Gastkommentar

Johann Čas © ITA
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Dossier

"Arbeit 4.0 oder 0.4 - Eine Frage der Verteilung"

Gastkommentar

03.08.2017
  • Wien (Gastkommentar) - Industrie 4.0 oder Arbeit 4.0, egal wie man zu diesen Begriffen steht, wird einem durch die Verwendung von Versionsnummern deutlich vor Augen geführt, dass die Digitalisierung nicht länger auf bestimmte Branchen oder Tätigkeiten beschränkt ist, sondern die Wirtschaft insgesamt durchdringt. Umso erstaunlicher erscheint aber angesichts des rasanten Fortschritts, wie langsam oder wie wenig sich das gesellschaftliche Bewusstsein oder die politische Praxis anpasst, wie wenig getan wird, um die Vorteile der Digitalisierung so gut wie möglich zu nutzen und diesen Nutzen effizient und gerecht zu verteilen. Während einerseits die zweifelsohne vorhandenen Rationalisierungspotenziale hervorgehoben werden, werden andererseits die damit verbundenen Folgen für den Arbeitsmarkt oft klein geredet.

  • Es mag sein, dass gerade die große Bandbreite der prognostizierten Einsparungspotenziale ihren Teil zu der beobachtbaren Passivität beiträgt. Sie reicht von Zahlen jenseits der 50 Prozent bis zu Werten um die zehn Prozent, selbst in den moderatesten Studien. Die prognostizierten Zahlen von rund 50 Prozent an von Automatisierung betroffenen Arbeitsplätzen haben zu wissenschaftlichen Debatten und Studien geführt, deren Ergebnisse wesentlich weniger dramatisch ausfallen, insgesamt aber die Unsicherheit über die Folgen der Digitalisierung erhöhen. Insgesamt deuten die extremen Unterschiede zwischen berufs- und tätigkeitsbezogenen Einschätzungen der Automatisierungspotenziale - für die erste Kategorie werden bis zu fünfmal so hohe Werte geschätzt bzw. errechnet - auf systematische Über- bzw. Unterschätzungen hin. Jedenfalls sind all diese Zahlen, je nach dem gewählten Ansatz und je nach Methode stark variierende Schätzungen für erreichbare Einsparungspotenziale. Erstaunlich ist aber, dass nicht versucht wird, diese durch den technischen Fortschritt gebotenen Potenziale so weit als möglich zu nutzen, und die Folgewirkungen angemessen zu verteilen. Es scheint so, als ob Arbeit 0.4 - damit sind anhaltende hohe Arbeitslosigkeit und zunehmend prekäre Arbeitsverhältnisse gemeint - hingenommen werden, ohne an die sozialen und wirtschaftlichen, aber auch politischen Kosten zu denken.

  • Gravierende Veränderungen der Arbeitswelt

  • Der technische Fortschritt in Form von Digitalisierung verändert die Arbeitswelt in fundamentaler Weise. Es können zunehmend komplexere Tätigkeiten, die weit über traditionelle Bilder von schneller, aber monotoner Roboterarbeit in Industrieanlagen hinausgehen, automatisiert werden. Informationen können nicht nur aufbereitet und computerunterstützt analysiert werden, selbstlernende Systeme versprechen, schnellere und bessere Entscheidungen als Menschen treffen zu können. Die Digitalisierung verändert aber auch die Arbeitswelt für (noch) nicht automatisierte Aktivitäten oder Berufe. Crowdworking-Plattformen hebeln arbeitsrechtliche Bestimmungen aus und drücken die Löhne durch globale Konkurrenz. Assistenzsysteme ermöglichen nicht nur Unterstützung, sondern auch minutiöse Kontrolle der Arbeit. All diese Faktoren ermöglichen es, Produkte oder Dienstleistungen effizienter und mit weniger menschlicher Arbeit bereitzustellen. Natürlich benötigen die Investitionen in Digitalisierung auch Arbeit, und ebenso natürlich werden neue Produkte oder Dienstleistungen entstehen. Der direkte Effekt auf die nachgefragte Arbeit ist aber notwendigerweise negativ, Unternehmen werden nur in Automatisierung investieren, wenn damit Kostenvorteile verbunden sind. Und ebenso werden die möglichen innovativen Produkte nur dann die Beschäftigungsverluste kompensieren können, wenn sie auch in entsprechendem Umfang nachgefragt werden.

  • Das Argument, dass Produkt- und Dienstleistungsinnovationen in der Vergangenheit längerfristig die Effekte von technischem Fortschritt und Rationalisierung mehr als kompensiert haben, ist nur bedingt auf die Gegenwart übertragbar. Natürlich werden auch in Zukunft neue Märkte entstehen, mit denen zusätzliche Arbeitsplätze verbunden sind. In diesem Sinn besitzen die geschätzten Rationalisierungspotenziale wenig Prognosekraft für die zu erwartenden Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt. Daraus den Schluss zu ziehen, dass aufgrund der neuen Rationalisierungspotenziale kein dringender wirtschafts- und sozialpolitischer Handlungsbedarf bestünde, ist aber nicht zulässig. Der Verweis auf (mangelnde) historische Evidenz ist mehrfach brüchig, bei diesen Vergleichen wird zumindest implizit auf Wachstumsperioden im vorigen Jahrhundert hingewiesen, die durch höhere Wachstumsraten, einem niedrigen Ausgangspotenzial an Arbeitslosigkeit und einer weniger schiefen Verteilung der Einkommen gekennzeichnet waren. Zudem waren auch in der Vergangenheit immer wieder längere Perioden hoher Arbeitslosigkeit mit teilweise fatalen politischen Konsequenzen zu beobachten.

  • Zentraler Aspekt der Verteilung von Arbeit und Einkommen bleibt ausgeklammert

  • Wenn man die Vorteile der Digitalisierung wie Produktivitätssteigerungen oder Entlastung von monotonen Tätigkeiten möglichst gut nutzen möchte, ist die Lösung der Verteilungsfrage aus mehreren Gründen von zentraler Bedeutung. Erstens ist die gegenwärtige Form der "Arbeitszeitverkürzung in Form von Arbeitslosigkeit" ineffizient und ungerecht. Zweitens bringt die hohe Arbeitslosigkeit berechtigte Ängste der Bevölkerung vor zukünftiger Automatisierung und entsprechende Akzeptanzprobleme mit sich. Drittes schafft eine ausgeglichenere Einkommensverteilung Voraussetzungen für mehr Wachstum, und viertens bietet eine Verknappung und Verteuerung des Faktors Arbeit Anreize, verstärkt in die Digitalisierung zu investieren.

  • Angesichts der generellen Beschleunigung von vielen Wirtschaftsprozessen gerade durch die Digitalisierung wird das Ausbleiben von entsprechenden Reaktionen auf Arbeitsmärkten umso unverständlicher. Während im digitalen Zeitalter auf Finanzmärkten in Sekundenbruchteilen auf kleinste Veränderungen reagiert wird, scheinen die Regelarbeitszeiten in Stein gemeißelt zu sein. Auch zehn Jahre nach Ausbruch der Krise beträgt die durchschnittliche Arbeitslosigkeit in der Europäischen Union immer noch etwa zehn Prozent, mit teilweise dramatisch höheren Ziffern in einzelnen Ländern oder Segmenten, insbesondere auch bei der Jugend. Natürlich sollte der Arbeitsmarkt nicht, wie es teilweise bei über Crowdworking vermittelten Tätigkeiten passiert, dem freien Spiel von Angebot und Nachfrage überlassen werden, über Jahre hinweg bestehende Ungleichgewichte sollten aber jedenfalls aufgelöst werden.

  • Längerfristig hohe Arbeitslosigkeit hat eine Reihe von negativen Folgen. Abgesehen von teilweise katastrophalen individuellen Wirkungen, die von verwirkten Zukunftschancen für Jugendliche bis zu Altersarmut reichen können, mit entsprechenden negativen Auswirkungen auf den sozialen Zusammenhalt und die politische Stabilität, bringt sie Verzerrungen in der Einkommensverteilung mit sich, welche die wirtschaftliche Entwicklung beeinträchtigen. Offensichtlich ist, dass einerseits Arbeitslose weder zum Wohlstand beitragen noch an ihm partizipieren können, während andererseits bei Beschäftigten stressbedingte Produktivitätseinbußen beklagt werden.

  • Durch den permanenten Druck auf das Lohnniveau verschiebt sich die Einkommensverteilung in Richtung Gewinneinkommen zulasten von Lohneinkommen. Diese Entwicklung dämpft nicht nur das Wachstum insgesamt, sie belastet auch die Staatshaushalte. Österreich wird zwar hinsichtlich der Einkommensverteilung ein gutes Zeugnis ausgestellt, diese wird aber erst über Umverteilung durch das Sozialsystem erreicht. Um dieses gute Niveau in Österreich nachhaltig erhalten und verbessern zu können, wäre es sicher effizienter, die Primärverteilung durch weniger Arbeitslosigkeit und höhere Löhne zu verbessern.

  • Bessere Wettbewerbsfähigkeit durch Arbeitszeitverkürzung

  • Die Wettbewerbsfähigkeit lässt sich durch eine Reihe von Maßnahmen beeinflussen. Dazu gehören etwa Instrumente, die auf die qualitative Komponente abzielen, wie etwa die Förderung von Innovationen oder Investitionen in die Aus- und Weiterbildung. Als zentraler Faktor bleiben aber die Kosten eine entscheidende Größe, welche über (sinkende) Lohnkosten oder (gesteigerte) Rationalisierung der Produktion von materiellen und immateriellen Gütern verringert werden können. Langfristig führt der Weg über sinkende Löhne in eine Abwärtsspirale. Zur dauerhaften Sicherung von sozialer Sicherheit und Wohlstand ist eine weitgehende Nutzung der durch die Technik gebotenen Innovations- und Rationalisierungspotenziale unumgänglich. Es wäre an der Zeit, sich konkret mit Konzepten zu beschäftigen, durch eine generelle Arbeitszeitverkürzung den Faktor Arbeit angebotsseitig einzuschränken und der Wirtschaft damit Anreize zu verstärkten Rationalisierungsmaßnahmen zu bieten. Solange Arbeitszeitverkürzungen weiterhin in Form von unfreiwilliger Arbeitslosigkeit erfolgen, wird sich weder der Druck auf das Lohnniveau verringern, noch werden Automatisierungs- und Rationalisierungsmaßnahmen auf die notwendige Akzeptanz stoßen.

Zur Person

Johann Čas, Institut für Technikfolgen-Abschätzung der ÖAW

Johann Čas ist seit 1988 Technikfolgenabschätzer und damit einer der ersten wissenschaftlichen Mitarbeiter des Instituts für Technikfolgen-Abschätzung der ÖAW. Er hat sich in seinen Forschungsarbeiten mit zahlreichen Aspekten der Informationsgesellschaft und gesellschaftlichen Folgen von Informations- und Kommunikationstechnologien auseinandergesetzt. Vergangene Forschungsschwerpunkte umfassen u.a. technologische Entwicklungsprogramme, Auswirkungen auf die Beschäftigung und Regionalentwicklung sowie Regulierungsfragen neuer Telekommunikations-Technologien. Aktuelle Schwerpunkte sind Datenschutz und Privacy in der Informationsgesellschaft. In diesem Bereich war er zuletzt etwa Koordinator der EU-Projekte PRISE und SurPRISE, zwei Projekte zum Thema Überwachung und Sicherheitstechnologien, die den Schwerpunkt auf gesellschaftliche Folgen und Konformität mit Grundrechten legten. Zurzeit arbeitet er an einer Studie zu Entwicklungsperspektiven und politischen Herausforderungen der Robotik in Österreich. Čas ist auch als Berater und Gutachter zu Ethikfragen für Forschungsprojekte und die Europäische Kommission tätig.

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