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Schutzmechanismus von Gehirntumoren gegen das Immunsystem

09.07.2018

Während die modernen Immuntherapien bei Krebs immer größere Bedeutung in der Onkologie erlangen, sind wesentliche Umstände der "Resistenz" von Tumoren gegen die körpereigene Abwehr noch unbekannt. Unter Beteiligung von Wiener Wissenschaftern gibt jetzt im Bereich der Gliome - Hirntumore - neue Erkenntnisse darüber, wie die bösartigen Zellen die Immunantwort unterdrücken.

Einen Beitrag dazu haben die Wiener Onkologin Anna Sophie Berghoff (MedUni Wien/AKH) und ihre Co-Autoren (korrespondierender Autor der Wiener Onkologe Matthias Preusser) bereits vergangenes Jahr mit einer Publikation in "Neuro-Oncology" geleistet. In der Studie wurde das Eindringen von Tumor infiltrierenden weißen Blutkörperchen in das Gewebe bei Gliomen untersucht.

Solche Tumore stellen einen Anteil von 30 bis 50 Prozent der bösartigen Tumorerkrankungen des Zentralnervensystems dar. In den Untersuchungen an Gewebeproben zeigte sich, dass Gliome, welche eine normale Expression des Enzyms Isocitrat Dehydrogenase (IDH) aufwiesen, eine stärkeres Eindringen von Abwehrzellen und gleichzeitig mehr PDL-1 Oberflächenmarker an ihrer Oberfläche aufwiesen. Das deutet auf eine bessere Erkennung durch das Immunsystem hin. Gleichzeitig sollten mehr PDL-1-Strukturen an der Zelloberfläche dem Tumor angreifbarer für eine Immuntherapie mit monoklonalen Antikörpern machen, welche diesen Mechanismus ausnutzen. Bei Gliomen mit mutiertem IDH-Gen ist hingegen die Immunantwort deutlich eingeschränkt.

Neue Protein-Funktion identifiziert

In "Nature Medicine" ist jetzt eine weitere Arbeit zu diesem Thema erschienen. Unter den Autoren - als Erstautor fungierte Lukas Bunse vom Deutschen Krebsforschungszentrum - sind Matthias Preusser (Universitätsklinik für Innere Medizin I von MedUni Wien/AKH) und Anna Sophie Berghoff. In dieser Studie identifizierten die Wissenschafter eine neue Funktion des Proteins R-2-HG, das in Tumoren durch das mutierte IDH-Enzym produziert wird.

"Dieses Protein (R-2-HG; Anm.) wird offenbar von den T-Zellen (Immunzellen; Anm.) aufgenommen und führt dort zu einer Störung des Zellstoffwechsels, was deren Funktion behindert", sagte Preusser.

R-2-HG hat zwar die Fähigkeit, die Zellen, in denen es entsteht, selbst zu schädigen, doch die Gliomzellen pumpen das Protein aus sich heraus in den extrazellulären Raum. Von dort entfaltet das Protein dann seinen dämpfenden Einfluss auf die Immunzellen und somit auf die Abwehrreaktion. Insgesamt gibt es immer mehr Hinweise darauf, dass das sogenannte Mikro-Environment von Tumoren eine erhebliche Rolle in der Entwicklung von bösartigen Erkrankungen spielt.

Tumortherapie verbessern

Was die Wissenschafter aus ihren Daten ableiten: Könnte man die Funktion von mutierten IDH-Genen in Tumorzellen und somit die Produktion von R-2-HG behindern, könnte das wiederum das Ansprechen der Tumoren auf Therapien - zum Beispiel auf die modernen Immuntherapien - verbessern.

Die Bandbreite von Gehirntumoren reicht von relativ gutartigen Gewebsneubildungen bis hin zu aggressiven und kaum beherrschbaren Tumoren. Entsprechend unterschiedlich sind deren Charakteristika. Ein internationales Team unter Beteiligung von Wiener Wissenschaftern bietet seit kurzem eine genauere Klassifikation auf der Basis von sogenannten DNA-Methylierungsmustern an. Das erlaubt offenbar eine genauere Klassifizierung und - eventuell - individuellere Therapien.

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