Gastkommentar

Barbara Horejs © ÖAW
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Dossier

"Archäologie zwischen 'genetischem Goldrausch' und ethischem Dilemma"

Gastkommentar

31.01.2019
  • Wien (Gastkommentar) - Der enorme Erkenntnisgewinn aus der molekularen Analyse alter Skelette aus Ausgrabungen eröffnet der Archäologie neue Quellen und hat in den letzten fünf Jahren zu einer Art "Goldrausch" bei der Erforschung prähistorischer Menschen mittels alter DNA - kurz: aDNA - und Isotopenanalysen geführt. Vor allem die Populationsgenetik und statistische Genomik konfrontiert uns dabei aber ungewollt mit längst ad acta gelegten ethischen Herausforderungen, wie Fragen zu Rassen, Migrationen und ihrem potenziellen politischen und ideologischen Missbrauch.

  • Die seit den 1980er-Jahren laufende molekularbiologische Erforschung alter Skelette und organischer Reste hat der Archäologie zur frühen Menschheitsgeschichte neue Quellen erschlossen. Die rasante Methodenentwicklung und jetzt machbare Auswertung ganzer Genome (ermöglicht durch hochparallele DNA-Sequenzierungsverfahren, die als Next Generation Sequencing bezeichnet werden) hat zu einer enormen Forschungsdynamik geführt. Die sensationelle Entdeckung einer dritten Menschenart durch Svante Pääbo und David Reich (Denisova-Mensch), der Nachweis zweier großer Migrationen nach Europa (zu Beginn und zu Ende des Neolithikums) sowie der Nachweis kürzlich erfolgter Selektionsprozesse (z.B. Laktosetoleranz, Depigmentierung) zählen zu den bahnbrechenden Ergebnissen. Die statistische Modellierung komplexer Verwandtschaftsverhältnisse zwischen Bevölkerungen ist gerade für die frühe Menschheitsgeschichte ohne Schriftquellen von besonderer Brisanz für unser Verständnis grundlegender Entwicklungen.

  • Anthropologie und Archäologie haben seit Beginn der akademischen Forschung vor rund 150 Jahren ein komplexes Methodengerüst stetig weiterentwickelt, um sich den vielschichtigen kulturellen Prozessen vergangener Gesellschaften annähern zu können. Dazu zählt auch die Anfang des 20. Jahrhunderts von Gustaf Kossinna aufgestellte falsche ethnische Interpretation archäologischer Fundgruppen (bekannt als "Siedlungsarchäologische Methode"), die zur Grundlage der Archäologie im deutschen Faschismus wurde. Im Nationalsozialismus hat sich die Archäologie mit diesen Konzepten auch für Rassenpolitik instrumentalisieren lassen. Die völkische und rassische Interpretation von Gruppen materieller Kultur (anhand der Übereinstimmung archäologischer Fundtypen) ist unbestritten widerlegt.

  • Im aktuellen "genetischen Goldrausch" scheinen einige fundamentale Aspekte dieser Erkenntnisse in den Hintergrund gedrängt zu werden. Das verlangt eine kritisch-konstruktive Auseinandersetzung im transdisziplinären Bereich, was derzeit auch intensiv stattfindet und in den internationalen Medien auch entsprechend rezipiert wird (jüngst: The New York Times Magazine, 17.1.2019). Eine internationale Konferenz des Instituts für Orientalische und Europäische Archäologie der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) in Wien im Dezember 2018 hat das Thema anhand von Genes, Isotopes & Artefacts im bronzezeitlichen Europa diskutiert (https://www.orea.oeaw.ac.at/veranstaltungen/event-detail/article/genes-isotopes-and-artefacts/).

  • Die starke Präsenz von aDNA-Publikationen in Fachzeitschriften wie Science, Nature oder PNAS von nur wenigen internationalen Labors folgt den üblichen Spielregeln von höher, schneller und weiter. Die dahinterstehenden komplexen genetischen Forschungsleistungen sind in den Supplementaries zugänglich, die sozio-kulturellen Analysen und Interpretationen bleiben aber meistens linear und eindimensional.

  • Gene können kulturelle Prozesse nicht erklären

  • Die untersuchten Gene stammen aus Knochen, die aus sich selbst heraus nicht verraten, in welchen kulturellen oder gesellschaftlichen Gruppen diese analysierten Menschen lebten. Diese Informationen können nur aus der Analyse des archäologischen Kontexts gewonnen werden. Die biologischen Verwandtschaftsbeziehungen mehrerer Individuen zueinander lassen sich nun über ihre DNA (sofern erhalten) feststellen, nicht aber ihre emotionalen oder sozialen Beziehungen. Weder die Gene noch die Archäologie liefern uns aber Informationen zur Sprache schriftloser Kulturen.

  • Aktuelle Versuche die indirekte Ausbreitung von Sprachgruppen ("Indoeuropäer") über die Jamnaja Kultur aus der eurasischen Steppe auf den europäischen Kontinent vor rund 5.000 Jahren populationsgenetisch zu rekonstruieren, sind heftig umstritten und veranschaulichen das Problem. Die Bewegung genetischer Signaturen in Raum und Zeit wird kulturell und mitunter sogar sprachlich interpretiert. Biologische Marker sollen also wieder einmal kulturelle Phänomene erklären. Die komplexen Prozesse von Mobilität auch in kleinem Maßstab, alle Formen von kultureller und gesellschaftlicher Adaption, Akkulturation und Veränderung sind wesentliche Faktoren zum Verständnis kultureller Dynamiken. Die Biologie vermag diese aber nicht zu analysieren. Weder die metrischen Maße von Körperteilen noch genetische Signaturen können kulturelle Prozesse rekonstruieren. Die von Archäologen, Anthropologen und Genetikern immer lauter geforderte bessere Zusammenarbeit bietet einen möglichen Ausweg aus diesem Dilemma

  • Es gibt keine "reinen" Populationen

  • Die mediale Dominanz der paläogenomischen Studien führte zu einer breiten öffentlichen Rezeption der Ergebnisse, die eine sicherlich ungewollte ideologische und politische Dimension erreichten. Exemplarisch sei hier die US-amerikanische White Supremacy Bewegung genannt, die ihre "arische Abstammung" auch durch genetisch bedingte Laktosetoleranz argumentiert, eine spezielle Mutation, die sich mit der Wanderung früher Ackerbauern nach Europa vor rund 8.000 Jahren ausgebreitet haben dürfte. Die faktenverzerrende Nutzung moderner Genetik im Kontext von überholten Rassentheorien hat mittlerweile solche Ausmaße angenommen, dass die American Society of Human Genetics erst kürzlich eine deutlich distanzierende Stellungnahme verfasste (https://www.cell.com/ajhg/fulltext/S0002-9297(18)30363-X).

  • Direkte demografische Schlussfolgerungen sind ein weiterer Aspekt zu missverstandener Genetik. So wurden moderne Populationen in Bezug zu modernen Staatsgrenzen beispielsweise auf dem Westbalkan genetisch auf Basis der Y-Chromosome interpretiert, um deren angeblich immer schon vorhandenen Bezug zu dieser einer konkreten Region zu betonen. Eine erstaunliche Entwicklung ist das insofern, da die Archäologie ebenso wie die aDNA-Forschungen selbst deutlich zeigen, dass das genetische Profil heute in Europa lebender Gruppen das Ergebnis von Wanderungen und Diffusion sind, die häufig und über viele Jahrtausende hinweg stattgefunden haben. Es gibt keine "reinen" oder "ursprünglichen" Populationen.

  • Wir alle sind gefragt

  • Zweifelsohne sind wir aktuell mit politischen und ideologischen Fehldeutungen komplexer wissenschaftlicher Erkenntnisse aus Genetik und Archäologie konfrontiert, die eine ethische Auseinandersetzung erzwingen. Aus meiner Sicht lässt sich das Problem - wenn überhaupt - nur gemeinsam mit allen involvierten Verantwortlichen lösen.

  • In unserer leicht erregbaren "Skandalgesellschaft" muss jede Form von analoger und digitaler Kommunikation von Ergebnissen durch Forscher sorgfältig durchdacht sein. In der Aufregungskultur der sozialen Medien ist ein Kontrollverlust über wissenschaftliche Erkenntnisse vermutlich nicht zu verhindern. Hier haben auch die Wissenschaftsjournalisten eine wichtige Rolle als Verantwortliche einer faktisch korrekten Kommunikation, die durchaus über die Reproduktion von Presseaussendungen hinausgehen sollte. Die in großen internationalen Wissenschaftsredaktionen üblichen Recherchen sowie die Einholung weiterer Forschermeinungen können bei diesem Themenbereich ein gewisses Sicherheitsnetz bieten. Schließlich sind die forschungspolitischen Entscheidungsträger verantwortlich, die Disziplinen Archäologie und Anthropologie sowie insbesondere ihre transdisziplinären Arbeitsfelder finanziell so auszustatten, dass der stetige Sprint zum nächsten Nature-Artikel für einen Ausweg aus prekären Arbeitsverhältnissen durchbrochen werden kann. Und schließlich sind wir alle auch als Konsumenten und Leser gefordert, die vermittelten Botschaften in populär(wissenschaftlich)en Medien kritisch zu hinterfragen, sobald falsche und vielfach widerlegte Rassentheorien angeblich wissenschaftlich belegt sind.

  • Links

  • https://www.orea.oeaw.ac.at

  • https://www.facebook.com/OREAnews/

  • ASHG Denounces Attempts to Link Genetics and Racial Supremacy, The American Journal of Human Genetics 103, 636-636, November 1, 2018 (https://www.cell.com/ajhg/fulltext/S0002-9297(18)30363-X)

  • Videos zur OREA Konferenz Genes, Isotopes & Artefacts online: https://www.youtube.com/watch?v=3mjSqSvJ7jc&list=PLmRZN1FA-ksaFQ_bSPy6L9bFQ1uC2Nv4q

Zur Person

Barbara Horejs, Direktorin des Instituts für Orientalische und Europäische Archäologie der ÖAW

Barbara Horejs ist Direktorin des Instituts für Orientalische und Europäische Archäologie der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) und Professorin für Urgeschichte an der Universität Tübingen. Sie leitet(e) interdisziplinäre und internationale Feldforschungen in Anatolien, Griechenland, Iran und auf dem Balkan. Ihr Forschungsfokus sind grundlegende Fragen der Menschheitsentwicklung vom frühen Holozän bis zu den Metallzeiten (10. bis 3. Jahrtausend v. Chr.) und die Veränderungen der menschlichen Gesellschafts- und Lebensmodelle. Sie verfasste über 100 Publikationen, darunter Bücher zum Neolithikum und den Metallzeiten, ist Herausgeberin verschiedener Publikationsreihen und der internationalen Zeitschrift "Archaeologia Austriaca". Sie studierte in Wien, Athen und Berlin, war FWF START Preisträgerin und ERC grantee.

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