Politik & Wirtschaft

Peter J. Mirski (l.) und Dietmar Kilian © MCI
Peter J. Mirski (l.) und Dietmar Kilian © MCI

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"Der Mensch als Mittelpunkt unserer neuen Arbeitswelt"

09.08.2017

Dietmar Kilian und Peter J. Mirski, Management Center Innsbruck

Matching-Algorithmen, die Lernrouten vorschlagen; digitale Personalakten, mit denen wir die Fähigkeiten von Mitarbeitern analysieren und HR-Abteilungen in zahlreichen Prozessen unterstützen; passgenaue Weiterbildung, die Menschen in die neuen Jobs der Digitalisierung bringt - das sind die Chancen, die uns der technologische Wandel bietet. Wir müssen sie nur ergreifen.

Mensch und Maschine arbeiten heutzutage enger zusammen denn je und die Anforderungen an Mitarbeiter verändern sich. Fast jeder Beruf erfordert mittlerweile Kenntnisse über technische Anwendungen, und das nicht nur in der Produktion, sondern auch in der Gewerbe- und Dienstleistungsbranche sowie im Umfeld der Wissenschaft, Biologie oder Medizin. Ohne IT-gestützte Systeme geht es nicht mehr.

Die Aus- und Weiterbildung nimmt eine zentrale Rolle in diesem Szenario ein. Das "alte" Wissen eines Mitarbeiters, sprich das Fach- und Branchenwissen, sollte nicht verloren gehen. Zugleich erfordern die meisten Jobprofile mittlerweile Wissen über digitale Zusammenhänge und die Fähigkeit, integriert denken zu können und Schnittstellen zu bedienen. Das stellt Geschäftsführer, Personaler und Abteilungsleiter vor ganz neue Herausforderungen.

Big Data im Personalbereich

In vielen Fällen fehlt das explizite Wissen über die eigenen Mitarbeiter im Unternehmen völlig. Welche Qualifikationen gibt es bereits in meinen Teams? Wie kann ich diese am effizientesten einsetzen? Welche verborgenen Talente gibt es in unserer Organisation? Gängige Personaldokumente liegen meist nur in Papierform und nicht in aktualisierter Form vor, ungenutzt in den Schränken der Personalbüros. Deshalb sollten Unternehmen zunächst ihre Personalakten digitalisieren, anschließend um wesentliche Fakten erweitern und dann die Daten auswerten, um Maßnahmen daraus ableiten zu können. Laut einer kürzlich veröffentlichte Studie im "e-Journal of Practical Business Research" bestätigten 48 Prozent der Unternehmen, an der Visualisierung ihrer Personalakten zu arbeiten . Die Überführung des Altbestandes in digitale Speichermedien betrachteten sie als größte Herausforderung. Dabei gibt es Lösungen, die diesen Übertrag in kürzester Zeit bewerkstelligen können, selbst bei großen Datenbeständen.

Datenanalysen im Personalbereich gehören heutzutage zu den entscheidenden Ressourcen, die Unternehmen nützen können, um Wettbewerbsvorteile zu generieren. Auch um die dabei zu berücksichtigenden Compliance-Anforderungen zu erfüllen, gibt es mittlerweile Software, die entsprechend zertifiziert ist und den Schutz der Personaldaten garantiert. Mit einer "digitalen Personalakte" eröffnen sich für HR-Abteilungen ganz neue Möglichkeiten: Routinetätigkeiten sind automatisiert, Weiterbildungsprogramme können an die Kenntnisse einzelner Mitarbeiter angepasst und entsprechend der Unternehmensstrategie entwickelt werden, unterstützende Digitalisierungs-Trainings sind dann unternehmensweit umsetzbar.

Algorithmen und SKill Matching

In Forschungsprojekten werden mittlerweile Matching-Algorithmen entwickelt, die auf Basis von Mitarbeiterprofilen passende Trainings vorschlagen. So können Mitarbeiter ihre Karriere- bzw. Lernrouten gemeinsam mit dem oder der Vorgesetzten langfristig planen. Auch geringer qualifizierte Berufsgruppen, deren Tätigkeiten der Automatisierung zum Opfer fallen, können leichter als zuvor umgeschult werden. So bleibt das "alte" Wissen bestehen und Arbeitskräfte widmen sich Aufgaben mit neuen, komplexeren Anforderungen. Die Politik hat die Brisanz des Themas verstanden und finanziert vermehrt Forschungsprojekte in diesem Bereich - etwa auf EU-Ebene mit Projekten wie dem Kompetenz-Framework ESCO und dem Skill Matching Tool OPENSKIMR, das vom Management Center Innsbruck (MCI) gemeinsam mit Beratungsunternehmen umgesetzt wird.

Online-Lernplattformen und e-Learnings

Es ist zweifellos eine große Herausforderung, die Digitalisierung in unsere Gesellschaft und Arbeitswelt zu integrieren, aber ohne Arbeit, die von Menschen verrichtet wird, wird es auch in Zukunft nicht gehen. Wir erhalten, oder gestalten - wie nach jedem großen Technologiesprung - neue Rollen, Aufgaben und geben unserem Wirtschaften adaptierte Zielvorgaben.

Doch der entstehende Fachkräftemangel ist bereits jetzt real, und es wird für Firmen immer schwieriger, die Talente zu finden und zu entwickeln, die den neuen Anforderungen gewachsen sind. Zudem haben viele Unternehmen die Übersicht und das Verständnis für Ausbildung verloren. Insbesondere der Mittelstand hat kaum Ressourcen, um die Informationsfülle über Ausbildungen entsprechend zu interpretieren und für Wachstum und Innovation zu nützen. Eine Studie der PbEB zeigt auf, dass 90 Prozent der 500 befragten Unternehmen in Österreich einen Bildungsbedarf bei digitalen Kompetenzen sehen, aber nur 9 Prozent schätzen sich als sehr gut vorbereitet auf die Anforderungen der Digitalisierung ein .

Großunternehmen wie SAP haben sich der Problematik angenommen und 2013 in Zusammenarbeit mit der Industrie und mit Unterstützung der deutschen Bundesregierung eine Lernplattform ins Leben gerufen. Dort können sich Mitarbeiter, Studierende und Absolventen in Themen der Digitalisierung weiterbilden, indem sie praxisorientierte, zumeist kostenlose Kurse von Firmen und Universitäten weltweit besuchen. Um die Brücke zu den neuen Jobanforderungen zu schlagen, bietet die mittlerweile gemeinnützige Plattform Academy Cube Curricula zu Themen wie Cyber Security, Web Development und Big Data an.

Der Mensch im Mittelpunkt

Wer sich nicht jetzt intensiv mit den Konsequenzen unserer neuen Arbeitswelt beschäftigt und Maßnahmen in die Wege leitet, wird womöglich auf der Strecke bleiben. Unternehmen müssen Angebote für Weiterentwicklung und Bildung in ihre Geschäftsstrategie integrieren. Nur so sind neue Arbeitsmodelle und die Flexibilisierung der Arbeitszeit mit etwa 4-Tage-Wochen bei 40 Stunden, wie erst kürzlich medial diskutiert, ohne Schaden umsetzbar.

Die OECD prognostizierte kürzlich eine Polarisierung auf dem Arbeitsmarkt und ein Wegbrechen ganzer Berufsgruppen mit mittlerer Qualifikation. Die Zukunft der Arbeit bleibt ohne Frage eine Herausforderung. Dennoch bietet uns der technologische Wandel die Möglichkeiten, die Qualität der Arbeit zu erhöhen und den Menschen mit gezielten Weiterbildungen in den Mittelpunkt zu stellen. Fangen wir am besten rasch damit an.

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