Gastkommentar

Bin Hu © AIT/Rita Skof
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Dossier

"Automatisierte Fahrzeuge im Güterverkehr?"

Gastkommentar

24.10.2019
  • Wien (Gastkommentar) - Was würden Sie denken, wenn Ihr nächstes Amazon Paket nicht von einem Paketboten, sondern zur Gänze automatisch zugestellt wird?

  • Automatisierte Fahrzeuge werden erhebliche Auswirkungen auf den Transportsektor mit sich bringen. Manche träumen bereits vom Komfort eines selbstfahrenden Pkw, in dem man während der Fahrt schlafen oder arbeiten kann. Andere haben vielleicht schon den einen oder anderen automatisierten Shuttlebus ausprobiert, der den Testbetrieb aufgenommen hat.

  • Weniger vordergründig sind Veränderungen im Güterverkehr. Dabei muss bedacht werden, dass ein wesentlicher Teil des Gütertransports auf der Straße erfolgt. Dieser ist zwar weniger umweltschonend, bietet jedoch auf kurzer und mittlerer Distanz mehrere Vorteile gegenüber anderen Verkehrsmodi: Flexibilität bei der Transportmenge, dichtes Straßennetz und Reduktion der Umschlagshäufigkeit. Die hohe Nachfrage nach Straßentransport wird durch den wachsenden E-Commerce verstärkt, auf der anderen Seite gibt es jedoch einen weitgehenden Lkw-Fahrermangel. Denn Berufsfahrer ist wegen der bescheidenen Bezahlung und den anstrengenden Langstreckenfahrten eine unattraktive Tätigkeit.

  • Diese Tendenz treibt die Automatisierung des Güterverkehrs enorm voran. Vor allem die Langstreckenfahrt auf der Autobahn wird die erste Komponente sein, die automatisiert werden kann. Daraus ergeben sich neue Möglichkeiten: Der Fahrer könnte zunächst die erste und letzte Meile (Zustellung im urbanen Gebiet) manuell übernehmen, während der anstrengende Teil auf der Autobahn automatisiert wird. Der Fahrer kann sich währenddessen ausruhen und übernimmt die Kontrolle nur in Ausnahmefällen.

  • In einer weiteren Ausbaustufe kann ein Fernbedienungsmodell zum Einsatz kommen. Dann befindet sich gar kein Fahrer mehr in der Kabine, sondern die große Lkw-Flotte wird mit einem Pool von erfahrenen Lkw-Fahrern in einer Leitstelle verbunden. Diese sind in der Lage, im Notfall ein Fahrzeug fernzusteuern. Das führt natürlich zu einer Veränderung des Tätigkeitsprofils von Berufsfahrern, die durchaus Herausforderungen mit sich birgt. Auf technischer Seite wird die Menge der zu übertragenden visuellen Daten und anderen Sensordaten enorm sein. Mit der Einführung von 5G erwartet man jedoch, dass die Bandbreite kein Hindernis darstellt.

  • Der Einsatz von automatisiertem Güterverkehr im urbanen Raum wird wegen der signifikant höheren Komplexität erst später erfolgen. Dann wird endlich die automatisierte Paketzustellung möglich sein. Studien und Konzepte zeigen, dass diese meist kleineren und elektrischen Roboterfahrzeuge mehrere akute Probleme adressieren: Emission, Navigation im engen Raum in der Innenstadt und die Arbeitszeiteinschränkung bei der manuellen Paketzustellung. Auf der Empfängerseite entsteht ein Bedarf an geeigneter Infrastruktur für diese Roboterfahrzeuge, nämlich automatisierte Paketschließfachsysteme. Eine noch zu bewältigende Herausforderung ist, dass momentan in der Regel jedes Logistikunternehmen sein eigenes System einsetzt. Für eine wirtschaftlichere und nachhaltigere Lösung sollte der Trend in Richtung White-Label-Systeme gehen, die für alle Logistikunternehmen offen sind.

  • Ähnlich wie bei der (fehlenden) gemeinsamen Nutzung der Infrastruktur gibt es Mängel in Bezug auf die Datenverfügbarkeit. Ein wesentlicher Engpass bei der Verbesserung der operativen Effizienz des Güterverkehrs durch Bündelung ist der Mangel an Datenverfügbarkeit und Datenaustausch. Der Wettbewerb zwischen den Logistikunternehmen hemmt die Offenlegung von Daten. Über kollaborative Ansätze wird jedoch immer öfter laut nachgedacht und zum Teil werden diese bereits praktiziert. Es besteht daher ein dringender Bedarf an zielgerichteten, konsistenten und homogenen Daten, um die Automatisierung im sogenannten Collaborative Transport voranzutreiben. Dies ist essenziell für die Konsolidierung, die Synchromodalität und im Allgemeinen das Physical Internet.

  • AIT leitet das Arbeitspaket zum Güterverkehr im H2020 Projekt "Levitate", das von der europäischen Kommission gefördert wird. Darin werden diese Themen behandelt und die Auswirkungen im Detail untersucht. Die vier Hauptziele des Projekts sind:

  • • Unterstützung von Städten, die Auswirkungen der automatisierten Mobilität abzuschätzen und die Verkehrsinfrastruktur sowie Vorschriften und Regelungen entsprechend zu gestalten,

  • • Entwicklung von Mobilitätskonzepten für Busshuttle-, Pkw- und Güterverkehr - basierend auf zukunftsweisenden Lösungen und innovativer Technologie,

  • • Ausarbeitung von Methoden zur Bewertung und Steuerung der kurz-, mittel- und langfristigen Auswirkungen automatisierter Transportsysteme auf Mobilität, Sicherheit, Umwelt, Wirtschaft und Gesellschaft,

  • • Anwendung dieser Methoden und Prognose der Auswirkungen des fahrerlosen Transports in einer Vielzahl von Use Cases mit dem Ziel, ein nachhaltiges Mobilitätssystem zu fördern.

Zur Person

Bin Hu, Center for Mobility Systems des Austrian Institute of Technology (AIT)

Dr. Bin Hu studierte Informatik an der Technischen Universität Wien. Seit 2015 ist er als Scientist am Center for Mobility Systems des AIT Austrian Institute of Technology tätig. Sein Forschungsschwerpunkt liegt im Bereich der Transportoptimierung und Logistik. Er publiziert regelmäßig in hochrangigen Journalen, ist auf Fachtagungen vertreten und als Organisator von Konferenzen im wissenschaftlichen Bereich aktiv. Weiters ist er im Advisory Board des European Transport Research Review (ETRR), Logistics Research Austria (LRA) und Advisory Council for Aeronautics Research in Europe (ACARE) als Mitglied tätig.

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