Gastkommentar

Markus Schmidt © Biofaction
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Dossier

"Audiovisuelle Predigt oder Ausgangspunkt partizipativer Innovation?"

Gastkommentar

18.12.2015
  • Wien (Gastkommentar) - Laut Wikipedia versteht man unter dem Begriff Wissenschaftsfilm "einen Film, der in seinen Inhalten der Wissenschaft und der Forschung dient". Die Definition legt nahe, dass dabei weniger die Machart oder dramaturgische Qualität der Filme eine Rolle spielt, sondern dass Filmemacher sich in den Dienst der Wissenschaft zu stellen hätten. Wissenschaftsfilme sollen also in erster Linie Ziele und Inhalte der Wissenschaft an ein Laienpublikum herantragen, um so von der Wichtigkeit aber auch der Schönheit der wissenschaftlichen Erkenntnis zu überzeugen.

  • Eine weitere Funktion dieser Filme könnte man in der Vermittlung der Notwendigkeit der öffentlichen Ausgaben für Wissenschaft und Forschung vermuten, sozusagen als breitenwirksame Vorbeugung möglicher Budgetkürzungen. In speziellen Fällen, wie etwa der grünen Gentechnik, könnte man sich vom Wissenschaftsfilm auch erwarten, die sogenannten "irrationalen" Ängste der Bevölkerung zu reduzieren. In diesem Sinne stellt der Wissenschaftsfilm auch ein audiovisuelles Aufklärungs- und Propagandainstrument dar, welches stets, unidirektional, Wissen von Experten an Laien vermittelt. Sicherlich erfüllen die meisten Wissenschaftsfilmfestivals mehr oder weniger diese Erwartungshaltung.

  • Das von Markus Schmidt und Camillo Meinhart von der Biofaction KG 2011 ins Leben gerufene BIO·FICTION Science Art Film Festival zum Thema synthetische Biologie hingegen war von Anfang an als eine audiovisuelle Plattform gedacht, um über die "Technologisierung der Biologie" und die "Biologisierung der Technik" zu reflektieren. Zu diesem Zweck erkundet BIO·FICTION das neue Feld der synthetischen Biologie aus unterschiedlichen disziplinären Blickwinkeln, etwa aus der Perspektive der Naturwissenschaftler, Ingenieure, Sozial- und Kulturwissenschaftler, Amateurbiologen, wie auch der Filmemacher, Künstler und Designer. Ziel von BIO·FICTION war nicht vorrangig die Popularisierung der synthetischen Biologie, sondern vielmehr eine offene Auseinandersetzung mit der Forschung und Entwicklung selbst und deren Auswirkungen auf die Gesellschaft. In BIO·FICTION stellen Kurzfilme aus den Bereichen Dokumentation, Fiktion und Animation, den Kristallisationspunkt dieser Reflexion dar.

  • Der Siegerfilm aus 2014 "Copy & Clone" von Luis Rigaud zeigt beispielsweise die Auswirkung der alles umfassenden Gewinnmaximierung der Bioökonomie, in Form eines Bauernhof-Computerspiels. Ein weiterer Siegerfilm aus 2014, "Hybris" von Arjan Brentjes, zeigt die fiktiven Auswirkungen der Entdeckung des ewigen Lebens auf alltägliche Situationen, was beispielsweise zur Einstellung aller erotischen Handlungen aufgrund der fehlenden Notwendigkeit der Fortpflanzung führt.

  • In "New Mumbai" von Tobias Revell wird eine biotechnologische Erfindung aus Europa entwendet und in indischen Slums im Sinne der dortigen Bewohner als informelles Energiesystem eingesetzt. In "Reinventing the Dodo" von Steven van Eekelen feiert die Öffentlichkeit zunächst die synthetische Wiederauferstehung eines ausgestorbenen Vogels (De-Extinction) als wissenschaftliche Sensation, um nur wenig später von den sich zahllos vermehrenden Dodos so genervt zu sein, dass man sie fortan direkt zu Dodo-Hamburgern verarbeitet.

  • BIO·FICTION bietet eine Bühne für den kreativen und unkonventionellen Austausch zwischen Wissenschaft, Technologie und Kunst, um einerseits Auswirkungen neuer Biotechnologien auf Gesellschaft und Umwelt zu ergründen, und andererseits selbst die Forschungsziele unter Einbeziehung verschiedener Stakeholder zu diskutieren und neu zu formulieren. Die Idee ein Filmfestival nicht nur als audiovisuelle Predigt im positivistischen Sinne, sondern auch als Projektions- und Diskussionspattform über wissenschaftliche Ziele zu etablieren, konnte mit BIO·FICTION überraschend gut verwirklicht werden.

  • Die Filme halfen nicht nur in Wien, bei der dreitätigen Auftakt-Veranstaltung, einen spannenden interdisziplinären Diskurs zu eröffnen. Das Festival tourt mittlerweile seit einem Jahr um die ganze Welt und hat mittlerweile in über 20 Stationen in Europa, Nord- und Südamerika, Asien und Australien halt gemacht. Für März 2016 ist sogar eine Veranstaltung in der Amundsen-Scott Station in der Antarktis geplant.

  • Natürlich unterstützt BIO·FICTION auch die Ziele der Wissenschaft. Allerdings nicht in erster Linie als Erfüllungsgehilfin einer wissenschaftlichen Interessensgemeinschaft, sondern als unkonventionelle Plattform, um die Visionen, Vorstellungen und Ideen einer Reihe von Stakeholdern zu diskutieren. Wie sich gezeigt hat, eignen sich die Filme hervorragend, um eine engagierte und offene Diskussion zwischen Wissenschaftlern, Künstlern, und verschiedenen Öffentlichkeiten zu einem verantwortungsbewussten Umgang mit ethisch heiklen Themen, wie der synthetischen Biologie, zu initiieren.

Zur Person

Markus Schmidt, Gründer und Geschäftsführer der Biofaction KG

Dr. Markus Schmidt studierte Biologie und promovierte 2005 zu dem interdisziplinären Thema Risikobewertung gentechnisch veränderter Pflanzen. Er ist Gründer und Geschäftsführer der Biofaction KG, die sich mit den gesellschaftlichen Auswirkungen neuer Biotechnologien auseinandersetzt und den Austausch zwischen Wissenschaft und Kunst befördert. Neben der Forschungstätigkeit im Bereich der Technikfolgeabschätzung neuer Biotechnologien, produzierte Markus Schmidt mehrere Dokumentarfilme, Kunstausstellungen sowie Filmfestivals zur synthetischen Biologie.

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