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Universitäten laut Androsch "chronisch unterdotiert" © APA (Fohringer)
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Androsch: "Bildung und Forschung stärker in den Fokus rücken"

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22.08.2017
  • Wien/Alpbach (APA-Science) - Mit dem Sammelband "Zukunft und Aufgaben der Hochschulen" will der Rat für Forschung und Technologieentwicklung (RFT) Wege für Universitäten aufzeigen, zukünftigen Herausforderungen zu begegnen. Für RFT-Vorsitzenden Hannes Androsch gilt es vor allem, sich auf das atemberaubende Tempo des digitalen Zeitalters einzustellen, wie er gegenüber APA-Science erklärte.

  • APA-Science: Was waren Hintergrund und Motivation für diesen Sammelband?

  • Androsch: In den zurückliegenden 1.000 Jahren waren die Universitäten die wichtigsten Bildungseinrichtungen mit Aufgaben wie der Auffindung des Wissens, der Erlangung neuer Kenntnisse oder auch deren Verbreitung. Diese wichtige Rolle trug bei zur Entwicklung der europäischen Gesellschaften und der heute bekannten Zivilisation. Inzwischen hat sich das Modell der europäischen Universitäten über den ganzen Planeten verbreitet. Wir stehen gegenwärtig vor großen Veränderungen. Das Industriezeitalter wird in atemberaubendem Tempo durch das digitale Zeitalter abgelöst. Das ist eine Folge der entstehenden Cyberwelt durch Internet, Big Data, künstliche Intelligenz, Machine Learning und Roboterisierung.

  • Dieser Umbruch stellt für alle unsere Gesellschaften eine große Herausforderung dar. Sie zu bewältigen bedeutet, dass sich die tertiären Bildungseinrichtungen auf diese Aufgabe in allen Wissensbereichen verbunden mit der daraus entstehenden interdisziplinären Zusammenarbeit einstellen müssen. Mit der vorliegenden Publikation "Zukunft und Aufgaben der Hochschulen" unterbreiten eine Reihe hochrangiger Expertinnen und Experten aus unterschiedlichen Bildungs- und Wissenschaftsbereichen Vorschläge, in welcher Weise die Hochschulentwicklung den nationalen und internationalen Trends entsprechen soll.

  • APA-Science: Gibt es darin eine zentrale bzw. besonders wichtige Aussage, die Sie hervorheben würden?

  • Androsch: Bildung und Forschung müssen stärker in den Fokus der politischen und gesellschaftlichen Diskussion rücken. Nur dann können Lehre und Forschung in ausreichender Qualität betrieben werden. Wie der Rat in seinen letzten Empfehlungen hervorgehoben hat, sind die Universitäten aber chronisch unterdotiert. Das Ziel für 2020, die Hochschulquote auf zwei Prozent zu steigern, wird nicht erreicht werden. Es fehlt an einem durchgängigen kapazitätsorientierten Hochschulzugang und kompetitiven Budgets für die österreichischen Hochschulen. Auch über eine studierendenbezogene Universitätsfinanzierung wird schon seit mehr als zehn Jahren diskutiert.

  • APA-Science: Was sind Ihrer Meinung nach die drei größten Herausforderungen für österreichische Hochschulen in den nächsten fünf bis zehn Jahren?

  • Androsch: Zuerst müssen wir das österreichische Hochschulsystem so attraktiv gestalten, dass internationale Spitzenforscherinnen und -forscher gerne nach Österreich kommen. Dazu braucht es eine durchdachte Internationalisierungsstrategie, gekoppelt mit besseren Karriereoptionen und Arbeitsbedingungen für das akademische Personal.

  • Sehr wichtig ist darüber hinaus der rasche Ausbau einer modernen digitalen Infrastruktur, um die Voraussetzungen für die Nutzung der Chancen der Digitalisierung zu schaffen.

  • Und nicht zuletzt müssen die Angebote der Hochschulen an den Bedürfnissen der Gesellschaft orientiert werden. Die Anforderungen des lebenslangen Lernens, der rasche Wechsel von Disziplinen und die Bereitstellung der richtigen Skills in der Ausbildung sind Voraussetzungen, um die Absolventinnen und Absolventen auf die dynamische Arbeitswelt vorzubereiten.

  • APA-Science: Wie gut sind die Hochschulen allgemein für die Zukunft aufgestellt?

  • Androsch: Das österreichische Hochschulsystem hat sich in den letzten Jahren verändert. Unsere Herausforderung ist die Geschwindigkeit der Veränderung. Diese ist nicht ausreichend, um mit den führenden Wissens- und Innovationsregionen mithalten zu können. Damit fällt das Fazit vorsichtig optimistisch aus. Wir haben eine gute Basis für eine positive zukünftige Entwicklung. Wenn sich aber die Geschwindigkeit der Veränderung nicht verbessern lässt, verpassen wir die Zukunft.

  • APA-Science: Wie beurteilen Sie das Abschneiden der heimischen Unis in internationalen Rankings? Was müsste geschehen, um hier Verbesserungen zu erzielen?

  • Androsch: Die heimischen Universitäten schneiden in internationalen Rankings durchwegs schlecht ab. Das gängige Gegenargument, dass hier falsche Indikatoren gemessen würden, hält nicht mehr, wenn man mehrere der Rankings gegenüberstellt. Wenn in einem der reichsten Länder der Erde nur eine Universität in den besten zweihundert aufscheint, ist das zu wenig. Insbesondere auch weil sich die Bedeutung von Hochschulrankings in den letzten Jahren verstärkt hat. Besonders in ihrer internationalen Reichweite und Wirkung auf potenzielle Forscherinnen und Forscher und auch Studierende sind sie nicht zu vernachlässigen. Die Strategie zur Verbesserung ist klar: eine entsprechende Dotierung mit einer gleichzeitigen Veränderung der Kapazitätsplanung bringt ausreichende Qualitätsverbesserungen. Eine Erhöhung der Dotierung ohne die begleitenden Maßnahmen kann dagegen durch den Ausbau der Komfortzone sogar negativ wirken.

  • APA-Science: Wie sieht die ideale Hochschule der Zukunft aus - in einem Satz beschrieben?

  • Androsch: Die ideale Hochschule orientiert sich ausschließlich an den Bedürfnissen der Studierenden und den besten Rahmenbedingungen für international kompetitive Forschung.

  • Die Fragen stellte Mario Wasserfaller / APA-Science

  • Service: "Zukunft und Aufgaben der Hochschulen: Digitalisierung - Internationalisierung - Differenzierung"; Hrsg.: Rat für Forschung und Technologieentwicklung, LIT Verlag, 448 Seiten. (erhältlich ab 23.8.)

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