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Ozeanograph erhielt zahlreiche Auszeichnungen © APA
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"Einstein der Ozeane": Walter Munk wird 100

12.10.2017

Selbst im hohen Alter lässt sich Walter Munk nicht vom Forschen abbringen: "Ich bin heute um sechs Uhr Früh aufgestanden, um ein wenig zu arbeiten", sagte der aus Wien stammende, seit seiner Jugend in den USA lebende Wissenschafter kürzlich bei einem Wien-Besuch im Gespräch mit der APA. Munk, der als einer der Väter der Ozeanographie gilt, feiert am Donnerstag (19.10.) seinen 100. Geburtstag.

In Wissenschaftskreisen auf der ganzen Welt ist Munk eine lebende Legende. Die "New York Times" verwies darauf, dass er immer wieder "Einstein der Ozeane" genannt wurde - in seinem Geburtsland ist er allerdings praktisch unbekannt. Dabei hat der vielseitig interessierte Forscher mit seinem wissenschaftlichen Beitrag zur Landung der Alliierten Truppen in der Normandie ("D-Day") im Zweiten Weltkrieg entscheidend zum Gelingen dieses geschichtsträchtigen Ereignisses beigetragen.

Walter Munk entstammt einer Wiener Bankiersfamilie und verbrachte seine Kindheit großteils in Altaussee, wo sein Großvater Lucian Brunner ein Haus besaß. Außerdem war sein Stiefvater Rudolf Engelsberg in den 1930er-Jahren Generaldirektor der Österreichischen Salinen. Im Salzkammergut entwickelte er sich zum begeisterten Sportler - unter anderem als Ski-Pionier und Tennisspieler.

Mit 15 Jahren schickten ihn seine Eltern nach New York, damit aus ihm gemäß Familientradition dort ein Banker würde. Seine Mutter wollte den wenig motivierten Schüler damit wohl auch zum Lernen bewegen. "Mit wenig Erfolg, denn ein Jahr nach meiner Übersiedlung war ich wieder Kapitän des dortigen Skiteams", erinnerte sich Munk.

Ozeanographie-Studium in Kalifornien

Nach drei Jahren Studium und Job bei der von seinem Großvater Lucian Brunner gegründeten New York City Bank erkannte Munk, dass der Banker-Job nichts für ihn war: Er übersiedelte nach Kalifornien, wo er im Alter von 22 Jahren beim Ozeanographie-Institut der University of California, der Scripps Institution of Oceanography in La Jolla, landete. Als Motivation für sein Interesse an der Meeresforschung nannte Munk einmal mit Augenzwinkern nicht nur das Forschen in der Natur, sondern auch die Romanze mit einer Studienkollegin.

Munk nahm 1939 die US-Staatsbürgerschaft an und meldete sich - wie er selber sagt, aus Entrüstung über den Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich - zunächst bei den US-Gebirgstruppen. "Ich war schrecklich empört über den 'Anschluss', auch aus der Sicht meiner Familie. Meine Familie ist teilweise jüdisch und meine Mutter heiratete in zweiter Ehe einen Katholiken (Rudolf Engelsberg), der Beamter in den Regierungen Dollfuß und Schuschnigg war. Ich dachte, das sei das Ende der Welt", erinnerte sich Munk.

Später wechselte er als wissenschaftlicher Mitarbeiter zur US-Marine. Seine Analysen zum Verhalten von Brandungswellen trugen 1944 maßgeblich zum Gelingen der Invasion der Alliierten Truppen in der Normandie bei. Die Generäle konnten mit Hilfe des Prognose-Modells den optimalen Zeitpunkt für die Landung der Soldaten bestimmen.

Dass er mit seiner Arbeit einen entscheidenden Beitrag zu dieser Operation leisten konnte, habe er erst nach dem Krieg realisiert, als darüber berichtet wurde, wie viele Menschenleben er damit gerettet habe. "Es ist wundervoll, in der Lage gewesen zu sein, das zu tun", so Munk. Kritischer sieht er rückblickend einen weiteren Militärauftrag im Zusammenhang mit den Atombomben-Versuchen auf dem pazifischen Bikini-Atoll: "Ich finde, wir haben schreckliche Arbeit geleistet", sagte er dazu.

Vielseitiger Wissenschafter

Nach dem Zweiten Weltkrieg promovierte Munk 1947 und heiratete die Architektin Judith Horton, die 2006 verstarb. 1954 wurde er am Scripps ordentlicher Professor für Geophysik. In den folgenden Jahren veröffentlichte Munk eine fast unüberschaubare Anzahl wissenschaftlicher Arbeiten. Seine Vielseitigkeit als Wissenschafter bezeugen seine Arbeiten bei der Konstruktion von Schleusen für die Lagune von Venedig in den 1970er-Jahren, die Analyse von Fossilien urzeitlicher Amphibien sowie die Entwicklung von Messmethoden der Ozeantemperatur und Meeresströmungen mithilfe von akustischen Signalen, die in jüngerer Zeit unter anderem im Zusammenhang mit der Klimaforschung eine wichtige Rolle gespielt haben. Weiters beschäftigte er sich mit Schwankungen der Erdrotation und der Wellenausbreitung. Bis heute ist er als emeritierter Professor wissenschaftlich tätig.

Munk erhielt zahlreiche Auszeichnungen, u.a. 1999 den Kyoto-Preis. 2010 wurde Munk der Crafoord-Preis der Königlich-Schwedischen Wissenschaftsakademie verliehen. Mit dieser Ehrung für Grundlagenforschung in Disziplinen, die der Nobelpreis nicht abdeckt, wurden seine "Pionierarbeit und fundamentalen Beiträge zu unserem Verständnis der Meeresströmungen, Gezeiten und Wellen und ihrer Rolle in der Erddynamik" gewürdigt.

"Ich hatte gehofft, den eigentlichen Geburtstag im kleinen Kreis zu feiern, aber das scheint mir nicht vergönnt", sagte Munk. Tatsächlich gibt es zahlreiche Aktivitäten. An der Scripps Institution fanden bereits zwei Symposien zu Ehren des Jubilars statt. Am 19. Oktober wird am Birch Aquarium am Scripps öffentlich sein Geburtstag gefeiert, einen Tag zuvor stellt sich San Diego mit einem Geburtstagsgeschenk ein: Die La Jolla Strandpromenade der kalifornischen Stadt wird nach Walter Munk benannt. Und am 26. Oktober gibt es an der Scripps Institution ein Gespräch zwischen Munk und dem der Meeresforschung sehr verbundenen Fürst Albert II. von Monaco.

Service: https://scripps.ucsd.edu/symposiums/munk100/

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