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Max Perutz wurde 1962 der Nobelpreis für Chemie verliehen © APA (Techt)
Max Perutz wurde 1962 der Nobelpreis für Chemie verliehen © APA (Techt)

Kooperationsmeldung

Grenzen der Lebenswissenschaften überschreiten

02.07.2014

Der in Wien geborene Chemiker Max F. Perutz schlug in den 1950er Jahren die Brücke zwischen Biologie und Physik, und trug so zur Aufklärung der Struktur des roten Blutfarbstoffes Hämoglobin bei. Am 19. Mai diesen Jahres hätte Perutz seinen 100. Geburtstag gefeiert - aus diesem Anlass veranstalten die Max F. Perutz Laboratories am 11. und 12. September das Symposium "Crossing Frontiers in Life Sciences" an der Universität Wien.

"Ich meine es nicht als Vorwurf an die Königlich-Schwedische Akademie, wenn ich sage, dass sie mir den Nobelpreis zu früh verliehen hat. Ich hoffe nur, dass ich dieser Auszeichnung gerecht werde und mein Ziel, die Physiologie der Atmung anhand der Architektur des Hämoglobin-Moleküls zu erklären, erreichen werde", erklärte Max F. Perutz 1962 in seiner Dankesrede anlässlich der Nobelpreisverleihung. Bescheiden, wie ihn Freunde und Kollegen kannten, und schon Ende der 1960er Jahre sollten sich seine Bedenken als grundlos herausstellen: es war ihm gelungen die Struktur des roten Blutfarbstoffes Hämoglobin sowohl in seiner Sauerstoff-losen, als auch in seiner Sauerstoff-gebundenen Form aufzuklären. Somit hatte er sein großes Ziel erreicht: er konnte stereochemisch - also über den dreidimensionalen Aufbau - erklären, wie Hämoglobin Sauerstoff im Blut zur Lunge transportiert und das bei der Atmung entstehende Kohlenstoffdioxid aus der Lunge abtransportiert.

Gründervater der modernen Molekularbiologie

Perutz hatte es geschafft, die Brücke zwischen Biologie und Physik zu schlagen: mithilfe physikalischer Methoden hatten er und seine Kollegen die Struktur eines Proteins aufgeklärt, was ihnen wiederum einen Einblick in dessen Funktionsweise erlaubte. Somit zählt Perutz, der 1914 in Wien als Sohn jüdischer Textilfabrikanten zur Welt kam, als einer der Gründerväter der modernen Molekularbiologie. Einen Status den das vom ihm gegründete Laboratory of Molecular Biology in Cambridge untermauert, welches unter seiner Leitung sechs und bisher insgesamt zehn Nobelpreisträger hervorgebrachte.

Eigentlich hätte Max Perutz Jura studieren und das Familienunternehmen übernehmen sollen. Ein Lehrer am Theresianum in Wien hatte jedoch seine Begeisterung für Chemie geweckt, und so überzeugte er seine Eltern ihn das Fach an der Universität Wien studieren zu lassen. Dabei stellte er schnell seine Vorliebe für die organische Chemie fest, und nachdem er in einer Vorlesung über die Arbeit von Sir F.G. Hopkins - dem Entdecker der ersten Vitamine - in Cambridge gehört hatte, beschloss er, dass Cambridge der richtige Ort für ihn sei. So kam er 1936 für sein Doktorat nach England, wo er bis zu seinem Tod leben sollte. Ihm blieb 1938 - nach dem Anschluss Österreichs an das nationalsozialistische Deutschland - das tragische Schicksal vieler Juden erspart, und er konnte zudem seinen Eltern und Geschwistern helfen nach England beziehungsweise in die USA zu emigrieren. Im Cavendish Laboratory in Cambridge begann 1937 seine Arbeit am Hämoglobin-Molekül.

Max F. Perutz Laboratories (MFPL)

In Anerkennung der Leistungen Max Perutz' wurde das 2005 gegründete gemeinsame molekularbiologische Forschungsinstitut der Universität Wien und der Medizinischen Universität Wien nach ihm benannt: die Max F. Perutz Laboratories (MFPL). Am Standort Vienna Biocenter im 3. Wiener Gemeindebezirk sind heute rund 500 Mitarbeiter in über 60 Forschungsgruppen mit Grundlagenforschung im Bereich Molekularbiologie beschäftigt. Daneben werden an den MFPL jährlich rund 700 Bachelor- und Masterstudenten im Bereich der Lebenswissenschaften unterrichtet.

Anlässlich des 100. Geburtstages von Perutz veranstalten die MFPL mit Unterstützung der beiden Partneruniversitäten das Symposium "Crossing Frontiers in Life Sciences", welches am 11. und 12. September in den Festsälen der Universität Wien stattfinden wird. Tim Skern, Strukturbiologe und Gruppenleiter an den MFPL, und Mitorganisator des Symposiums erklärt: "Perutz hatte es sich zum Ziel gesetzt, die Röntgenkristallstruktur eines für damalige Verhältnisse riesigen Moleküls aufzuklären. Letztlich erreichten er und sein Kollege John Kendrew dieses Ziel, indem sie schwere Quecksilberatome in das Hämoglobinmolekül einführten, was es ihnen ermöglichte, das sogenannte Phasenproblem zu lösen und so die Grenzen der möglichen Auflösung von Proteinstrukturen um ein Vielfaches zu verbessern." In Anlehnung hieran und auch, dass zum ersten Mal physikalische Methoden zur Erklärung biologischer Mechanismen verwendet wurden, rührt der Titel des Symposiums.

Symposium "Crossing Frontiers in Life Sciences" am 11. und 12. September 2014 in Wien

Im Rahmen der Veranstaltung werden 24 hochkarätige Wissenschaftler, 14 geladene und 10 MFPL Forscher, ihre neuesten Erkenntnisse und Methoden aus den Bereichen Strukturbiologie, zelluläre Signalübertragung, Bioinformatik, Chromosomendynamik und RNA Biologie vorstellen. Unter ihnen ist auch Michael Rossmann, der Anfang der 1960er Jahre gemeinsam mit Perutz in Cambridge gearbeitet und die ersten Computerprogramme zur Auswertung dessen röntgenkristallographischer Daten zur Strukturvorhersage programmiert hatte. "Wir sind hoch erfreut, dass Größen wie Michael Rossmann, Tom Steitz, David Baulcombe, Richard Henderson und Kim Nasymth für das Symposium nach Wien kommen. Es zeigt einerseits ihre Wertschätzung für die Arbeit Perutz', andererseits aber auch für den Standort als Hub führender Forschung im Bereich der Lebenswissenschaften", erklärt der wissenschaftliche Direktor der MFPL Graham Warren.

Thematisch passt auch, dass 2014 das internationale Jahr der Kristallographie ist - 1914 markiert nämlich nicht nur das Geburtsjahr von Perutz, sondern auch das Jahr in dem der Deutsche Max von Laue den Nobelpreis für seine Erkenntnisse zur Streuung von Röntgenstrahlen durch Kristalle bekam - diese bildeten die Grundlage der von Perutz genutzten Röntgenstrukturanalyse.

Die Registrierung für einen der 200 Plätze am "Crossing Frontiers in Life Sciences" Symposium ist unter http://frontiers.univie.ac.at möglich. Die Teilnahme ist kostenlos.

"Crossing Frontiers in Life Sciences"

11. und 12. September 2014

Festsäle der Universität Wien

http://frontiers.univie.ac.at

Rückfragen: Dr. Lilly Sommer, Max F. Perutz Laboratories, Communications, T +43-1-4277-240 14, lilly.sommer@mfpl.ac.at

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