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Freuds Psychoanalyse zwischen Wissenschaft und Pseudowissenschaft © APA/RS
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Auf der Suche nach der Wissenschaft

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25.04.2013
  • Von Thomas Altmutter/ APA-Science

  • Wien (APA-Science) - Was macht Wissenschaften aus und warum scheint es manchen Disziplinen, wie beispielsweise der Homöopathie oder der Astrologie wichtig zu sein, „wissenschaftlich“ zu wirken, beziehungsweise auf ein wissenschaftliches Fundament verweisen zu können? Wissenschaften genießen im Allgemeinen ein höheres Ansehen als Disziplinen, die unter die Kategorie Pseudowissenschaften fallen. Doch wo verläuft die Grenze zwischen beiden und ist sie unverrückbar und jederzeit eindeutig? Der US-amerikanische Jurist Potter Stewart sagte seinerzeit sinngemäß auf die Definition der „Hard-Core Pornography“ angesprochen: „Ich erkenne sie, wenn ich sie sehe.“ Ähnlichen Argumentationen begegnet man auch häufig in der Debatte um Pseudowissenschaften.

  • Überprüfbarkeit als Kriterium

  • Platon definierte, laut Brockhaus, „Wissen als wahre, mit Begründung versehene Erkenntnisform, die sich im Gegensatz zur Meinung nicht auf das Veränderliche und Wandelbare der Sinnwelt, sondern auf das unveränderlich Seiende bezieht.“ Diese Beschreibung ebnet bereits den Weg für ein wichtiges Merkmal des heutigen Wissenschaftsverständnisses, da sie Meinung und subjektives Erleben vom Wissen unterscheidet. Wissenschaft wird im Brockhaus unter anderem folgendermaßen beschrieben: „eine Gesamtheit von Erkenntnissen, die sich auf einen Gegenstandsbereich beziehen, nach bestimmten Regeln erworben und nach bestimmten Mustern, gegebenfalls institutionell organisiert beziehungsweise geordnet werden und in einem intersubjektiv nachvollziehbaren Begründungszusammenhang stehen.“ Nach dieser Beschreibung ist neben dem Vorhandensein von Regeln zum Erwerb und der Organisation von Erkenntnissen gerade die Überprüfbarkeit durch andere Personen ein entscheidendes Merkmal von Wissenschaften.

  • Gerade dieses Überprüfbarkeitskriterium ist in der Debatte um Pseudowissenschaften oft ein Zankapfel, scheinen sich doch einige Bereiche einem experimentellen Nachweis standhaft zu widersetzen. Um dennoch die Gültigkeit der eigenen Aussagen zu belegen, wird auf Beispiele und Fälle verwiesen, in denen sich die besagte Theorie bestätigt hat. Gerade in Gebieten, die sich mit der Gesundheit im weitesten Sinne beschäftigen, scheint hier eine Vermischung der Begriffe „Wissenschaftlichkeit“ und „Wirksamkeit“ stattzufinden. Die Annahmen dahinter lassen sich dabei so zusammenfassen, dass „wissenschaftlich“ mit „wirksam“ und „unwissenschaftlich“ mit „unwirksam“ gleichgesetzt zu werden scheint. Diese Behauptung überlagert die Auseinandersetzung und erschwert damit in weiterer Folge einen sachlicheren Austausch. Die Bezeichnung „wissenschaftlich“ stellt allerdings umgekehrt auch kein Garantiesiegel für Richtigkeit dar. „99 Prozent meiner Hypothesen wurden im Experiment widerlegt", erläuterte beispielsweise der Pharmakologe Bernd Mayer vom Institut für Pharmazeutische Wissenschaften an der Universität Graz bei einem Vortrag in Wien. Der Gegenbeweis scheint also für das wissenschaftliche Arbeiten eine wichtige Rolle zu spielen.

  • Freud und die Wissenschaft

  • Auch die Psychologie hat eine wechselvolle Geschichte hinter sich und hat sich in verschiedene Gebiete verzweigt. Ein Bereich, der neben der Parapsychologie im Zusammenhang mit Pseudowissenschaften immer wieder auftaucht, ist Sigmund Freuds Psychoanalyse. Hier handle es sich um ein "gutes Beispiel, weil sie wahrscheinlich für die meisten von uns innerhalb der Psychologie schon eine Pseudowissenschaft ist", erklärte etwa der Sozialpsychologe Andreas Hergovich von der Universität Wien. Das war nicht immer so, denn vor einigen Jahrzehnten wäre die Psychoanalyse noch sehr angesehen und ein Teil der "Mainstream-Psychologie". Davon habe sie sich aber verabschieden müssen.

  • Anna Lindemann vom Institut für Geschichte der Universität Wien, die sich auf Wissenschaftsgeschichte spezialisiert hat, beschreibt Freud gegenüber APA-Science als vielseitigen Wissenschafter, der sich während seines Lebens mit vielen Forschungsrichtungen und unterschiedlichen Standards und Methoden beschäftigt hat. Von der neuroanatomischen Grundlagenforschung, wo er Nervengewebe schnitt und präparierte führte sein Weg über die Kokainforschung, die hauptsächlich im Selbstversuch erfolgte, hin zur Spezialisierung auf Neurologie und Neuropathologie sowie der Eröffnung seiner Praxis in Wien im Jahr 1886. "Freud hat seine Forschung immer als eine naturwissenschaftliche aufgefasst. Die (natur-)wissenschaftlichen Standards sind aber nicht dieselben geblieben, so dass es unfair wäre, Freud anhand heutiger wissenschaftlicher Kriterien zu beurteilen," meint Lindemann.

  • Im 20. Jahrhundert brachte der Wissenschaftsphilosoph Karl Popper die Unterscheidung zwischen Wissenschaft und Pseudowissenschaft in den Vordergrund, der Einsteins Arbeit auf Seiten der erstgenannten und die von Freud entwickelte Psychoanalyse der letzteren zuordnete. Bestätigt wurde er von Thomas S. Kuhn wenngleich aufgrund einer anderen Herangehensweise an den Wissenschaftsbegriff.

  • "Ob Kuhn oder Popper der wissenschaftlichen Praxis gerecht werden mit ihren Definitionen, bzw. normativen Wissenschaftsvorstellungen ist fraglich. Inwieweit ihre Wissenschaftsauffassungen sich decken mit denen von anderen Forschern oder Philosophen auch,“ gibt Lindemann zu bedenken. Der Weg zur ewig gültigen Definition von Wissenschaft scheint nicht zuletzt durch die Entdeckung neuer Bereiche noch ein langer, wenn nicht nie endender zu sein.

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