesentlich erleichtert.

Stabiles ethisches Element Musik

Die eigene Musik sei neben der Sprache das stabilste ethische Element in einer Gemeinschaft, und spielte bei allen Migranten-Gemeinschaften, mit denen sie sich beschäftigt hat, eine große Rolle, berichtete Hemetek: "Es kann ja kein Fest und kein Ritual ohne Musik stattfinden", meint sie. Wenn eine "Community" mehrere Jahre hier ist und eine gewisse Größe hat, sei es etwa notwendig Hochzeiten zu feiern. "Dazu braucht man Musik."

Zum Beispiel in Wien gäbe es noch viele Migranten-Gemeinschaften, die sie noch gar nicht kennt. "Es ist also eine unglaubliche Vielfalt, die wir da quasi vor der Haustüre haben", sagte die Forscherin. Das neue Ethnomusik-Zentrum soll diese nun auch besser aufschließen. "Ein besonderer Schwerpunkt wird auch auf geflüchteten Menschen liegen", erklärt sie.

Aus der Musik lassen sich wichtige Erkenntnisse über das Kultur- und ethnische Bewusstsein einer Gruppe ablesen. Die Ethnomusikforschung ist daher nicht Selbstbeschäftigung im Elfenbeinturm der Wissenschaft, sondern erhält bei den aktuellen Minderheitenproblematiken eine politische Dimension. Hemetek will mit ihrer Arbeit nicht nur das Wissen über diese Gruppen vertiefen, sondern sie auch gesellschaftspolitisch unterstützen und engagierte sich etwa auch als Obfrau der "Initiative Minderheiten" für sie. Über ihre Arbeit und Forschungsthema berichtet sie auch in mehreren Büchern.

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