Dossier

4
Dossier

Bauchspeicheldrüsenkrebs: Bestimmtes Protein begünstigt Entstehung von Pankreatitis und Tumoren

Dossier

31.01.2018
  • Wien (MEDUNIWIEN) - Das Pankreaskarzinom ist eine der aggressivsten Krebsarten und bisher kaum therapierbar. Jedoch gab es in den letzten Jahren Fortschritte im wissenschaftlichen Verständnis der Entstehung des Karzinoms auf molekularer Ebene. So spielen neben bestimmten Risikofaktoren auch genetische Veränderungen eine Rolle. Ein Team um die Labormedizinerin Jelena Todoric vom Klinischen Institut für Labormedizin der MedUni Wien und den Molekularbiologen Michael Karin von der University of California in San Diego konnte im Rahmen einer im Top Journal Cancer Cell publizierten Studie zeigen, dass eine gestörte Autophagie der Zellen den genetischen Veränderungen vorausgehen kann. Dabei entsteht eine abnorme Menge des Proteins p62/SQSTM1, das die Bauspeicheldrüsenzellen ungünstig beeinflusst und als Folge jene Gewebeveränderungen verursacht, die sich zu einem Pankreaskarzinom weiterentwickeln.

  • In Österreich erkranken jährlich etwa 1.500 Menschen am Pankreaskarzinom, das sind rund vier Prozent aller bösartigen Krebserkrankungen. Bauchspeicheldrüsenkrebs macht anfangs kaum Beschwerden, weshalb die Diagnose zumeist erst im fortgeschrittenen Stadium erfolgt. Weniger als zwanzig Prozent der PatientInnen sind dann noch operabel.

  • Es ist in der medizinischen Forschung bekannt, dass 16 Prozent der gesunden Menschen und 60 Prozent von an Pankreatitis, also an Bauspeicheldrüsenentzündung, erkrankten PatientInnen, sogenannte Vorläuferläsionen in der Bauchspeicheldrüse aufweisen. Daraus kann sich später mit einem Prozent Wahrscheinlichkeit ein Karzinom entwickeln. Aber auch genetische Faktoren, Risikofaktoren wie Rauchen, Übergewicht, Diabetes und eine chronische Bauspeicheldrüsenentzündung spielen eine Rolle. Wie all diese Faktoren miteinander zusammenhängen und welche Mechanismen dahinter stehen, war allerdings bisher unklar.

  • Jetzt ist es dem Team um die Labormedizinerin Jelena Todoric vom Klinischen Institut für Labormedizin der MedUni Wien und den Molekularbiologen Michael Karin von der University of California in San Diego gelungen, im Rahmen einer Studie am Tiermodell und anhand von menschlichem Zellmaterial nachzuweisen, dass eine Störung der Autophagie der Zellen an der Entstehung des Karzinoms mitbeteiligt ist. Die Autophagie ist jener notwendige Vorgang im Körper, bei dem Zellen eine Art Recycling betreiben und eigene Bestandteile abbauen und wiederverwerten, sowie schlechte Proteine und zelluläre Abfälle abstoßen. Wenn eine solche Störung vorliegt, die zum Beispiel durch Rauchen und Übergewicht verursacht werden kann, verschlechtert das die genetisch verursachten, bestehenden Läsionen an den Bauchspeicheldrüsenzellen, deren Funktion die Produktion von Verdauungsenzymen ist. Es kommt dann zu einer ungewöhnlichen Anhäufung des Proteins p62/SQSTM1, das typischerweise bei chronischer Pankreatitis und in den Vorläuferläsionen (pankreatische intraepitheliale Neubildungen PanIN) erhöht ist.

  • In der Studie konnte gezeigt werden, dass die Akkumulation von p62/SQSTM1 die Entstehung von frühen Vorläuferläsionen, den sogenannten azinär-duktalen Metaplasien begünstigt. In der Folge entsteht aus einer Kaskade molekularer Aktivitäten dann das Pankreaskarzinom. Dabei bewirkt zunächst das Protein p62 eine Verlagerung eines weiteren Proteins namens NRF2 in den Zellkern. Dieses wiederum stimuliert die Produktion vom Protein MDM2. Erhöhtes MDM2 wandelt Azinarzellen, die bestimmte krebsverursachende Genmutationen aufweisen, in stark wuchernde Duktzellen um. Daraus wächst schließlich der maligne Bauchspeicheldrüsentumor, das Duktale Adenokarzinom der Pankreas.

  • Das Resultat der Studie legt nahe, dass ein neuer therapeutischer Ansatz in der Behandlung der Autophagie liegen könnte, da die meisten genannten Risikofaktoren diesen Prozess stören. Die Entwicklung zielgerichteter MDM2-Medikamente könnte zukünftig die Entstehung des bösartigen Bauchspeicheldrüsenkrebses bei Menschen mit hohem Erkrankungsrisiko verhindern.

  • Service: Cancer Cell

  • Stress Activated NRF2-MDM2 Cascade Controls Neoplastic Progression in Pancreas. Todoric J, Antonucci L, Di Caro G, Li N, Wu X, Lytle NK, Dhar D, Banerjee S, Fagman JB, Browne C, Umemura A, Valasek MA, Kessler H, Tarin D, Goggins M, Reya T, Diaz-Meco M, Moscat J, Karin M. http://www.cell.com/cancer-cell/fulltext/S1535-6108(17)30464-6 DOI: http://dx.doi.org/10.1016/j.ccell.2017.10.011

    Rückfragehinweis:
    Medizinische Universität Wien
    Mag. Johannes Angerer
    Leiter Kommunikation und Öffentlichkeitsarbeit
    +431 40160 - 11 501
    Mobil: +43 664 800 16 11 501
    johannes.angerer@meduniwien.ac.at
    http://www.meduniwien.ac.at
  • Digitale Pressemappe: http://www.ots.at/pressemappe/1238/aom

  • *** OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS - WWW.OTS.AT ***

STICHWÖRTER
Krebs  | Medizin  | Forschung  | Wissenschaft  | Krankheiten  | Dossier  | Gesundheit  |

Dossier

Fast neun Millionen Menschen sterben weltweit jährlich an Krebs, mindestens 14 Millionen erkranken im selben Zeitraum neu daran. Damit ist die Krankheit nach ...

Gastkommentare

"Big Data in der Krebsforschung"
von Marc Streit
Institut für Computergrafik an der Johannes Kepler Universität Linz
"Krebs-Früherkennung: Neue Chancen und Herausforderungen"
von Martin Widschwendter
Professor für frauenspezifische Tumorerkrankungen am University College London
"Krebs: An den Grenzen der naturwissenschaftlichen Betrachtung"
von Matthias Beck
Professor für theologische Ethik mit Schwerpunkt Medizinethik an der Universität Wien
"Manche Breaking News wecken bei Patienten falsche Hoffnungen"
von Paul Sevelda
Präsident der Österreichischen Krebshilfe

Hintergrundmeldungen

Brustkrebs war 2015 die häufigste Krebserkrankung bei Frauen © APA

2015 lebten in Österreich 340.840 Personen mit Krebsdiagnose

Am 4. Februar wird international der Welt-Krebstag 2018 begangen. Zum ...
2015 starben rund 8,8 Millionen Menschen an Krebs © APA

Krebs - Immuntherapie mit Aussicht auf langfristige Erfolge

Die neue Immuntherapie bei Krebs mit den sogenannten Checkpoint-Inhibitoren hat ...
Kein Einzelner wird "Experte" für alle Lungenkarzinomformen sein können © APA (dpa)

Onkologe Zielinski: "Wir werden eine extreme Spezialisierung sehen"

Jährlich erkranken in Österreich 39.000 Menschen an Krebs. Weltweit sind es ...
Kosten-Nutzen-Frage wird wieder stärker diskutiert © APA (Fohringer)

Krebstherapie - Zwischen knappen Kassen und optimaler Behandlung

Der Bauchladen an innovativen Medikamenten und neuen Behandlungsverfahren bei ...
Durch weniger Rauchen, weniger Alkohol, mehr Bewegung © APA (Fohringer)/HEF

Ein Drittel aller Krebserkrankungen ließe sich vermeiden

Es gibt Krebsarten, die sich scheinbar nicht verhindern lassen. Doch ein ...
Die Maus ist ein idealer Modellorganismus © APA

Von Krebs, Mäusen und anderen Tieren

Wer "Tierversuche" sagt, ruft häufig Tierschützer auf den Plan. Die Forschung ...
LBI forscht an neuen Verfahren zur besseren Therapiefindung © LBG/Schewig-Fotodesign

"Wollen keinen Tumor-Screenshot, sondern Live-Beobachtung"

Auf der Suche nach Biomarkern eröffnet die Molekularbiologie der ...
Egger (re.), Tran: "Ziel ist, irgendwann die Krankheit zu besiegen" © LBG

Aus dem Alltag einer Krebsforscherin: "Undenkbar, nicht mehr im Labor zu stehen"

Die Molekularbiologin Gerda Egger vom Ludwig Boltzmann Institut Applied ...
Diverse Marker sind auch im Speichel nachweisbar © APA (dpa)

Es tut sich viel in der Biomarker-Forschung

Biomarker sind biologische Merkmale, die objektiv messbar sind und auf einen ...
Eine Killerimmunzelle in rasterelektronenmikroskopischer Nahaufnahme © MedUni Innsbruck/Pfaller

Krebstherapie: Experten hoffen auf Umschulung des Immunsystems

Einer besonders perfiden Strategie von Tumorzellen tritt man mit der ...
Klinische Forschung kommt kaum mit Auffinden neuer Wirkstoffe zurecht © APA (dpa)

Neue Therapien kämpfen gegen "Flaschenhals" in Entwicklung

Auf molekulare Charakteristika der Krebszellen beim einzelnen Patienten ...
61 Prozent der Betroffenen überleben mehr als fünf Jahre © APA (dpa)

Österreich mit an der Spitze bei Krebs-Überlebensraten

Die Zahl der Krebs-Neuerkrankungen steigt in Europa. Österreich ist mit an der ...
Moderne Medizin hält Mortalität in Grenzen © APA (AFP)

Welt-Krebstag 2018: Zahl der Krebserkrankungen steigt

Am kommenden Sonntag (4. Februar) wird international der Welt-Krebstag 2018 ...

Mehr zum Thema