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System wird in Röhrenknochen eingebaut © APA (Pfarrhofer)
System wird in Röhrenknochen eingebaut © APA (Pfarrhofer)

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Beinverlängerung per Marknagel

16.03.2017

Diese Meldung ist Teil einer wöchentlichen Zusammenfassung für den APA-Science-Newsletter Nr. 10/2017 und nicht zwingend tagesaktuell

Ein neues Medizintechniksystem macht eine Beinverlängerung für Patienten einfacher. Am Orthopädischen Spital Speising (Wien) als eines der spezialisierten Zentren weltweit kann Betroffenen dazu ein verlängerbarer Marknagel in Ober- oder Unterschenkel eingebaut werden. Die Steuerung der Ausdehnung erfolgt vom Patienten über ein Magnetsystem von außen, hieß es bei der Präsentation.

"Es ist ein System, das man nach einer Beinverkürzung nach einem Unfall, bei einer geschädigten Wachstumsfuge oder auch bei einer angeborenen Beinverkürzung anwenden kann", sagte Christof Radler, Leiter des Spezialteams "Allgemeine Kinderchirurgie" des Spitals der Vinzenz-Gruppe. Dahinter steckt das Faktum, dass Knochen bei entsprechender Belastung im Grunde formbar sind und natürlich nach einer Fraktur neuer Knochen zur Reparatur natürlich aufgebaut wird. In der Vergangenheit wurden Knochenverlängerungen an den Beinen vor allem mit externen Fixateuren erreicht. Seit einigen Jahren gibt es verlängerbare Marknägel für solche Anwendungen. Die Spezialisten des Wiener Krankenhauses haben bisher etwa 130 solcher Systeme bei Patienten verwendet, etwa 80 mit dem neuen Magnet-Steuerungssystem.

"Das neue System hat den Vorteil, dass es minimal-invasiv eingebaut werden kann. Zunächst wird der Knochen durchtrennt, der Nagel in einer ein bis eineinhalb Stunden langen Operation eingefügt. Nach einer Woche ist (an der Durchtrennungsstelle; Anm.) frisches Knochenmaterial entstanden, das wie Kaugummi aufgedehnt wird", sagte Radler. Der Patient bekommt ein Magnet-Steuerungssystem mit nach Hause. Dreimal täglich wird Kraft über zwei rotierende Magnete auf das Implantat im Knochen durch die Haut übertragen und dort in eine fein gesteuerte Extensionsbewegung umgesetzt. "Der Patient verwendet das Gerät dreimal pro Tag. Jedes Mal wird das Implantat um 0,33 Millimeter verlängert, also um einen Millimeter pro Tag", fügte der Experte hinzu.

Therapie dauert zwei bis drei Monate

Unter regelmäßiger Röntgenkontrolle erfolgt damit langsam die Knochenverlängerung bis zum Ausgleich des Unterschieds zum anderen Bein. Nach der Dehnungsphase - bei zwei Zentimeter Verlängerungsbedarf etwa nach 20 Tagen - wird noch einige Wochen gewartet, bis der neue Knochen ausreichend verfestigt ist. Bis zur Vollbelastung dauert eine solche Therapie zwei bis drei Monate. Gleichzeitig gibt es Physiotherapie, um die Anpassung der Muskulatur zu fördern. Schließlich wird der Marknagel wieder entfernt.

"Ich hatte einen Radunfall und einen Schenkelhalsbruch. Das eine Bein war danach um zwei Zentimeter kürzer. Ich ging unrund, bekam Rücken und Gelenksprobleme", schilderte die 47-jährige Patientin Susanne Fuchshuber den Grund für die bei ihr durchgeführte Behandlung mit dem neuen System. Sie hat gerade die "Dehnungsphase" beendet und geht noch mit Krücken. Bald soll sie jedoch vollkommen wiederhergestellt sein.

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