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v.l.n.r.: Dr. Stefan Pittner, Prof. Heesun Chung und Professor Fabio Monticelli © Andreas Kolarik
v.l.n.r.: Dr. Stefan Pittner, Prof. Heesun Chung und Professor Fabio Monticelli © Andreas Kolarik

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Dem Todeszeitpunkt auf der Spur

02.05.2018

Der Leiter der Salzburger Gerichtsmedizin Fabio Monticelli und der Zellbiologe Stefan Pittner von der Universität Salzburg haben eine neue Methode entwickelt, um den Todeszeitpunkt näher einzugrenzen. Um das Projekt weiter voranzutreiben, arbeiten die Wissenschaftler nun mit dem weltweit bekannten National Forensic Service (NFS) in Seoul/Südkorea zusammen. Die renommierte Toxikologin Heesun Chung stattete den Salzburgern jetzt einen Besuch ab, um erste Ergebnisse zu diskutieren.

Die Realität der Gerichtsmedizin entspricht nicht jener, wie man sie aus TV-Krimiserien kennt. In der Fiktion kann der Todeszeitpunkt innerhalb kürzester Zeit und ganz exakt ermittelt werden. Die Wirklichkeit ist eine andere. "Wir können den Todeszeitpunkt bestenfalls näher eingrenzen, aber auch das nicht in jedem Fall", sagt der Leiter der Salzburger Gerichtsmedizin, Professor Fabio Monticelli. Er hat gemeinsam mit dem Zellbiologen Dr. Stefan Pittner eine neue Methode zur Eingrenzung des Todeszeitpunkts entwickelt. Dabei untersuchen die Wissenschaftler den Abbauprozess von Proteinen im Skelettmuskel. Der Degradationsprozess der Skelettmuskelproteine gibt ihnen wichtige Hinweise auf den Todeszeitpunkt. Diese Methode konnte erfolgreich bei dem spektakulären Fall der beiden Leichen im Traunsee 2016 in Gmunden/Oberösterreich angewendet werden. Die Salzburger Gerichtsmediziner stellten aufgrund der Proteinanalyse fest, dass es sich dabei um Mord und anschließenden Selbstmord gehandelt hat.

Nun wollen Monticelli und Pittner diese Protein-Methode weiterentwickeln, um das bestehende Methoden-Spektrum zur Feststellung des Todeszeitpunkts weiter auszubauen. Denn mit dem bisherigen Wissensstand waren die Gerichtsmediziner in der Lage, den ungefähren Todeszeitpunkt entweder ganz früh oder vergleichsweise spät nach dem Tod einzugrenzen. Die Zeitspanne dazwischen, der sogenannte intermediäre postmortale Intervall, war bisher ein Graubereich. Mit der neuen Methode soll diese Lücke nun geschlossen werden.

Seit einem Jahr arbeiten die Salzburger Gerichtsmediziner deshalb mit dem National Forensic Service (NFS) in Seoul/Südkorea zusammen. Dessen frühere Leiterin, die Toxikologin Heesun Chung von der Chungnam National University (CNU) in Südkorea kam nach Salzburg, um ihre aktuellen Forschungsergebnisse zu präsentieren. Die Südkoreaner untersuchen Metaboliten, die eng mit der Proteindegradation in Verbindung stehen. "Das NFS verfügt über eine apparative und finanzielle Ausstattung, die umfangreiche Untersuchungen ermöglicht, die wir hier in Salzburg nicht leisten können", betont Monticelli. Deshalb sei auch die Kooperation so wertvoll, denn nur im Zusammenspiel aller Ergebnisse könne ein großes Ganzes entstehen. Jährlich soll nun ein Symposion mit den Koreanern abgehalten werden.

Abbauprozesse im Körper

Viele Faktoren, wie Temperatur, Luftfeuchtigkeit und Lebensalter spielen beim Abbauprozess eine große Rolle. Eine häufig angewandte Methode basiert auf dem Abkühlungsverhalten eines Körpers nach dem Tod. "Wir wollen mit unserer Methode das Bündel an Möglichkeiten, die es gibt, um den Todeszeitpunkt einzugrenzen, erweitern", betont Monticelli. "Am Ende sollten wir eine Art Werkzeugkoffer zur Verfügung haben, um je nach Fall die besten Werkzeuge auszuwählen und einzusetzen", so Pittner. Denn je nach Todesumständen sind die Methoden besser oder schlechter anwendbar. Daher sei es so wichtig, dass man über ein breites Methodenspektrum verfüge, um es fallspezifisch anwenden zu können, so Pittner. Ziel der Wissenschaftler ist es, dass die Salzburger Protein-Methode routinemäßig in der gerichtsmedizinischen Praxis angewendet werden kann.

Darüber hinaus hat Monticelli auch eine Zusammenarbeit mit den Gerichtsmedizinern in Frankfurt initiiert. Hierbei geht es vor allem um die Erforschung des späteren postmortalen Intervalls. Der Todeszeitpunkt wird in diesem Fall auf Basis der Entwicklungsstadien von Insekten, die die Leiche besiedelt haben, bestimmt. Dabei kommt die Forensische Entomologie zum Einsatz, bei der auch Hinweise auf die Todesursache gesammelt werden. "In Frankfurt ist man auf die Methode mit dem Insektenbefall spezialisiert", erläutert Stefan Pittner. In Experimenten wird bei Schweinen, die im Freiland platziert wurden, der Insektenbefall beobachtet. Dabei hat das Salzburger Team Muskelproben entnommen und gleichzeitig den Degradationsprozess der Proteine untersucht.

Auch viele Masterarbeiten Studierender der Universität Salzburg und der Paracelsus Medizinischen Universität werden an der Gerichtsmedizin verfasst. Ein Paradebeispiel dafür ist Stefan Pittner selbst, der als Zellbiologe von der Naturwissenschaftlichen Fakultät an die Gerichtsmedizin gewechselt ist. Auch in seiner Dissertation beschäftigte er sich mit dem Todeszeitpunkt. Durch die internationale Zusammenarbeit und die Miteinbeziehung junger Wissenschaftler werden immer mehr Mosaiksteinchen zusammengetragen, um letztlich das Geheimnis um den exakten Todeszeitpunkt zu lüften.

Die Salzburger Gerichtsmedizin bietet darüber hinaus eine Reihe von Lehrveranstaltungen für Studierende der Universitäten Salzburg und Linz, der Paracelsus Medizinischen Privatuniversität (PMU) und demnächst auch für die Studierenden der Medizinischen Universität Linz. Während die Gerichtsmedizin für Medizinstudenten verpflichtend ist, kann sie bei naturwissenschaftlichen Studienrichtungen im Rahmen von Wahlfächern belegt werden.

Kontakt:

Univ.-Prof. Dr. med. Fabio C. Monticelli
Fachbereich Gerichtsmedizin & Forensische Neuropsychiatrie 
der Universität Salzburg
tel. +43 662 8044 3800/01
e-mail. fabio.monticelli@sbg.ac.at

Rückfragen:

Mag. Gabriele Pfeifer
Leitung Public Relations  und Kommunikation
Universität Salzburg
Kapitelgasse 4-6, 5020 Salzburg
Tel: 0043/(0)662-8044-2435
mobil: 0664-8482340
gabriele.pfeifer@sbg.ac.at
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