Natur & Technik

"Marion Dufresne" im Forschungseinsatz © APA (AFP)
"Marion Dufresne" im Forschungseinsatz © APA (AFP)

APA

Expedition zu Giganten: Forscher nehmen Seeberge unter die Lupe

21.04.2017

Es ist ein komfortables Schiff, die Gefilde sind tropisch, und ein Küchenchef ist an Bord. Trotzdem sind keine Kapitänsdinner und Bälle wie auf einem Kreuzfahrtschiff angesagt, wenn die "Marion Dufresne" am 23. April von La Reunion im Indischen Ozean in See sticht. Das Forschungsschiff bringt Wissenschafter in eine unwirtliche Meeresregion, an einen 3.000 Meter hohen unterseeischen Berg.

"Diese Seeberge sind ein bisschen wie Oasen", sagt Aurelie Spadone, Meeresforscherin und Projektmanagerin der Weltnaturschutzunion (IUCN). "Das Meer ist zwar nicht wie eine Wüste, aber an diesen Bergen entwickeln sich ganz eigene, oft sehr artenreiche Ökosysteme." An Bord der "Marion Dufresne" sind Wissenschafter des französischen Museums für Naturgeschichte. Sie erforschen Wasserqualität, Salzgehalt, Fische, Quallen und andere Lebewesen.

Gebirge mit "Matterhorn-Qualität"

Unterseeische Gebirge sind gigantische zerklüftete Landschaften. "Da haben schon einige Matterhorn-Qualität", sagt der Seeberg-Spezialist Bernd Christiansen von der Universität Hamburg. Manche Gipfel sind um die 5.000 Meter hoch, es gibt riesige Plateaus, Tausende Meter abfallende Kliffs und steile Hänge. Mindestens 200.000 Berge über 1.000 Meter hoch gibt es, schätzen Experten. Nur ein Bruchteil davon ist je untersucht worden. Drei Prozent, schätzt Spadone.

Manche liegen in so unwirtlichen Gegenden, dass Expeditionen kaum möglich sind. Eine solche Gegend ist etwa das Gebiet im Indischen Ozean, 2.000 Kilometer südwestlich von Australien, in dem die 2014 mit 234 Menschen an Bord verschollene Malaysia-Airlines-Boeing MH370 vermutet wird. Trotz Spitzentechnologie und Unterwasservehikeln war die Suche nach dem Wrack vergeblich.

Walters-Untiefen südlich von Madagaskar

Diese Expedition der "Marion Dufresne" geht an die Walters-Untiefen gut 800 Kilometer südlich von Madagaskar. Die Gipfel ragen dort bis zu 4.750 Meter aus dem Meeresgrund. Zum Vergleich: das Matterhorn ist 4.478 Meter hoch. Das Besondere ist hier, das manche Bergspitzen kaum 20 Meter unter der Meeresoberfläche liegen. Das Wasser ist etwa 15 Grad warm. So können Wissenschafter mit normaler Ausrüstung in den Ozean tauchen und die Hänge in Augenschein nehmen, auch wenn Hochseetauchen wegen der oft unberechenbaren Strömungen gefährlich sein kann.

"Seeberge sind besonders interessant, weil sie anders als der meist mit Schlick bedeckte Meeresboden Fels, Geröll, Algen und oft Seetang haben und dort ganz andere Lebensgemeinschaft leben", sagt Christiansen. "An den Seebergen entstehen auch spezielle Strömungen, und Auftrieb, mit völlig anderer Nahrungsversorgung der Lebewesen."

Plankton, Algen, Nesseltiere wie Korallen - das alles lockt kleine Fische an, die wiederum große Fische anlocken. Das höchst artenreiche Korallendreieck zwischen Borneo, den Philippinen und Papua-Neuguinea in Südostasien gilt etwa als Kinderstube vieler Fischarten wie Thunfisch, die nur dort heranwachsen können - wenn Fischereiflotten dort nicht ihre riesigen Netze auswerfen.

Ganz eigener Artenpool

"In solchen entlegenen Ökosystemen gibt es oft einen ganz eigenen Artenpool", sagt Hauke Reuter vom Leibniz-Zentrum für Marine Tropenforschung in Bremen. "Der Austausch mit anderen Lebensräumen ist sehr begrenzt. Da kann man zu grundlegenden Erkenntnissen kommen, etwa wie spezifische Artengemeinschaften und Nahrungsnetze funktionieren. Wenn der Berg sehr isoliert ist, kann man womöglich einmalige evolutionäre Entwicklungen dokumentieren."

Bei den Vereinten Nationen wird gerade über neue Regeln beraten, um das Seerechtsübereinkommen von 1994 zu stärken. Es bestimmt etwa, wie viele Kilometer Küstengewässer Länder als exklusive Wirtschaftszonen beanspruchen können. "Aber in den internationalen Gewässern ist es ein bisschen wie im Wilden Westen", sagt Spadone. Jeder mache, was er wolle. Im Sommer ist das nächste Expertentreffen in New York. Da will die IUCN mit den Expeditionsergebnissen belegen, wie einzigartig und deshalb schutzwürdig Seeberge sind.

"In diesen Ökosystemen gibt es Fische, die erst mit 30, 40 Jahren fortpflanzungsfähig sind", sagt Spadone. "Und es gibt Korallenbäume, die in 1.000 Jahren nur eineinhalb Meter groß geworden sind." Dieses Zeitlupentempo bedeute, dass eine Erholung praktisch unmöglich sei, wenn die Habitate einmal durch Schleppnetze zerstört oder die Lebewesen durch Überfischung dezimiert seien.

An den Walters-Untiefen ist das besonders brisant. Weil die Bergspitzen nur wenige Meter unter der Meeresoberfläche sind, tummeln sich dort Fische und sogar Seevögel. Kommerzielle Hochseeflotten haben schon mitbekommen, dass dort reiche Fischgründe sind.

Mineralienabbau möglich

Bei der Ausbeutung der Meere sind aber auch die Seeberge selbst im Visier, sagt Biologe Christiansen. Er hat im Atlantik und im Mittelmeer schon selbst Seeberge erforscht. Im Pazifik gebe es in etwa 1.000 Meter Tiefe Berge mit Plateau, die einen Mineralienabbau möglich machten. Manche Berge hätten Ferromangankrusten, bei 20 Zentimeter Dicke werde der Abbau womöglich attraktiv.

"Aber wenn man diese Krusten abbaut, bleibt kein Auge trocken", sagt er. Dann würden alle Organismen in Bodennähe zerstört - womöglich vielfach solche, die überhaupt noch nicht entdeckt worden seien. Deshalb sei der Schutz so wichtig. "Ich kann nur schützen, was ich verstehe und kenne", sagt auch Reuter.

Mit der Crew dürften rund 70 Menschen an Bord der "Marion Dufresne" sein, sagt Spadone. Sie war bereits 2011 bei einer Expedition dabei, an Bord der "RRS James Cook". Dieses Mal betreut sie die Expedition vom Sitz der IUCN in Gland bei Genf. So viele Leute auf begrenztem Raum, das sei speziell. "Aber die "Marion Dufresne" ist 120 Meter lang, da kann man sich leicht aus dem Weg gehen." Bis sich der Körper an das ständige Schwanken gewöhnt habe, hingen immer einige seekrank an der Reling. Ihr Tipp: "Immer etwas essen. Ohne etwas im Magen ist es noch schlimmer."

Von Christiane Oelrich/dpa

STICHWÖRTER
Biologie  | Geologie  | Frankreich  | Weltweit  | Paris  | Wissenschaft  | Naturwissenschaften  |
Weitere Meldungen aus Natur & Technik
APA
Partnermeldung