Dossier

Franz Viehböck, der erste und bis heute einzige Österreicher im All © Lunghammer / TU Graz
4
Dossier

25 Jahre AustroMir: Von Mozartkugeln und Ionenkanonen

Dossier

29.09.2016
  • Graz (TU GRAZ) - Mit Franz Viehböck hob vor 25 Jahren der erste und bislang einzige Österreicher in den Weltraum ab. Forscher der TU Graz leisteten Pionierarbeit in der außerirdischen Materialanalyse und ermöglichten erstmals die vernetzte Kommunikation mehrerer Orte auf der Erde und im All.

  • Freitag, 4. Oktober 1991: Die Wiener Philharmoniker spielen den Donauwalzer von Johann Strauß, als Franz Viehböck in die sowjetische Raumstation "MIR" einschwebt. Bei seiner Ankunft hatte Franz Viehböck nicht nur eine rot-weiß-rote Fahne, Mozartpartituren und österreichische Spezialitäten zur Freude der anderen Kosmonauten auf der MIR mit im Gepäck, sondern vor allem Geräte für 15 wissenschaftliche Experimente. Daran beteiligt waren Forschungsgruppen mehrerer österreichischer Universitäten und Institutionen, etwa Joanneum Research, die TU Graz, das Institut für Weltraumforschung, das damalige Forschungszentrum Seibersdorf, die Universitäten Graz, Innsbruck und Wien, aber auch mehrere Firmen.

  • Ein Schwerpunkt lag auf medizinischen Experimenten und den Auswirkungen des Weltalls auf den menschlichen Körper. Das Projekt "Motomir" etwa untersuchte mittels eines speziellen Ergometers die Funktionsweise der Arm- und Beinmuskulatur in der Schwerelosigkeit, in "Audimir" ging es um die Frage, wie genau Raumfahrer Schallquellen lokalisieren können, in "Optovert" wurde Franz Viehböck mit einer Spezialmaske optischen Reizen ausgesetzt, um die Ursache der Raumkrankheit zu erforschen. "Cogimir" untersuchte die Hirnleistung bei psychischer und physischer Belastung während des Raumflugs. Für "Bodyfluids" und die Frage "Wie reagiert der Mensch auf akute Kreislaufreize im schwerelosen Zustand" musste sich Franz Viehböck sogar selbst Blut abnehmen.

  • MIGMAS: die Materialanalysestation fürs All

  • Neben den neun medizinischen Experimenten standen auch physikalische Experimente am Programm - hier war unter anderem das Team der TU Graz stark gefragt. "MIGMAS" hieß das Experiment, das besonders Robert Finsterbusch vom heutigen Institut für Kommunikationsnetze und Satellitenkommunikation forderte. Es galt, eine neuartige und vor allem weltraumtaugliche Materialanalysestation zu entwickeln.

  • Robert Finsterbusch erklärt: "Mikrometeoriteneinschläge, Eigenatmosphäre einer Raumstation und Weltraumstrahlung führen zu veränderten physikalischen, elektrischen und mechanischen Eigenschaften von Materialien. Es war damals fast nicht möglich und ist auch heute noch sehr teuer, Materialproben aus dem All unbeschadet und kontaminationsfrei zurück auf die Erde zu bringen. Oft sind außerdem Materialanalysen direkt vor Ort in der Raumstation nötig, beispielsweise um den Zustand der Außenhaut eines Raumschiffes zu beurteilen. Wir mussten also eine leichte, robuste, zuverlässige und einfach bedienbare Materialanalysestation für die chemische Diagnose der durch die Weltraumkorrosion hervorgerufenen Materialveränderungen entwickeln - keine leichte Aufgabe, aber wir haben das ganz gut hinbekommen". Das Ionenmikroskop MIGMAS erfüllte alle Anforderungen und funktioniert wie folgt: Ein fokussierter Ionenstrahl trifft die Probenoberfläche und rastert diese ab. Mit der Messung des Ionenstromes ist ein zweidimensionales Abbild der Verteilung bestimmter Elemente in der Probe möglich. Das Team rund um Robert Finsterbusch war für die gesamte Kontroll- und Steuerungselektronik mit Datenerfassung und Bildgebung zuständig, das Team vom Forschungszentrum Seibersdorf für den Ionenemitter und die Ionenoptik. "Wir haben gezeigt, dass ein so komplexes Präzisionsinstrument wie ein Ionenmikroskop unbeschädigt in die Umlaufbahn gebracht werden kann und dort einwandfrei funktioniert. Franz Viehböck hatte keinerlei Schwierigkeiten mit der Bedienung von MIGMAS.", sagt Robert Finsterbusch.

  • Im den Folgejahren nach AustroMir wurden weitere regelmäßige Experimenteinschaltungen der Apparatur MIGMAS durch russische Kosmonauten durchgeführt. Außerdem war die Apparatur bei den ESA-Missionen EUROMIR-94 und EUROMIT-95 im Einsatz. Ein Nachfolgemodelle von MIGMAS mit einem Massenspektrometer wurde für die damals geplante MIR 2 Weltraumstation entwickelt, gebaut und den russischen Partnern übergeben.

  • Russisches Vertrauen

  • Mit der Rückkehr Viehböcks zur Erde am 10. Oktober war die Zusammenarbeit Finsterbuschs mit der Raumstation Mir noch nicht zu Ende: MIGMAS wurde bis Juli 1992 insgesamt fünfmal an Bord aktiviert, und es mussten sogar Ersatzteile zur Raumstation gebracht werden. Dazu erinnert sich Finsterbusch: "Im Elektronikblock vom MIGMAS waren auch Hochspannungsmodule untergebracht. Eines davon musste ausgetauscht werden. Was heute unvorstellbar ist, war damals aufgrund der extrem vertrauensvollen Zusammenarbeit mit dem russischen Team fast selbstverständlich: Ein Kollege aus Russland kam nach Graz, hat sich das Ersatzmodul angesehen und sich von dessen Funktionstüchtigkeit überzeugt, das Teil eingesteckt und es ohne weitere Tests und Untersuchungen zur Mir geschickt."

  • Grazer Technologie ermöglicht Verbindung ins All

  • Finsterbusch ist nicht der einzige an der TU Graz mit lebhaften Erinnerungen an AustroMir: Otto Koudelka, "Vater" des ersten österreichischen Satelliten im All TUGSAT-1, war damals für das Teilprojekt VIDEOMIR zuständig, das erstmals die vernetzte Video-, Ton- und Datenübertragung mehrerer Standorte auf der Erde und im All ermöglichte und damit sozusagen ein Vorläufer von Skype war. VIDEOMIR ermöglichte es, die Pressezentren in Graz und Wien via Satellit mit der Raumstation Mir zu verbinden. So konnte sich der damalige österreichische Bundespräsidenten Kurt Waldheim in einem Live-Gespräch mit Franz Viehböck davon überzeugen, dass dieser sicher in der Raumstation angekommen ist. mit dem österreichischen Bundespräsidenten Dr. Kurt Waldheim auf dem Programm. VIDEOMIR war auch wesentlich für das Kunstprojekt "artsat" des bekannten Grazer Medienkünstlers Richard Kriesche. "Alleine dieses Teilprojekt von AustroMir war wahnsinnig aufwändig. Insgesamt ist der Zeitdruck der Mission mit der extrem kurzen Vorbereitungszeit von zweieinhalb Jahre, auch heute noch bemerkenswert", unterstreicht Koudelka. VIDEOMIR hatte nachhaltige Wirkung. Für die 1992 durchgeführte deutsche MIR-92-Mission wurde es im Auftrag der deutschen Weltraumagentur wieder eingesetzt. Für die ESA-Missionen MIR-94 und -95 wurde VIDEOMIR sogar das primäre Kommunikationsinstrument zwischen den ESA-Zentren und dem Flugleitzentrum nahe Moskau. Bis zu 25 Satellitenstationen waren in Europa mit eingebunden.

  • Mozartkugeln in Moskau

  • Er war rund um den Start vier Wochen in Moskau, und erinnert sich neben all der Arbeit auch an die vielen freudigen Stunden und eine Überdosis Mozartkugeln: Franz Viehböck hatte eine Schachtel mit allerhand österreichischen Leckereien dabei, von Hornig-Kaffee über PEZ-Zuckerl bis zu Wiener Reisfleisch in der Dose. Besonders gefreut hat sich wohl die Firma Mirabell über die Fernsehbilder ihrer schwerelosen Mozartkugeln. "Prompt haben sie uns tausend Mozartkugeln nach Moskau geschickt, mehr als man in einem Menschenleben verspeisen könnte", schmunzelt Otto Koudelka.

  • "Weltraumprofessor" Willibald Riedler

  • Willi Boskovsky, der langjährige Konzertmeister der Wiener Philharmoniker, wäre bestimmt ganz besonders stolz auf seinen Neffen gewesen. Nein, nicht auf Franz Viehböck. Auf Willibald Riedler. Auf den Mann, der die wissenschaftliche Gesamtverantwortung für die österreichisch-sowjetischen Mission hatte und sich damit die Bezeichnung "Weltraumpapst" eingehandelt hat. Ein Beiname, den er übrigens gar nicht gern hört. Lieber ist ihm "Weltraumprofessor". Der Nachrichtentechniker ist bis heute untrennbar mit der österreichischen Weltraumforschung verbunden. Willibald Riedler war in den 1970ern Rektor der TU Graz, außerdem Direktor des Instituts für Weltraumforschung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, Leiter des Instituts für Angewandte Systemtechnik von Joanneum Research - und Mentor und Inspiration für viele Nachwuchsforscherinnen und -forscher.

  • Nähere Informationen zu AustroMir und den einzelnen Experimenten: www.austromir.at

  • Nähere Informationen zu vergangenen und aktuellen Weltraumforschungsprojekten der TU Graz: https://www.tugraz.at/tu-graz/services/news-stories/planet-research/einzelansicht/article/zwischen-den-himmelskoerpern-die-tu-graz-im-weltraum/

  • Bildmaterial bei Nennung der angeführten Quellen honorarfrei verfügbar unter http://bit.ly/2cBLI85

  • Kontakt:

    Robert FINSTERBUSCH
    Dipl.Ing. 
    Institut für Kommunikationsnetze und Satellitenkommunikation
    Inffeldgasse 12, 8010 Graz
    Tel.: +43 316 873 7458
    E-Mail: mailto:robert.finsterbusch@tugraz.at
    
    Otto KOUDELKA
    Univ.-Prof. Dipl.-Ing. Dr.techn.
    Institut für Kommunikationsnetze und Satellitenkommunikation
    Inffeldgasse 12, 8010 Graz
    Tel.: +43 316 873 7440
    E-Mail: mailto:koudelka@tugraz.at
    
    Medienservice / Media Relations
    Technische Universität Graz / Graz University of Technology
    Kommunikation und Marketing/ Communications and Marketing
    Rechbauerstraße 12
    8010 Graz
    Tel.:  + 43 316 873 6066/6006
    Mobil: + 43 664 60 873 6066/6006
    Fax:  +43 (0) 316 873 6008
    E-Mail  mailto:medieninfo@tugraz.at

Dossier

Am 2. Oktober 1991 war es so weit: Mit dem Kommando "Sashiganije" (Zünden) hob exakt um 6.59 Uhr MEZ Sojus-TM 13 mit dem Österreicher Franz Viehböck von der Rampe des ...

Gastkommentare

"Austromir - Reise in die Sowjet-Vergangenheit"
von Wolfgang Wagner
APA-Wissenschaftsredakteur und leitender Redakteur in der APA-Chronikredaktion
"Draußen ist drinnen. Indoor leben am Mond"
von Von Barbara Imhof und Rene Waclavicek
LIQUIFER Systems Group
"Weltraumtechnologien prägen unseren Alltag"
von Klaus Pseiner
Geschäftsführer der FFG und Vizevorsitzender des ESA-Rats

Hintergrundmeldungen

Franz Viehböck (l.), Jörg Leichtfried (m.) und der ehemalige Kosmonaut Alexei Archipowitsch Leonow (r.) © APA (Hochmuth)

Raumfahrer wollen Jugendlichen Lust aufs Erkunden machen

In Wien hat am Montag der 29. Planetary Congress des Internationalen ...
Heimische Analogforscher testen ein Notzelt in der nördlichen Sahara © APA/ÖWF/Katja Zanella-Kux

Üben fürs All - Österreich als kleine Analogforschungs-Großmacht

Der Fantasie und dem Erfindungsreichtum von Forschern sind ja bekanntlich kaum ...
Sieger der letzten Aufnahmerunde (v.l.): Luca Parmitano, Alexander Gerst, Andreas Mogensen, Samantha Cristoforetti, Timothy Peake und Thomas Pesquet © APA (AFP)

Astronautentraining: Der lange Weg ins All

Wer sorgt eigentlich für den Astronautennachwuchs in Europa? Zuständig dafür ...
Bakterielle Sporen auf Raumfahrt-relevanten Oberflächen © Christine Moissl-Eichinger

Med-Uni Graz im Netzwerk zur Erforschung von Leben auf Planeten

Mikroorganismen können Kälte, Hitze oder auch Trockenheit überleben - ...
"Audi lunar quattro" soll von Cape Canaveral starten © APA/PTS/Alex Adler

Österreicher wollen mit erstem privaten Fahrzeug auf den Mond

"Zuerst wurden wir als verrückte Jungs aus der Garage betrachtet", mittlerweile ...
Viehböck ist heute Geschäftsführer bei "Berndorf Band" © APA (Jäger)

Austromir - Franz Viehböck: Viel gelernt und mit der "Szene" verbunden

Mit dem sowjetischen Kosmonauten Alexander Wolkow und dem Kasachen Tachtar ...
Riedler (li.) auf einem Archivbild von 2007 © APA (Leodolter)

Austromir - Riedler: "Die Angst ist ein ständiger Begleiter"

Österreichs "Weltraumpapst" Willibald Riedler (84) war der wissenschaftlicher ...
Viehböck nach der Landung am 10. Oktober 1991 in Kasachstan © APA (Wagner)

Austromir - Die Chronologie eines Weltraumabenteuers

Schon lange her, aber bisher nicht wiederholt: Vor 25 Jahren - am 10. Oktober ...
Brennpunkt heimischer Wissenschaft im All © APA (NASA)

Austromir - 15 Experimente in der Mir-Raumstation

Der erste Flug eines Österreichers - von Franz Viehböck - ins All im Rahmen der ...
Transport der Sojus TM13-Rakete zur Startrampe in Baikonur © APA (Jäger)

Austromir - 100 Astronauten und Memorabilien zum 25-Jahr-Jubiläum

Vor 25 Jahren flog Franz Viehböck als erster Österreicher im Rahmen des ...

Mehr zum Thema